Wischmeyer – Unterbrecherkontakte

Während des Pfingst-Wochenendes habe ich viel Zeit damit zugebracht, die Senderliste im TV-Gerät nach eigenem Gusto zu gestalten. Komischerweise fiel mir beim 5. oder 6. Versuch ein Artikel ein, den Dietmar Wischmeyer, der Philosoph, in seinem „Das Schwarzbuch der Bekloppten und Bescheuerten” (ISBN 3-548-36350-4; nicht zu ver­wechseln mit Eine Reise durch das Land der Bekloppten und Bescheuerten) seinerzeit veröffentlicht hatte:

Unterbrecherkontakte des Wahnsinns
Kannste mal eben, haste mal grade (S. 39f)

Das Leben ist ein langsam rinnender Fluß, wäre da nicht der Saftarsch, der gerade plattfüßig in deine Beschaulichkeit tritt – und zwar mit dem Nervklassiker »Kannste mal eben mit anpacken!«. Gemeint ist das Hochwuchten eines Konzertflügels in den sechsten Stock. Nicht mal eine laufende Dialyse oder der kurz vor dem Ende stehende GV kann einen Unterbrecherkontakt aufhalten. »Mal eben« und »mal grade« sind die Zauberwörter, mit denen sich der verluderte Sozialparia an jeder Stelle in ander Leute Leben einmischen zu dürfen glaubt.
»Halt mal eben!« Und schon hat man den Opel Corsa in der Hand, während Saftarsch seelenruhig die Sommerreifen aufzieht. »Kannste mal grade kommen!« Ein harmloser Satz an sich und doch Beginn einer 20jährigen Unterhaltsverpflichtung mit einem Gesamtfinanzvolumen von über einer Viertelmillion. Die Aufforderung, »mal eben dies« oder »mal eben das« zu tun, geht von dem egozentrischen Wahne aus, daß das Leben des Mitmenschen im wesentlichen eine Art Beschäftigungstherapie ist, darin unterbrochen zu werden der Patient geradezu dankbar ist. Besonders die Familie hat diese Form des Terrors als Normalzustand des Miteinanderumgehens kultiviert. Kaum hat Papa den Sportteil seiner Zeitung aufgeklappt, brüllt das Eheschwein von fern: »Kannste mal eben den Müll runterbringen!« In der Familie ist jegliche Ehrfurcht vor dem Leben des anderen verschwunden. Das Dasein des Mitinsassen wird zur stillen Handlangerreserve für die eigenen Absurditäten. Vattern hat nach 48 Stunden Maloche im Tiefbau endlich Zeit, die Füße für zwei Minuten hochzulegen, da geht ein Befehl wie Donnerhall durchs Vestibül: »Rück mal eben das Deckchen auf dem Fernseher grade, es liegt schon seit Tagen schief!«, meist noch unterstrichen durch den Vorwurf: »Siehst du denn so was gar nicht!?« Vattern ist einfach zu müde, um das Gespenst in der Küche sofort mit dem Spaten mausetot zu kloppen, also steht er auf und rückt »mal eben« den ekelerregenden Zierfetzen auf der Glotze zurecht. Dabei fällt die ebenfalls extrem zierende Blumenvase um, die faulige Jauche schwappt in die neue Buntglotze, der Kurzschluß entflammt das Deckchen, dieses die Vorhänge und nebenan in der Küche explodiert schlußendlich der Gasherd. Einziger Gewinn der »mal eben«–Aktion; das nervtötende Gespenst in der Küche hat seinen Frieden mit dem Schöpfer gemacht.
So ist das größte Übel jedweden »kannstemalebendiesoderjenestun« nicht mal die Unterbrechung anderer Tätigkeiten, sondern die daraus entstehende Kettenreaktion. »Mal eben« den neuen Videorekorder programmieren, bevor gleich der Film anfängt. Harhar! Eher geht eine ganze Kamelkarawane durchs Nadelöhr, als daß der Schlitzikasten noch im selben Monat funktionieren wird. Es scheint ein Gesetz zu geben, daß die Betriebswahrscheinlichkeit eines modernen Gerätes mit der Dringlichkeit seines Benötigtwerdens in der dritten Potenz abnimmt. »Opa, deine Herz-Lungen-Maschine läuft jetzt über meinen PC, mal eben Probelauf machen!« Krrrrrrkkkkkkk, Krrrkkkkkkkk!!!!

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