Antikythera-Computer

ISBN 978 3 498 04517 3

Vor ein paar Tagen hatten wir, Timm und ich, eine recht inspirierende Unterhaltung, in der es auch darum ging, wie zufällig der Prozeß des Wachstums des Allgemeinwissens ist und wie sehr dieser Prozeß durch das willkürliche Eingreifen des Menschen, der seine Vorurteile bestätigt sehen möchte, immer wieder ins Stocken gerät.
Und dann gab Timm mir das Büchlein „Die Entschlüsselung des Himmels“ zu lesen, in dem Jo Marchant die Geschichte eines Bronzegerätes schildert, das vor ca. 2000 Jahren in der Nähe von Antikythera bei einem Schiffbruch versunken ist. Es stellte sich nämlich nach langem Hin und Her heraus, daß die unförmigen, vom Meerwasser zerfressenen und von Kalk überlagerten Fragmente dereinst ein mechanisches Meisterwerk waren, das irdische und himmlische Erscheinungen synchronisierte. Dabei wurde die Mondposition etwa nicht nur grob angezeigt, indem eine ideale Kreisbahn für den Mond unterstellt wurde, sondern ein recht kompliziertes Spiel veränderlicher Bahngeschwindigkeiten und Entfernungen zur Erde, das aus der Elliptizität der Mondbahn resultiert. Womit der Antikythera-Mechanismus eine Reihe von Rätseln aufgibt: Es gibt keine vergleichbaren Objekte. Jedenfalls keine aus der Zeit vor dem Antikythera-Mechanismus und Hunderte Jahre danach, die durch die Wirren der Zeit hindurch auf uns überkommen wären. Als wäre ein solches solitäres Wunderwerk nicht schon rätselhaft genug, versetzt die feinmechanische Meisterleistung in Erstaunen: 48 (wahrscheinlich sogar noch mehr) Zahnräder griffen ineinander, wurden aber wohl nur durch die Finger einer Hand in Betrieb gesetzt. Zahnräder kannte man zu der Zeit schon seit ein paar hundert Jahren, aber in dieser Präzision!? Und ein weiteres Rätsel – wenn schon keine Gerätschaften die Zeitläufte überdauert haben, wo sind die Schriftrollen und Aufzeichnungen geblieben, die das Wissen enthalten, was durch den Mechanismus abgebildet werden soll und wie er zu gestalten ist, damit er das auch vermag. Und ein letztes Rätsel – die Oberfläche des Bronzeapparates war seinerzeit überhäuft mit Gebrauchsanweisungen. Für einen Luxusgegenstand eher eine entstellende, für einen Gebrauchsgegenstand eine nützliche Verzierung; aber sowohl fehlende Schriftdokumente als auch fehlende vergleichbare Gerätschaften machen die Annahme eines (verbreiteten) Gebrauchsgegenstandes eher unwahrscheinlich.
Das Buch von Jo Marchant schildert recht anschaulich die Versuche, den Antikythera-Mechanismus zu entschlüsseln. Man erfährt eine Menge über die jeweiligen Protagonisten und ihr Umfeld. Aber man wünschte sich, mehr über den Mechanismus zu erfahren. Wie groß war er eigentlich, wie schwer? In einem Nebensatz erfährt man, daß am Gehäuse auch Holzelemente verbaut waren. Aber gab es im Innern außer Bronze auch andere Metalle? Wie wurden Zahnräder auf Wellen befestigt? Es gab, zumindest nach der gängigen Interpretation, zwei Baugruppen mit dreifach ineinander laufenden Achsen (ein Zahnrad, das auf einer Welle läuft, ist Drehachse für ein zweites Zahnrad, das seinerseits Drehachse für ein drittes Zahnrad ist), aber der Autor läßt keinerlei Details über die technische Umsetzung verlauten. Aufgrund der Eigenheiten der Kalenderbeschriftung konnten sowohl der vermutete Entstehungszeitpunkt verifiziert als auch auf die geographische Herkunft des Apparates (eigentlich eher des Konstrukteurs) geschlossen werden. Aber man erfährt nicht, ob versucht wurde, die Herkunft des Materials zu ergründen (die Mischungsverhältnisse einzelner Isotope funktionieren wie Fingerabdrücke einzelner Erzlagerstätten).
Das größte Manko dürften aber die (wirklich) schwachen Deutungsversuche sein, wer als Konstrukteur und wer als Erbauer in Frage kommt und für wen der Apparat geschaffen wurde. Ausgehend von der These, die Griechen hätten wenig Interesse an „profanen Mechaniken“ besessen, werden mechanisch-physikalische Schaustücke postuliert, die schlichtweg imponieren sollen (etwa dem Volk vor Herons mechanischen Tempeltüren oder einer Gelehrtenelite vor der Sichtbarmachung eines Prinzipes). Die Gebrauchsanweisungen am Antikythera-Apparat, als Vehikel zum Beeindrucken, passen nicht zum vorgestellten Deutungsversuch. Ein ganz wenig lächerlich ist hingegen der Deutungsversuch dieses Apparates als Werkzeug eines Astrologen. Schon eher, aber gerade das liest man eben nicht, das eines Priesters oder (höheren) Beamten oder, ganz simpel, man hat ein luxuriöses Geschenk vor sich oder eine „Leistungsprobe einer Bewerbung“. An dieser Stelle bleiben viele (man ist versucht ‚zu viele‘ zu schreiben) Fragen offen.
Aber interessant ist der Antikythera-Mechanismus allemal, da er uns auf der einen Seite Bescheidenheit lehren kann – schon vor 2000 Jahren verfügten die Menschen über Wissen, das wir heutzutage praktisch nicht mehr zur Verfügung haben. Auf der anderen Seite ist er ein (weiterer) Beleg darüber, daß engstirnige Vorurteile recht schnell auf Holzwege führen können, die von der Realität beliebig weit entfernt sind.

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Über ausgesucht

…desillusioniert
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19 Antworten zu Antikythera-Computer

  1. yuppidu schreibt:

    Haben wir mit kreativen Deutungsversuchen der Wissenschaftler nicht ab und zu ein klitzekleines Problemchen? Also, nicht von Hinz einfordern, was Kunz nicht recht machen kann … 😉

    • ausgesucht schreibt:

      Habe ich eigentlich schon erwähnt, daß ich an mich selbst mindestens einen dreimal so hohen Maßstab anlege als an Hinz & Kunz, um mit den Ergebnissen in gleichem Maße zufrieden zu sein? :mrgreen:

  2. yuppidu schreibt:

    Davon würde ich dringend abraten, das geht über kurz oder lang auf die Gesundheit! Die mangelnden Deutungsversuche könnten auch daher rühren, dass Jo einfach keinen Bock hatte, den Brüdern Grimm Konkurenz zu machen… 😉

  3. yuppidu schreibt:

    Es tauchen immer wieder höchst erstaunliche „Dinge“ aus der Vergangenheit auf, die mit heutigen Techniken zum Teil nicht oder nur mit dem Einsatz von Gerätschaften möglich ist, die damals, nach heutigem Wissensstand, nicht zur Verfügung standen. Höchst erstaunlich? Eigentlich nicht, denn wir haben nur einen ganz geringen Anteil „gehoben“ und rechnen davon ausgehend hoch. Man wird sehen, was sich im Laufe der Zeit noch alles unter der Erde oder im Wasser findet … Über die Qualität von Deutungsversuchen lässt sich streiten, da in der Regel niemand die „Wahrheit“ kennt. Danke für den gelungenen Beitrag! 🙂

  4. yuppidu schreibt:

    Wie du bemerkt haben wirst, komme ich auf einige Beiträge wieder zurück, die ich im ersten Durchgang nur „gestreift“ habe, da benötige ich in der Regel einfach etwas mehr Zeit, um mich damit auseinanderzusetzen… 😉

    • ausgesucht schreibt:

      Tja, was soll ich sagen? Vielleicht zweierlei: zum einen freue ich mit darüber, daß Du Dich hier auch in die schwierigeren Texte (wie den da oben) vertiefst, zum anderen laß Dir soviel Zeit, wie Du brauchst, das Blechdingens hat schließlich auch viele hundert Jahre geruht, bis es geruhte, sich finden zu lassen… 😉

  5. yuppidu schreibt:

    …Aber interessant ist der Antikythera-Mechanismus allemal, da er uns auf der einen Seite Bescheidenheit lehren kann – schon vor 2000 Jahren verfügten die Menschen über Wissen, das wir heutzutage praktisch nicht mehr zur Verfügung haben…
    * Was das Wissen über die Menschen in der Vergangenheit betrifft, wird uns von „Wissenschaftlern“ nur vorgegaukelt, dass alles schon geklärt wäre. Es wird beinahe immer verabsäumt, die Vorläufigkeit der Ergebnisse zu betonen, wodurch für viele der Eindruck entsteht, dass der aktuelle Stand als absolutes Wissen zu betrachten sei und daran auch nicht mehr „gerüttelt“ werden dürfe.
    ** Meinst du damit, dass man den Mechanismus nicht mehr bauen könnte oder geht es generell um verlorenes Wissen? Der „Antikythera-Mechanismus “ wäre übrigens es schöner Programmierauftrag – oder?
    *** Die Bewertung der Deutungsversuche ist so eine Sache, obwohl die Erklärung in sich schlüssig sein sollte, bleibt nur allzuvieles offen. Wir müssen wohl oder übel auf den nächsten Fund warten … 😉

    • ausgesucht schreibt:

      Gut geschrieben! Da will ich gar nicht mehr viel plappern 😀

      Höchstens zu **: Ich glaube, wir könnten einen vergleichbaren Mechanismus nicht mehr bauen, auch weil entscheidendes Wissen verloren gegangen ist. Im übrigen wäre das Programmieren derartiger Anzeigen ein Klacks gegen die mechanische Umsetzung: eine Ellipse folgt der (recht simplen) Formel a²x²+b²y²=1, aber mach das mal mit Zahnrädern, die durch eine Kurbel (also letztlich eine Kreisbewegung) angetrieben werden, und dann noch mit den richtigen Zahlenverhältnissen der Zähne der ineinandergreifenden Räder…

  6. yuppidu schreibt:

    Klacks nicht allzu hurtig, denn ganze Völkerstämme haben keine Ahnung von der Bruchrechnung und wenn dann auch noch Buchstaben mit Zahlen am Hütchen auftauchen, dann beginnt so manches Gemüt zu kreisen! Außerdem hätte ich mir den Mechanismus schon als funktionierendes 3D-Progrämmchen vorgestellt … 😉

  7. yuppidu schreibt:

    Charmant gelöst … 🙂

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