Hate Speech

Das Drumherum um „Haßäußerungen” (zu gut Deutsch: hate speech) kann man eigentlich nur lieben. Irgendwie kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, das ist der Name der neuesten Sau, die aktuell durch’s Dorf getrieben wird.
Nimmt man versuchsweise an, daß Haßäußerungen jedem zueigen sind, der (♀ oder ♂) sich auf halbwegs anonymen Portalen in der Gewißheit wähnt, keiner moralischen Instanz unterworfen zu sein, wäre das Praktizieren dieser Eigenheit im Grunde doch nicht der Erwähnung wert (oder so erwähnenswert wie das Vorhandensein von Herz oder roten Blutkörperchen beim jeweiligen Probanden).
Vielleicht ist es sinnvoller, als Antithese zur vorigen Annahme die Vermutung zu setzen, daß Haßäußerungen eben doch individuell und eher eine Ausnahme denn die Regel sind. Dann müßte man sich allerdings fragen, ob ein solches Haßniveau erworben oder vielleicht doch systemisch ist. Ist es nämlich ein vorhandener, nicht erworbener, beispielsweise ererbter Wesenszug, kann man sich darüber ebenso echauffieren wie über Augenfarbe, Porengröße der Haut oder Erbkrankheiten. Ist hingegen das Haßniveau erworben, ist doch wohl am wenigsten der zu verurteilen, über den das Unglück (ohne dessen Verschulden) herein­gebrochen ist. Dann wäre es aber so, daß das Haßniveau rational nur(!) dadurch verringert werden kann, indem die Ursachen reduziert werden, jedoch nicht die Opfer dieser Urachen.
Solange der Begriff „hate speech” praktisch ausnahmslos in dem obrigkeitshörigen Medien gebraucht wird, um unterschiedslos Menschen zu diskreditieren, kann man getrost davon ausgehen, daß dieser Begriff eine demagogische Keule für den Machterhalt – nicht mehr und nicht weniger – ist.

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189 Tage vor Luther

Hmm: 25. Mai 2017, also Christi Himmelfahrt. Das ist zwar nicht gerade der Reformationstag (dessen fünfhundertste Wiederkehr in der Bunten Republik ja mit viel Brimborium zelebriert wird), aber vielleicht doch eine Gelegenheit, einen Blick auf Luther zu werfen, der in der aktuellen Festtagslaune womöglich nicht so gern gesehen wird.
Gibt es eigentlich halbwegs verläßliche Zahlen darüber, wieviele Tote in direkter und in nachrangiger Folge von jenem Mönchlein billigend in Kauf genommen wurden, als er – in allerbester Absicht! – „erleuchtend” in Kirchendogmen eingriff? Ob wohl noch Platz ist im Pantheon der Persönlichkeiten, die millionenfach an Menschen wegwerfend handelten? Oder besteht etwa Luthers Verdienst darin, eine der Weltreligionen deinstalliert zu haben, was manchen Nachkommenden seines Glaubens beraubt hat oder letztlich gar seines Seelenfriedens?

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Filosofie mit Ankündigung

Neulich ereilte mich eine „Kunden”-Umfrage irgend so einer Leiharbeitsfirma. Die Skale, ob ich die Bude einem – nicht näher bezeichneten – Opfer weiterempfehlen würde, kreuzte ich mit 5 Punkten an (0 = nein, 10 = unbedingt); aus spieltheoretischer Sicht die einzig rationale Wahl. Prompt wurde im nächsten Schritt eine Begründung eingefordert. Warum auch nicht? Ich formulierte, fröhlich, wie ich nun mal durch und durch bin, diesen Satz:
Eine Begründung/Erläuterung würde sicherlich recht schmückend sein.  Nicht für die neugierige Leiharbeitsfirma (was der zu sagen ist, ist bereits geschrieben), sondern als Auslöser für einen weiteren Textschnipsel in Blogistan.
Doch dann löste das Gedanken-Pingpong anläßlich der argumentativen Vorbereitung eines entsprechenden Artikels im sonst hohlen Denkhügel ein interessantes Echo aus: Lohnt es sich eigentlich, sich über „partikulären Unsinn” zu echauffieren? Sicherlich dann, wenn er – wie aktuell global kaum zu übersehen – auftritt, aber diese Häufung wäre ja eben längst nicht mehr (nur) ‘partikulär’. Wie ist es aber bei unleugbar partikulären Ereignissen?
Vermutung: Es könnte Fachleute geben, die den Stellenwert eines partikulären Ereignisses wissenschaftlich solide zu bewerten imstande sind. Diese könnten (zwar mit nicht zu vernachlässigender Irrtumswahrscheinlichkeit, aber immerhin nicht ausschließlich erratisch) analysieren, ob ein konkretes partikuläres Ereignis z. B. Vorbote eines Paradigmenwechsels ist oder Relikt längst wirksamer, aber noch nicht benannter Regeln, oder eben doch nur Zufall. Oder sie könnten mahnen, daß ein Einzelschritt bevorsteht, der, ohne Richtungsänderung beschritten, auf den Pfad der Untugend führt, statt der allgemeinen Wohlfahrt zu dienen. Oder sie könnten…
Ob wir vielleicht in einer Zeit leben, in der es zwar Namen und Titel für derartige Fachleute – ja doch, Philosophen sind gemeint! – gibt, aber kaum jemanden, der in solch große Schuhe paßt? Was ist akademische Hirnwich*erei wert, die einzig und allein dem partikulären (sic!) Wohlbefinden des Einzelnen dient?

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Fehler machen

Nicht nur aus Fehlern lernt man. Das atavistische Lernschema „Vormachen, Hinschauen/Zuhören, Nachmachen” sollte nicht unterschätzt werden. Allerdings wird auf diesem „Kanal” Überliefertes (und das im wahrsten Sinne des Wortes) gelernt. Wer darüberhinausgehen will, kann nur aus Fehlern lernen (Betonung auf nur). Was andererseits nun aber nicht heißt, daß Murksen und/oder der bewußte Einbau von Fehlern der Garant für Erfolg wären, sondern daß bei dem Bestreben, möglichst fehlerfrei zu handeln, eben doch Fehler zu gewärtigen sind, weil sie auftreten müssen.
M. a. W.: Wer Neuland betreten möchte und keine Fehler macht, hat das muckelige Altland noch längst nicht verlassen.

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Buch 96 – Ein wenig Leben

Es kann durchaus als Buch der interessanten Art gesehen werden: Ein wenig Leben von Hanya Yanagihara.
Die ersten zehn bis zwölf Dutzend Seiten präsen­tieren sich mit einer spannenden Idee. Die Autorin schildert die Geschichte vierer Männer, die sich auf dem College kennengelernt haben und deren Lebenslinien mehr oder weniger eng miteinander verwoben sind. Spannend ist der Schreibstil. In einer unaufgeregten, fast schon journalistisch sachlichen Weise werden einzelne Geschehnisse zum Anlaß genommen, um Schicht für Schicht abzutragen, bis der Kern des Zusammenlebens freigelegt ist. Doch dann dämmert dem Leser, daß es gar nicht so sehr um die vier geht, sondern viel eher um die Geschich­te eines von ihnen, nämlich Judes St. Francis‘. Die allerdings mit mehreren anderen in Berührung kommt, unter anderem mit den drei anderen College-Freunden.
Was interessant beginnt, verliert recht schnell an Schwung. Der Erzählstil wechselt zwischen Darstellungen eines unbeteiligten Beobachters, der Episoden um die vier Protagonisten oder um eine Figur in der 3. Person Singular (also Jude St. F.) schildert. Das ist verwirrend, bringt die Geschichte nicht voran und hemmt den Lesefluß. So mag ein Beispiel von Hunderten für die Inkongruenz der Pronomen stehen (S. 635): »Innerhalb von zwei Wochen nachdem Willem nach Texas abgereist war […], hatte ihn sein Rücken mit drei Attacken gebeutelt […]«. Nein, ‘ihn’ bezieht sich nicht auf Willem, sondern auf Jude. Aber das passiert eben, wenn der Autor die Geschichte zwar im Kopf hat, sie aber dem Leser nicht nachvollziehbar darlegt. Und von solchen Gedankensprüngen gibt es erschreckend viele.
Die Autorin stellt Jude als brillanten Kopf dar, der es trotz schwierigster Kindheit zu beruflichem Erfolg, Eigentumswohnung (eher schon Palast) und Wohlstand gebracht hat. Doch die Geschichte und die Schicht um Schicht freigelegten Geschichtchen, die auf knapp 960 Seiten präsentiert werden, lassen an dieser Brillanz doch stark zweifeln. Ehrlich gesagt kann man sich bereits ab dem ersten Sechstel des Romans des Eindrucks nicht erwehren, daß Jude ein „mächtiges Ding an der Waffel” hat. Im Laufe seines Lebens, das in der Mitte seines sechsten Lebensjahrzehnts auf theatralische Weise endet, fehlt es immer und immer wieder an Lebensreflexion – bis hin zur Selbstlüge und dem Brechen von Schwüren sich selbst und seinem Adoptivvater gegenüber. Na toll, na prima, was soll man daraus als verallgemeinerungswürdig mitnehmen? Ist denn eine lokale Absonderlichkeit nicht eine Nullbotschaft? Etwas, das höchstens nur dann von allgemeinerem Interesse sein könnte, wenn es mit der Allgemeinheit in irgendeiner Form verwoben ist? Möglicherweise sah die Autorin diese Verknüpfungen, doch scheint sie versäumt zu haben, sie auch darzulegen.
Doch vielleicht will der Roman nur ganz anders gelesen werden? Vielleicht ist es gar kein Zufall, daß Jude als knallharter Anwalt im wahren Leben der Schauspieler ist und sein Freund und spätere Liebe (sofern man das, was zwischen einem aufopferungsvollen Liebenden und einem egoistisch nur Nehmenden stattfindet, als solche bezeichnen mag) zwar als Schauspieler arbeitet, jedoch in der Beziehung der abwägende, rationale und niemals schauspielernde Part ist? Sicher! Das Geschreibsel von knapp eintausend Seiten bietet breiten Interpretationsspielraum. Nur ist dann die Güte einer Geschichte in solchem Fall nicht vielmehr dem Interpreten und weit weniger dem Buchschreiber zuzuzählen?
Wie auch immer: das Buch hat ein paar gute Seiten, etwa so:Damit ergibt sich als Gesamtwertung etwa diese:

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gemeinsam, nicht allein

Heute früh kam mir ein seltsamer Gedanke: Ist denn die Suche nach dem individuellen Lebensglück nicht a priori erratisch, egoistisch und nur in der Interpretation (vgl. hier; Hervorhebung im 2. Absatz) von Erfolg gekrönt? Kann man denn den Sinn des Lebens möglicherweise nur dann finden, wenn als Zielfunktion die Wohlfahrt der Mehrheit (die Wohlfahrt aller anzustreben wäre naiv!) die  Maxime wäre?

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ARROGANZ

Tja, so liebe ich das: kurz, prägnant und aufschlußreich. 🙂

webpostjo

Arroganz ist die Kunst, auf seine eigene Dummheit stolz zu sein.

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