Wirtschaftsbild

Tiere denken in Bildern. Sie hätten gar nicht die Zeit um Informationen abzurufen, die als Filmsequenz gespeichert sind. Der Mensch hat sich mit dieser atavistischen Grundausstattung sehr viel vom Tiersein bewahrt. Wenn er in Urzeiten einen Säbelzahntiger sah, war er gut beraten, die Bildunterschrift möglich schnell und präzise zu befolgen: „Lauf!” Seine Zeitgenossen, die in ähnlicher Situation erst einen Film abrollen sahen, welchen Verwendungszweck das kuschelige Fellstück beispielsweise für die geliebten Großeltern vorgesehen hat, sind meistenteils nicht mehr dazu gekommen, ihre Erkenntnisse an andere Mitglieder der Sippe weiterzugeben. Die Evolution hat diejenigen bevorzugt, die in Bildern, also plakativ denken, und diejenigen herausgemendelt, die sich Zeit für detaillierte Analysen nahmen.

Wir denken in Bildern. Der Plural ist entscheidend; in Entscheidungssituationen haben wir meistens mehrere Bilder bzw. Alternativen vor Augen. Instinktiv haben wir sogar ein gewisses Gespür für Realisierungswahrscheinlichkeiten. Dennoch denken wir nicht in Wahrscheinlichkeiten, und schon gar nicht in Erwartungswerten. Folgen sind, daß die meisten von uns in potentiellen Schadensfällen gnadenlos überversichert, aber in Fragen der Gesunderhaltung hochgradig leichtfertig (Genußgifte, Botox, Augen-Lasern, an Leistungssport grenzende Freizeitbeschäftigung etc.) sind. Selbst objektivierte Bewertungskennzahlen überzeugen nicht, zumal es subjektive Bewertungsaspekte gibt, die zwar außerordentlich wichtig sind, aber nicht beziffert werden können. Und als wäre es noch nicht lästig genug, für die Offenbarungen der Wahrscheinlichkeitswelt weitgehend blind und taub zu sein, schränkt unsere Art, in Bildern zu denken, uns auch noch auf einem anderen Feld dramatisch ein. Wir sind blind für Prozesse. Deren Dynamik erschreckt uns, wenn eine Situation (ein Bild!) entstanden ist, das vorauszusehen wir biologisch einfach nicht in der Lage sind.

Wenn Frau Merkel am Jahresanfang gesagt hätte: ›Wir müssen der deutschen Konjunktur so richtig Dampf machen, dafür verheizen wir ein paar Milliarden Euro‹ (in Deutschland, zusätzlich zu den griechischen „Abschreibungen“), wäre ein Aufschrei durch das Land gegangen. Das Bild von einer kränkelnden Wirtschaft wäre nicht mehr zu verdrängen gewesen. Setzt man hingegen Geld ein, um an der richtigen Stelle (im Verborgenen freilich) mit dem richtigen Hebel die richtigen Finanzmanipulationen vorzunehmen, kann man täglich in den Nachrichten das Bild einer starken Konjunktur vorweisen. Und wenn in den ersten zwei Monaten ein sattes Polster zusammengeschoben ist, kann man ja die Anstrengungen (nämlich den finanziellen Einsatz) drosseln – der Schwung wird reichen, um das Jahr im Plus zu schließen! Dummerweise ist eine Volkswirtschaft kein Auto, das von einem Konjunkturmotor angetrieben wird, das auf gerader Strecke sanft austrullert, wenn der Motor keine Leistung mehr bringt. Dummerweise können Marktprozesse eine Dynamik entwickeln, die ein mühsam erzwungenes Ungleichgewicht binnen weniger Tage deutlich zu überkompensieren vermag. Das Bild „alles ist gut“ wird aus dem Rahmen genommen und durch das Bild „Panik!“ ersetzt; dieses neue Bild erzeugt irrationale Übertreibungen. Das Ausmaß einer irrationalen Übertreibung, der Name sagt es, ist nicht kalkulierbar. Hingegen ist sehr wohl kalkulierbar, daß das Bild, das in sanften Pastellfarben „die Zähmung der Finanzkrise“ vorgaukelt, am (Jahres-) Ende sich doch als Trugbild herausgestellt haben wird.

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…desillusioniert
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4 Antworten zu Wirtschaftsbild

  1. der_emil schreibt:

    Den Politikerdarstellern glaube ich sowieso nichts mehr. Immer, wenn die was von sich geben, kommt mein Warnbild: „Zweifelnd überprüfen!“

  2. yuppidu schreibt:

    Ein schreckliches Dilemma! Die Wahrheit versetzt uns in Panik, die als Vorbote des Chaos bekannt ist. Der Optimismus stimmt mit der Realität nicht wirklich überein … Ich wähle den Optimismus, dann habe ich wenigstens bis zum Crash ein gutes Gefühl. Für alle Fälle baue ich meinen Regenschirm zum Fallschirm um, falls alle Stricke reißen, lasse ich mich von warmen Winden an die Adria reiben, um am Strand Muscheln zu sammeln, die möglichweise das nächste Zahlungsmittel sein werden! Falls du also mal etwas knapp bei Kasse bist, …

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