Turing-Test

Vor etwas mehr als vier Monaten erlebte ich am Verkaufsstand eines Supermarktes eine Verkaufsperson, der ein außergewöhnliches Kunststück gelang. Sie konnte zwar meine Fleischeslüste nicht wecken (an der Auslage, nur an der Auslage), wohl aber meine Denklüste. In Laufe des nicht allzu erquicklichen Verkaufstangos, während dem sich beide Seiten in ihrer jeweiligen Pose möglichst imponierend umtanzen (die Verkaufsperson als Anbieter des besten Waren, der potentielle Käufer in einer Doppelrolle als generöser Inhaber sowohl eines prallen Portemonnaies als auch erlesensten Geschmackes), hallte plötzlich ein Satz mit ›Na, diese Person …  ist aber echt blöd‹ durch meine Gedankengänge. Völlig ungerechtfertigt, absolut subjektiv und weder aus der Situation ableitbar, noch aus Vorkenntnissen über die Person, die dort am Tresen für Fleischwaren gerade scheiterte. Dann ermahnte mich diese andere innere Stimme, nicht so kategorisch vorzuverurteilen. Schließlich einigten wir uns zu dritt auf die Formulierung: ›Diese Person würde mit keinem Turing-Test der Welt etwas wie Intelligenz nachweisen können‹.
Das Merkwürdige war, daß mir der Beitrag, den ich daraufhin hier zu diesem Thema veröffentlichen wollte (einschließlich der Entschuldigung bei eingangs erwähnter Person wegen der nie gesprochenen Worte) mit dem Aufblitzen des Gedankens bis in die Einzelheiten klar vor dem geistigen Auge erschien: Keine Kette von einzelnen Gedanken, die sich seriell einer aus dem anderen hervorquälen, bis am Ende eine Idee geboren wird, sondern eine Idee, die strahlend in einem feinen Geflecht aus gegenseitigen Abhängigkeiten ruht, die allesamt praktisch in der selben Sekunde einen gemeinsamen Gedankenblitz zündeten. Der Turing-Test (nach Alan M. Turing, *23.06.1912, †7.06.1954), ist entgegen der landläufig akzeptierten Meinung nicht geeignet, um künstliche mit menschlicher Intelligenz zu vergleichen (allgemeiner: um Intelligenz als solche festzustellen). Seinerzeit kam ich nicht zum Niederschreiben der Überlegungen, wollte es aber a. s. a. p. nachholen (interessanterweise hat kein WP-Besucher Interesse aufgrund der Vorankündigung(en) bekundet, was mich in der Annahme bestärkt, für die Tonne zu schreiben – aber versprochen ist nun einmal versprochen).
Daß der Turing-Test im wesentlichen keinen sinnvollen Vergleich zwischen fremder und menschlicher Intelligenz erlaubt, hat im wesentlichen damit zu tun, daß es keine (sinnvolle) Definition von Intelligenz gibt. Gäbe es diese, bräuchte es den Turing-Test als Vehikel nicht, es könnten die Kriterien direkt getestet werden. Stattdessen braucht es eine Art Ölflecktest (eine Methode, um Helligkeiten von Lichtquellen zu vergleichen) für Geistesblitze. Auf der einen Seite die Leistungsproben einer (unbekannten) Intelligenz, auf der anderen Seite ein Mensch. Die Gegenseite wird als mit menschlicher Intelligenz begabt angesehen, wenn ein für den Menschen akzeptabler Dialog zustandekommt. Leider ist aber die Intelligenz eines Menschen mit Abstand nicht ‚die menschliche Intelligenz‘. Auch eine Gruppe von Menschen verkörpert nicht ‚die menschliche Intelligenz‘, von der Unlauterbarkeit des Wettbewerbs ‚einer gegen viele‘ einmal ganz zu schweigen. Im Extremfall müßte man alle geistigen Leistungen aller (gewesenen und seienden) Menschen zu einer Art Durchschnittswissen zusammenfassen, hätte aber noch immer die Hürde zu meistern, daß Intelligenz auch Situationsaspekte hat, die sich praktisch jeder Mittelung entziehen. Gleichgültig, auf welche Ebene das Problem projiziert wird, es bleibt die Situation, daß sich eine Person, die allem Anschein nach innerhalb mehr oder weniger plausibler Toleranzgrenzen über menschliche Intelligenz verfügt, sich mit einer anderen Intelligenz mißt, die außerhalb jeder unserer akzeptierten Toleranzgrenzen funktioniert (also nach dortigem Maßstab hochintelligent ist). Die Leistungsproben einer solchen Intelligenz würden wir schlichtweg nicht verstehen (nicht sprachlich nicht verstehen, sondern bei der assoziativen Einbindung in den Kontext des dem Turing-Test zugrundeliegenden Dialoges). Kurz: Der Turing-Test kann höchstens bestätigen, ob eine eine fremde Intelligenz der unsrigen mehr oder weniger genau entspricht. Er kann nicht feststellen, ob eine Leistungsprobe, die von den menschlichen Erwartungen nachhaltig abweicht, einem höheren oder niedrigeren Maß an Intelligenz entspricht.

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Über ausgesucht

…desillusioniert
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5 Antworten zu Turing-Test

  1. Potenzialtrainer schreibt:

    Eine sinnvolle Erklärung bietet für mich Manfred Spitzer: Intelligenz ist die Möglichkeit Aufgaben zu lösen. Sinn ist nach Niklas Luhmann das Aktualisieren von Möglichkeiten. Wenn ich beides verbinde, könnte es nützlich sein die Aufgaben immer wieder versuchen neu zu lösen. 😉

    • ausgesucht schreibt:

      … ich habe weder den einen noch den andern (bewußt) gelesen. Dem Spitzer möchte ich widersprechen (vorsichtig und vage, wie gesagt, ich kenne keinen Kontext): Intelligenz ist (m.E. eher) die Möglichkeit, Aufgaben bzw. Problemstellungen zu formalisieren. Ist eine Aufgabe erst einmal als Problemstellung formuliert und darauf aufbauend formalisiert, kann jede stumpfsinnige Rechenmaschine die (Ausgangs-) Aufgabe lösen. Auch dem Luhmann möchte ich widersprechen (noch immer vorsichtig und vage): Wenn eine Möglichkeit für einen konkreten Sachverhalt gefunden wurde, ist das Aktualisieren (dieser!?) Möglichkeiten eher sinnlos. Denn das Wiederholen im gleichen Kontext, kann keine neuen Gesichtpunkte liefern, das Wiederholen in einem neuen/erweiterten Kontext ist kein Aktualisieren.

      • Potenzialtrainer schreibt:

        Ich bin mir nicht sicher was du mit „formalisiert“ meinst. Passt deine Eklärung dann noch auf die Aussage, dass es intelligente Tiere gibt?
        Ich definiere „Problem“ schon anders als Aufgabe.
        Aktualisieren ist für mich kein Wiederholen. So wie die Wissenschaft für mich der aktuelle Irrtum ist. Früher war die Erde mal eine Scheibe, oder wenn wir mit einem Auto über 100 Km/h fahren werden wir sterben, glaubten die Menschen einmal. Zudem ergibt sich Sinn immer auch im Austausch mit anderen.

        • ausgesucht schreibt:

          Formalisieren: Nicht jede Einzelaufgabe wird von Null auf analysiert und (hoffentlich) gelöst, sondern die Aufgaben werden (weil es in 95% der Fälle möglich ist) in bestimmte Aufgabenklassen einsortiert, die alle mehr oder weniger der gleichen Form entsprechen (etwa: Futter liegt tiefer, als der Schnabel oder die Klaue reicht). Das Lösungsschema kann für unterschiedliche Aufgabe des gleichen Typs herangezogen werden: Wer weiß, daß man mit einem Stöckchen eine Nuß hervorstochern kann, schafft das auch mit Ameisen oder Honig. Deshalb meine ich durchaus, daß das auch auf intelligente Tiere „paßt”.

          Was ‚Sinn‘ und den ‚Austausch mit anderen‘ angeht, tendiere ich zu einer schärferen Formulierung: Sinn ergibt sich nur im Austausch mit anderen. Denn ehe wir den ersten eigenen Gedanken denken, nehmen wir (quasi mt der Muttermilch) das Abstraktions-, Gedanken- und Wertegefüge der anderen auf. Und nicht ausgetauschte Gedanken entziehen sich nun einmal einer jeden Würdigung nach Sinn, Palusibilität, Nützlichkeit etc.

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