Altruismus wie Sand am Meer

Es war, zumindest wenn die Schilderung in dem Buch „Der Gigant von Syrakus“ (István Száva) halbwegs authentisch ist, Archimedes einer der ersten, der die Unendlichkeit beziffern konnte: ›Lassen sich die Sandkörner der Welt zählen?‹
Seine Idee ist verblüffend einfach. Selbst die größte bekannte Zahl (sagen wir ‚zehntausend‘) ist für die riesige Menge an Sandkörnern vollkommen unzureichend. Aber es läßt sich folgende Gedankenkette vorstellen, um aus dieser bisher größten benannten Zahl noch größere zu konstruieren. Hundert Sandkörner, die fein säuberlich in einer Reihe angeordnet sind, lassen sich noch leicht abzählen. Hundert solcher Sandkornreihen ergeben ein Quadrat aus zehntausend einzelnen Sandkörnern; das ist entspricht genau der größten Anzahl, die noch benannt werden kann. Aber damit ist das Abzählen noch nicht zu Ende, denn zehntausend solcher Sandkornquadrate und zehntausend Reihen solcher Sandkornquadratreihen ergeben eine neue Anzahleneinheit – sagen wir ›Supzehntausend‹ (die Potenzgesetze waren um 250 v.Chr. noch nicht verfügbar, mithin auch die Angabe „1 Billion“ noch nicht). Im nächsten Schritt bilden eine Reihe aus supzehntausend Sandkornquadraten und supzehntausend Reihen aus Sandkornquadraten eine neue Anzahleneinheit – sagen wir ›Sup2zehntausend‹ (1028).  Diese Kette kann man fortsetzen, bis die Anzahleinheit ›Sup-supzehntausend-zehntausend‹ erreicht ist. Aus dieser Einheit entsteht wiederum eine neue Einheit ›Superzehntausend‹

.

Diese nicht gerade kleine Anzahleinheit könnte man zugrunde legen, um das Spiel mit Sandkornquadraten und Reihen von Sandkornquadraten fortzusetzen. Es gibt nichts, das derartig große Zahlen benötigen würde, aber Archimedes war in der Lage, ein Konzept für unvorstellbar gigantische Zahlen anzugeben. Mit denen lassen sich alle Sandkörner der Welt zählen.
Tja, an dieser Stelle lohnt sich eine Pause. Denn wer bis hierher gefolgt ist, während er inwendig andächtig mit dem Kopf genickt hat, ist leider in eine Falle getappt *zwinker*. Ich bitte vielmals um Vergebung! Das war gemein von mir. Nein, mathematisch ist wenig auszusetzen. Und doch ist im obigen Absatz ein ganz, ganz böser Fehler versteckt.
Archimedes hat ein Konzept entwickelt, wie man Sandkörner (oder was auch immer) zählen könnte. Aber über den Konjunktiv (nämlich die abstrakte Möglichkeit) kommt man nicht hinaus, weil man physisch diese Aufgabe nicht bewältigen kann. Und was soll diese verbale Haarspalterei? Nun ja, man muß sehr wohl unterscheiden zwischen der Möglichkeit, die immer ein abstraktes Konstrukt ist, und der Realität, die nur innerhalb des Erlebnishorizontes wichtig ist. Beispiel: Altruismus. Es ist immer möglich, eine Abstraktionsstufe mehr zu bemühen, die „beweist”, daß der vorgeführte Akt der Nächstenliebe letztlich doch egoistisch begründet ist (so wie im Sandkorn-Beispiel aus Supx ganz einfach ein Supx+1 konstruiert werden kann). Wenn man aber akzeptiert, daß der Erlebnishorizont mitunter nicht mehr braucht als ein Subjekt und einen Hilfesuchenden, gibt es sehr wohl Altruismus…

Advertisements

Über ausgesucht

…desillusioniert
Dieser Beitrag wurde unter abstrakt, Erkennen, konkret abgelegt und mit , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

5 Antworten zu Altruismus wie Sand am Meer

  1. Der Balubaer schreibt:

    Dieser Gedankengang könnte mir nicht nur gefallen, er tut es auch.

  2. yuppidu schreibt:

    Unendlichkeit bemühen, um dem Altruismus auf die Sprünge zu helfen: Was sagt man dazu? Das Motiv könnte glatt von deiner „Linse“ sein! 😉

ein Kommentar ist hier möglich:

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s