Arges

Am Kleinen läßt sich das Große erkennen (und am Großen möglicherweise das Kleine), also werde ich ein absolutes Nichtereignis als weiteres Indiz dafür aufnehmen, daß der Mensch mitnichten die Krone der Schöpfung darstellen kann, auch wenn mir das nicht ganz so wohlgesonnene Leser als Misanthropie – einmal mehr – auslegen werden.
Neulich bei Schlecker: Eine ältere Dame fuhrwerkt durch die Reihen. Im wahrsten Sinne des Wortes – ihr Urenkel war strahlender Pilot eines Buggy, der von einem biologischen Motor bewegt wurde, der basierend auf Kniescheibenzündung ca. 1 MS (nein, nicht PS) leistet. Soll heißen, das Kleine war friedlich, weil Urömchen es schob. Eine alte, gebrechliche Dame? Nein, ganz und gar nicht. Eine Person, knapp über sechzig, die von sich mehr als überzeugt war. Dieser Typ „alte Schachtel“ – aufgeputzt, vielverheißend, aber doch ein bißchen schäbig und heruntergekommen und inwendig leer. Mit einer Frisur, für die ein Coiffeur, und beileibe nicht etwa ein popeliger Friseur!, Stunden brauchte, damit der graue Spliß so aussieht, als hätte er noch nie eine pflegende Behandlung erfahren. Mit einer Kledage, die offenlegt, wo sie gnädig verhüllen sollte. Wer, außer dem Rückwärtsgang der Peristaltik, sollte das Fehlen des BHs attraktiv finden? Der Geist mag willig sein, aber das Bindegewebe ist schwach. Wie leicht ist es der Schwerkraft unterlegen? Nun ja, diese Person protzte also sich selbst, den Buggy und darin die Nachhut mitten vor die Regalreihen und redete ununterbrochen auf ein Händi ein. Dessen Hülle war rot; ich hoffe, das war nicht das Blut, das dem Gegenüber schon langsam aus dem Ohr strömte. Als Frau von Welt, als die sie offenbar ihren Auftritt ausgelegt hatte, benutzte sie recht moderne Wörter: Computer und Festplatte und so’n Zeugs, aber in einem Zusammenhang, der schaudern machte. Währenddessen spielte sie gedankenverloren halbherzig mit der Auslage. Dummerweise gerade an dem Regal, wo ich mich zu bedienen beabsichtigte. Das rüstige IT-Ömchen hatte aber so gar keinen Blick für die Umwelt. Wie war das noch mal mit dem vielgepriesenen Multi-Tasking bei Frauen?! Erst als ihr Prepaid-Händi an chronischem Einheitenschwund verebbte, warf die rüstige Dame einen noch entrüsteteren Blick auf die Laberbox, die es wagte, ihr den Dienst zu versagen. Und in einer Art Blutrausch sah sie in mir das nächste Opfer. Keine Spur von Unrechtsempfinden, keine Spur von: „Entschuldigung, ich war abgelenkt …“. Stattdessen eine lautstarke Tirade, wie ich es wagen konnte, still und dezent zu warten, bis der Weg frei wäre…
Leider ist es für eine Ovariektomie deutlich zu spät (vgl. Buggy-Inhalt), die hätte verhindern können, daß sich derartiges genetisches Material im Genpool ausbreitet. Aber kann man angesichts derartiger Unterlassungssünden wirklich für ein allgemeines freies Wahlrecht sein?
Doch ehe der Horror vollends Gewalt über mich erlangte, wachte ich auf. Welch ein Glück, alles nur geträumt – Welt, du beste aller möglichen, du hast mich wieder.

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Über ausgesucht

…desillusioniert
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7 Antworten zu Arges

  1. sachma schreibt:

    Schon bei der Tatsache das Schlecker überhaupt existiert bin ich in meiner Misantropie bestärkt. Es gibt kaum ein menschenfeindlicheres (misanthropisches?) Geschäftsmodell als das von Schlecker.

  2. sinnsucht schreibt:

    Hm,es soll kaum ein menschenfeindlicheres Geschäftsmodell geben? Das nenne ich ‚harsche Kritik‘. Ich weiß zu wenig, um in diesem Punkt zuzustimmen oder abzulehnen, gebe aber zu bedenken, daß es ein durchaus tragfähiges Modell ist bzw. war. Denn so richtig prosperiert es ja auch bei Schleckers nicht mehr…

  3. sachma schreibt:

    Speziell der Umgang mit dem Personal ist es der mir bei diesem Laden besonders aufstößt. Dann kam noch der Versuch dem Staat die Sozialabgaben vorzuenthalten. Dann diese Aktion, Schleckerfilialen zu schließen damit den Mitarbeitern zu kündigen, um dann eine „neue“ Schleckerkette zu öffnen und die selben Leute über eine Leiharbeitsfirma für noch weniger Geld einstellen.
    Diese Firma verhält sich auf eine Art die ich in unserer Gesellschaft nicht haben will, deswegen lauf ich auch lieber 2 km mehr an drei Schleckern vorbei um dann im dm einzukaufen.

    • some1 schreibt:

      Boykottieren ist ein ehrenwerter Versuch, der leider zum Scheitern verurteilt ist. Was ist mit Dr. Ö., der die heimischen kleinen Fischer ihrer Lebensgrundlage beraubt hat, indem er die Grundlagen für den Fischfang im großen Stil gelegt hat? Was mit einem gewissen Herrn M., der sich ein neues Hightech-Werk zur Produktion seiner Milchprodukte durch Steuern finanzieren lässt, weil er ja so viele Arbeitsplätze schafft, um gleich im Anschluss die alte Produktionsstätte zu schließen und letztlich insgesamt Arbeitsplätze abzubauen? Die Firma S. mit der Muschel im Logo versenkt Ölplattformen, weil es günstiger ist als ein Rückbau. Dann lieber zu Plum und Bum. Die verseuchen gleich ganze Küstenabschnitte. Wer war da noch gleich der mit den unbedenklichen Methoden? Wo kaufe ich Kleidung, die sicher nicht von pakistanischen Geräuschkindern mundgeklöppelt ist? Für welche Schuhe hat kein Inder bis zur Hüfte in Chemikalien gestanden? …
      Damit will ich natürlich die Methoden des A.R. Schlecker nicht verteidigen.

      • sinnsucht schreibt:

        Ja, ich stimme zu: Boykottieren ist ein schwaches, ein irrationales Instrument.
        Doch bei allem Moralisieren darf man nicht vergessen, daß z.B. Kinderarbeit, so verwerflich sie auch ist, unter Umständen (und die sind grausam und dringend änderungsbedürftig!) die einzige Existenzgrundlage ganzer Familienclans ist…

  4. johnellwood schreibt:

    Hey, wo bin ich hier ?
    Irgendjemand fragt die billigen Produkte die Kinderhände erschaffen nach, sonst gäbe es das ganze nicht. Was ist der Rest eines Lebens wert, wenn die Kindheit nicht gelebt werden durfte ? Mir kommt meine Kindheit heute vor wie ein sehr langer Sommerurlaub mit lauter schönen Erinnerungen. Woran erinnern sich dann diese Kinder ? Man zerstört das Leben der Kinder – keine Argument spricht dafür !
    Auch Dr.Ö, Milchmüller und der Albrecht Bursche leben von Angebot und Nachfrage, und die scheint zu stimmen. Die Leute sind sich Ihrer Möglichkeiten nicht bewusst . . . sie sind müde, bequem und faul geworden.

    • sinnsucht schreibt:

      … und nicht zu vergessen: sie sind nicht nur „müde, bequem und faul geworden“, sondern auch eitel und selbstgefällig, indem sie sich im Vollbesitz allen Wissens wähnen und keine Meinung neben sich gelten lassen. Schlimm, sowas!

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