politisches Menetekel

»Die Bundesregierung wird das neue Konzept zur zivilen Verteidigung am Mittwoch im Kabinett beraten, Innenminister Thomas de Maizière (CDU) will die Pläne danach der Öffentlichkeit vorstellen. […] So würden die Bürger unter anderem aufgerufen, ›einen individuellen Vorrat an Lebensmitteln von zehn Tagen‹ und für einen Zeitraum von fünf Tagen je zwei Liter Wasser pro Person und Tag vorzuhalten. […]
›Nicht nur, aber auch wegen der verschärften Bedrohung durch den islamistischen Terrorismus ist es wichtig, die Abwehr- und Reaktionsfähigkeit unserer Zivilschutz­organisationen in regelmäßigen Abständen zu überprüfen und den neuen Heraus­forderungen anzupassen.‹[, so der innenpolitischen Sprecher der CDU/CSU-Bundes­tagsfraktion, Stephan Mayer]
« (Quelle: FAZ).
So langsam fürchte ich, daß ich irgendwie „den Schuß” nicht gehört habe. Welches Feindbild soll uns denn diesmal als Menetekel an die Wand gezaubert werden, das es rechtfertigt, mit Maßnahmen, die schon zu Zeiten des Kalten Krieges (unter Betschwestern: vor rund 45 bis 65 Jahren) gnadenlos veraltet waren, sich gegen eine irgendwie und nebulös dräuende Gefahr zu wappnen?
Zudem läßt eine sorgfältig-kritische Analyse der Wortwahl – ja, ich weiß, das ist für die überwältigende Mehrheit der Rezipienten, die eh nur auf Reizworte anspringt, absolut nicht intendiert – Schlimmes befürchten. Man muß nicht Lingual-Gourmet sein, um an der Stelle ‘nicht nur, aber auch […] islamistischer Terrorismus’ stutzig zu werden. Wir schaffen das! Und wenn wir, also Regierung und die ihr unterstehende ‘Zivilschutz­organisationen’, das Ergebnis unserer erfolgreichen *chchch* Politik einmal mehr von denen tragen lassen, auf deren Meinung wir intensiv sche*ßen, wir schaffen das.

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Account-Sicherheit

Wie war das, wenn man dem derzeitigen Hype ums Thema Glauben schenken darf: Paßwörter sind per se ein ziemlich schwacher Zugriffsschutz und sie entfalten – wenn überhaupt – ihre beste Wirkung noch am ehesten, wenn sie möglichst lang und/oder kryptisch sind. Zudem sollten sie, da die Zugriffsmöglichkeiten eben alles andere als sicher sind (es werden nicht nur einzelne Accounts sondern gleich ganze Datenbanken mit User-Listen gehackt) immer wieder einmal gegen andere möglichst lange und/oder kryptische und vor allem maximal unähnliche ausgetauscht werden…
Angesichts des turnusmäßigen Paßworttausches erhebt sich sofort eine Frage, die wie mit Leuchtbuchstaben am Firmament prangt: Wie sinnvoll können Retina-Scan und andere biometrische „Rastersichtungen” (Fingerabdruck, Gesichtsform etc.) angesichts der drohenden und immer bedrohlicher werdenden Hackergefahr eigentlich sein?

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Futter für Reißzähne

Es mag sein, daß es Leute gibt, die mit Ringelblume, Kresse und Rucola glücklich sein können. Kann ich auch, aber ein rare-Steak steigert den Genuß ∞-fach:Steak20160805

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enfant perdu

»Wissen ist Macht« – dieser flotte Spruch soll auf Francis Bacon (* 1561, † 1626) zurück­gehen. Doch um welches Wissen handelt es sich und um welche Macht?
Unter reichlich Zehntausenden ist vielleicht ein Wesen, das in der Lage ist, frei von Ressentiments Wissen zu destillieren. Welche Macht besitzt es? Die Macht, Wahres zu erkennen? Die Macht, zu erkennen, daß die Welt mitnichten die beste aller möglichen ist? Daß der hehre Erkenntnisdrang nicht nur nichts bewirkt, sondern höchst unwillkommen und nur möglich ist, weil ihn Brosamen, die ihm gnädig aus der als, ach, so unvollkommen erkannten Welt hingekrümelt werden, Lohnes genug sind, unsinnig nach Sinn zu streben?

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Zeit ist nicht relativistisch

Wir nehmen nur wahr, was sich ändert. Diese Wahrnehmungsschwelle ist kategorisch: ein Objekt, das sich nicht von seinem Hintergrund abhebt, das keinerlei Zeigerausschlag auf welchem Meßinstrument auch immer hinterläßt, ist nicht wahrnehmbar.
Wir können über Dinge, die sich nicht ändern, nichts wissen. Es lassen sich zwar Vermutungen anstellen, aber solche sind nicht überprüfbar (weder verifizierend noch falsifizierend), da jede „Anfrage an das Ding” ohne Reaktion (= Veränderung), also unbeantwortet bleibt. Das einzige Kriterium über die Brauchbarkeit der Setzung, die ein konkretes ‘Ding der Unveränderlichkeit’ definiert, ist die Widerspruchsfreiheit zum Konzept unserer erfahrbaren Welt, der Welt der Änderungen.

Zeit ist nicht quantitativ, sondern rein qualitativ

Zeit ist etwas, das sich nicht ändert; somit gehört Zeit in die Kategorie der nicht wahrnehmbaren Dinge. Zeit kann nicht angehäuft oder vernichtet werden. Zeit fließt nicht. Zeit hat keine Farbe, keinen Geruch. Alle Spekulationen über die Zeit sind eben auch nur Spekulationen – auch die Einsteinsche Spekulation über die Existenz oder Nichtexistenz einer Absoluten Zeit.
Zeit ist am ehesten ein individuelles „Ordnungsschema”, um Dinge, die irgendwie voneinander abhängen, in eine (chrono-) logische Abfolge zu bringen (vgl. hier). Damit bezieht sich Zeit auf Qualitäten wie etwa „A geschah vor B” oder „B erfolgte nach A”. Diese Qualitäten sind nicht steigerbar (‘vor → vorer → am vorsten’) und auch nicht additiv: ‘A vor B und B vor C’ bedeutet nicht ‘A zweivor C’.
Halt! Moment, das stimmt ja gar nicht. Das Ereignis, daß zu allen anderen zeitlich „am vorsten” datiert, beweist doch wohl, daß Zeit-Qualität steigerbar ist. Diese Qualität heißt zwar etwas anders, nämlich ‘zu(aller)erst’, gibt aber der Zeit einen Wert (etwa t = 0) und somit auch Quantität. Schön wär’s. Eine solche Nullpunktsetzung ist eben nur eine Setzung, empirisch greifbar ist dieser Punkt nicht. Zudem trennt dieser Punkt die Welt ohne Veränderungen von der Welt mit Veränderungen, indem die allererste Veränderung den „zuerst”-Zeitpunkt definiert. Das wäre aber eine Wirkung ohne Ursache(n), also ein deftiger Widerspruch zu unserem – wie oben bereits erwähnt – Weltkonzept.

Zeit ist zugleich universell und punktuell

Den ersten Satz im vorigen Abschnitt straft doch wohl die Empirie Lügen. Jedes Ticken einer Uhr ist eine Widerlegung! Ist es so? Die Abläufe ‘A vor B’ an diesem und ‘C vor D’ an jenem Ort sind nicht quantifizierbar, wenn Zeit ein Nacheinander (im Gegensatz zum Raum mit seinem Nebeneinander) von Ereignissen beschreibt. Zumindest ist die Zeit nicht direkt, also aus sich heraus, quantifizierbar. Doch die Findigkeit menschlichen Ingenieurs­wesens scheint unbegrenzt: es lassen sich periodisch ablaufende Maschinen und Vorrichtungen erfinden oder natürliche Prozesse aufspüren, deren empirisch empfundene Regelmäßigkeit ausgenutzt werden kann, um der abstrakten Zeit ein Gesicht zu verleihen. Die Rotation der Erde [→ Tag], der Umlauf des Mondes um die Erde [→ Monat] oder der Erde um die Sonne [→ Jahr] sind astronomische Beispiele für die Nutzung turnusmäßig ablaufender Prozesse zur Schaffung einer abstrakten (aber an der Empirie geeichten) Maßzahl, die man „empirischen Zeittakt” nennen könnte. Dieser empirische Zeittakt ist nicht die Zeit selbst und ist auch keine physikalische Größe. Er ist ein Abstraktum, das sich als praktisch erwiesen hat im zwischenmenschlichen Mit- bzw. Gegeneinander.
Die Zeit kann man ohne viel Bauchgrimmen als universell ansehen, den Zeittakt nicht. Bei diesem ist es eher rational, ihn von Ort zu Ort, von Beobachter zu Beobachter variabel anzusehen. Einsteins Relativitätstheorie ist ein Versuch, individuelle Zeittakte untereinander vergleichbar zu machen. Aber aus bilateralen Umrechnungsvorschriften, die gültig für die Beobachter X und Y sind, auf die universelle Zeit zu schließen, ist im höchsten Maße fragwürdig.

Wir nehmen nur wahr, was sich ändert. Der „statische Untergrund”, vor dem wir uns bewegen, ist für uns nicht wahrnehmbar, aber er gibt die Randbedingungen vor, die gewissermaßen unsere Naturkonstanten eichen. Der Blick in die Tiefe des Alls läßt uns nur die Dinge wahrnehmen, die sich ändern (nicht nur, aber im wesentlichen das Pulsen elektromagnetischer Wellen, also Licht-, Radio- und Röntgenstrahlung etc.), ohne den dortigen, auch dort unveränderlichen Untergrund erfassen zu können, und doch übertragen wir unser begrenztes Wissen – begrenzt durch die selektive Wahrnehmung eines sehr eingeschränkten Ausschnittes der Welt – auf alle Zeiten (genauer: Zeittakte) und alle Räume.
Ist es nicht bedauerlich, daß die Einsicht: „Ich weiß, daß ich nicht weiß” heutzutage nicht mehr als Leitmotiv dient…

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Sanktionen = Politik der Schwäche

Sieh an, über Nacht scheinen gültige Rechtmittel ihre Brauchbarkeit verloren zu haben, und offenbar deshalb sind sie durch willkürliche Strafmaßnahmen zu ersetzen: »SPD will säumigen Unterhaltszahlern Führerschein abnehmen – Erst Schwesig und Maas, nun der SPD-Parteichef: Auch Gabriel plädiert für einen Führerscheinentzug als Strafe, um etwa säumige Unterhaltszahler zu sanktionieren« (Quelle: Zeit Online)..
Hmm, also der Führerschein als Erpressungsmittel?! Läßt sich wohl nichts dagegen sagen – die Obrigkeitskaste hängt ihr Leumundmäntelchen hübsch nach dem Wind (nicht von ungefähr kam Tucholsky auf den Gedanken über Soldaten, die potentielle Mörder sind). Und wer gerade kein Auto betreibt, aber einen Führerschein hat, oder wer erst gar keinen Führerschein besitzt, dem werden lebenswichtige Medikamente entzogen oder wahlweise das Trinkwasser. Was denn?! Wenn man schon pieksen will, muß es schließlich auch wehtun.
Irgendwie ist es schon ganz erstaunlich, wie manche Partei darum bettelt, bittebitte nicht mehr wählbar zu sein.

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Amok

Ich weiß es nicht! Ganz freimütig gebe ich es zu: mit dem Thema „Amok” bin ich irgendwie noch nicht durch (vgl. hier oder hier). Wenn Tante Wiki richtigliegt, geht Amok auf das malaiische Wort ‘amuk’ zurück, was wohl „wütend/rasend” bedeutet, also einen „psy­chischen Ausnahmezustand mit blindwütig zerstörerischem Verhalten einer Person” (Quelle: wiki). An dieser Wortquelle beeindruckt mich die exakte Beobachtung: jenseits jeder „wissenschaftlichen” Überfrachtung wird ein besonderer Zustand konstatiert, ohne sich in Spekulationen über seinen Entstehungsprozeß zu ergehen.
Da ist die „aufgeklärte” abendländische Wissenschaft schon weiter, glaubt sie zumindest wohl irgendwie: hier ist das Resultat (= das „Fallen eines Relais”) eher bedeutungslos gegenüber der wüsten Spekulation über seinen Entstehungsprozeß. Dabei ist allein das Hauptargument an sich schon fragwürdig, nämlich die mitunter akribische Vorbereitung auf einen später einmal (oder auch nicht) stattfindenden Amoklauf. Würden nicht, wenn man dieser „Logik” konsequent folgte, alle Zeitgenossen, die sich mit Testament, Patientenverfügung und anderen Regulierungen für den Fall ihres Ablebens befassen, als potentielle Selbstmörder eingestuft werden müssen?
Es erweckt durchaus den Eindruck, daß eine Definition konsensfähig geworden ist, die die Verantwortung der Gesellschaft (aller!, nicht nur des Staates, sondern von Partner über Familie über Kollegen über Vereins- oder Interessengenossen etc.) bis zur Nichtigkeit zu schmälern sucht; das ist so ähnlich wie bei der Depression. Und beim Amok drückt sich, scheint’s, die Gesellschaft nicht nur vor ihrem Teil der Verantwortung, sondern speziell die Obrigkeitskaste setzt alles daran, eine Kriminalisierung vorzunehmen, um nach ihrem Gusto Einzelfälle, die jeder für sich horrend und tragisch sind, also untypische Einzelfälle bzw. statistische  Ausreißer für ihre Interessen zu instrumentalisieren…

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