Lebensrausch(en)

Stell dir vor, du wachst auf und weißt urplötzlich, daß dein Lebensplan praktisch nur auf Irrtümern basiert. O ja, das richtige Thema für den Neujahrstag, wenn der Verstand noch zugedröhnt ist von Alkohol und hochheiligen Vorsätzen fürs neue Jahr. :mrgreen:
Aber ganz im Ernst: Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, daß man urplötzlich realisiert, daß man eigentlich ziemlich alles falsch angegangen ist? Nun ja, das hängt erheblich davon ab, welche Sicht man im Laufe des Lebens auf selbiges antrainiert hat.WeissesRauschen1 Sieht man es im wesentlichen als weißes Rauschen (vgl. Abb. rechts) – d.h. alles besteht höchst kleinkariert (also ohne größere Strukturen) aus zufälligen Ja-Nein-Aussagen –, beträgt die Wahrschein­lichkeit ziemlich genau 50 %.
Ganz anders ist die Situation, wenn man die Zufälligkeit zu strukturieren beginnt. Plötzlich erkennt man Abhängigkeiten: wenn A gilt, muß auch B gelten; und wenn A und B gelten, ist C ausgeschlossen. Je mehr solcher Abhängigkeiten man findet bzw. in heroischer Weise interpretiert, desto kleiner wird die Irrtumswahrscheinlichkeit, denn die Erfahrungen – Eigenes oder von Mitmenschen Aufgeschnapptes – bestätigen mit der Wucht aller vergangenen Ereignisse einzelne Substrukturen und somit das Gesamtkonzept. Ist doch ganz simpel: Strukturiere dein Leben, um vor Überraschungen gefeit zu sein.
WeissesRauschen2Zumindest wäre es einfach, wenn die Strukturen, die das Gesamtgebilde erzeugen, wirklich vorhanden und nicht nur interpretiert wären. Wir halten uns für unsagbar clever, weil wir Zusammenhänge sehen, wo gar keine sind. Aber vielleicht gibt es zwar ordnende Strukturen, nur sind sie halt für uns nicht erkennbar, weil die Projektion hochkomplexer Abhängigkeiten in unsere niedrigdimensionale Erfahrungswelt das Wesentliche nun einmal nicht abbildet? Möglicherweise ist, was wir für die – nämlich unsere – Wirklichkeit halten, zwar ein winziger Ausschnitt einer (großen) Wirklichkeit, aber nicht ausreichend, diese auch zu erkennen. Dann wäre aber die Wahrscheinlichkeit, durch phänomenologische Beschreibung der individuellen Wirklichkeit das Richtige zu treffen, praktisch null, die Irrtumswahrscheinlichkeit 100 %.
Und es ist vollkommen gleichgültig, ob man die nicht erkennbare Wahrheit nun Gott oder Weltformel nennt, ob man über kosmologische oder Quantenphänome oder darüber nachdenkt, ob man diese albernen Betablocker noch weiterhin schlucken solle, man sollte nicht nur wissen, sondern auch realisieren, daß man nicht weiß… 😉

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Über ausgesucht

…desillusioniert
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17 Antworten zu Lebensrausch(en)

  1. kls schreibt:

    Schwere Kost in den ersten Zuckungen des neuen Jahrs 😀

  2. Anonymous schreibt:

    Es ist nur allzu normal, dass um Jahreswenden solche Gedanken auftauchen, ob nun geschmacklich oder haptisch 😉

  3. BOWMORE Darkest schreibt:

    Ich bleibe lieber dumm. Dummheit siegt, immer.
    C.H.

  4. mae schreibt:

    Wie heißt es so treffend? „Gott lacht über unsere Pläne.“ Dass wir innerhalb eines für unsere Verhältnisse gigantischen Systems (Universum) sind und ergo nicht von einer neutralen äußeren Position darüber urteilen können („niedrigdimensionale Erfahrungswelt“ bezieht sich da vermutlich auf das bekannte Beispiel von angenommenen ‚zweidimensionalen Wesen‘ auf einer gekrümmten Fläche), ist ja auch selbstverständlich. Nichtsdestotrotz kann man ja trotzdem weiter daran arbeiten, Erkenntnisannäherungen zu gewinnen – sei es in der (Astro-)Physik oder spirituellen Erkenntnis (Religion, Mystik) oder unter Zuhilfename irgendwelcher Mittelchen…(die hierdurch gewonnenen Erkenntnisse habe ich am folgenden Morgen leider meist vergessen ;-)).
    Im Nachhinein ist ja sowieso alles ‚festgelegt‘, die Zukunft aber halte ich für offen und massigen Zufällen unterworfen.
    Unsere Begrenzung: der Tag hat nur 24 Stunden, und ist nur eine Sekunde vorbei, dann kann diese nie mehr nachträglich anders genutzt werden als man es tat (egal wie: Betablocker geschluckt oder einen Schritt gegangen oder Musik gehört oder auf einem Meeting entschlummert oder von der Brücke gesprungen etc.).
    Durch jede begangene Handlung per Zeiteinheit sind sämtliche anderen möglichen Handlungen in derselben (vergangenen) Zeiteinheit unwiderruflich nicht mehr möglich. Es geht nur nach vorne, egal wie schnell oder langsam und selbst wenn man verharrt; die Zeit nimmt keine Rücksicht auf uns Lebwesen, ja noch nicht mal auf ganze Planetensysteme oder Galaxien.
    Gruß,

    • ausgesucht schreibt:

      „die Zeit nimmt keine Rücksicht auf [irgendwas]…“. Das sagt sich so leicht. Aber stimmt das auch? Wir akzeptieren es für gewöhnlich, weil es zur Thermodynamik mit ihrem Entropie-Gedöns paßt. Aber es wäre durchaus auch modellierbar, daß die Zeit keine Vorzugsrichtung hat. Dann wäre die Vergangenheit deshalb diese Vergangenheit, damit es zu jener Zukunft kommen kann…

      • mae schreibt:

        vielleicht habe ich unklar formuliert: der Ablauf der Zeit also nimmt keine Rücksicht.. etc.
        aber selbst wenn das modellierbar wäre, so gälte dasselbe nur umgekehrt, oder?
        PS (kann’s mir nicht verkneifen) gibt es da nicht ein Mittel namens Botox, welches hierzu Erfolge verspricht? 😉

  5. lavendelkinder schreibt:

    Also, nach einem Silvesterabend mit ein paar Tröpfchen Geistiger Getränke beginnt am frühen Morgen das Gedankenspiel. Ich liege in einem Bett, das Bett steht in einem Haus, das Haus steht in einem Ort, der Ort gehört zu einer Stadt, die Stadt gehört zu einem Kreis, der Kreis gehört zu einem Bundesland, das Bundeslang gehört zu einem Land. Das Land gehört zu einem Kontinent, der Kontinent gehört zu einem Planeten. Der Planet gehört in ein Planetensystem, das Planetensystem ist Bestandteil einer Galaxie, die Galaxie ist ein Stück von irgendwas, was ich auf Grund meines mangelhaften Wissens über Weltall, Galaxien, Urknall und das Große und Ganze von Allem sowieso nicht mehr verstehe. Und selbst wenn ich auch nur den Hauch einer Ahnung hätte, Betablocker sind nicht der Weisheit letzter Schluss, manchmal trotzdem notwendig und Struktur ist nur eine Illusion.
    Happy new year.

  6. Yeti schreibt:

    Zitat:„Stell dir vor, du wachst auf und weißt urplötzlich, daß dein Lebensplan praktisch nur auf Irrtümern basiert“

    Eine Form eines solch „hellen Momentes“ ist die Midlife Crisis.

    Und dann kann man davonlaufen.

    Oder sich schön langsam mit der eigenen Vergangenheit auseinandersetzen und alles neu ordnen, solange, bis man wieder „online“ ist und den „Sinn des Lebens“ spürt.

    Natürlich ist auch diese Neuordnung etwas vollkommen Subjektives und auch diese Neuordnung läuft Gefahr, eines Tages mit „der Wirklichkeit“ zu kollidieren.

    Hoffen wir, dass wir in unserer Todesstunde keine allzu große Kollision erleben, sondern schön „stetig differenzierbar“ hinüberrutschen 😉

    • ausgesucht schreibt:

      „Eine Form … die Midlife Crisis“. Das ist durchaus korrekt und wird die überwiegende Mehrheit der Fälle auch richtig beschreiben. Nur eben nicht diesen hier (siehe oben): Hast Du noch niemals den Fall erlebt, daß die heulende Suse tränenüberströmt aus der KiTa nach Hause kam, weil ihre beste Freundin doof ist… (ganze Welten sind da gerade zusammengebrochen…) 😉

      • Yeti schreibt:

        Du siehst, dass ein und derselbe Artikel viele verschiedene Assoziationen hervorrufen kann, die nicht unbedingt alle mit dem tatsächlichen Ursprung dieses konkreten Gedankens zusammenpassen müssen.

        Auch das wieder eine Frage von Modellbildung, Realität und Virtualität.

        Aber hast recht, Kinder haben letzen Endes dieselben Probleme wie wir……

  7. Corinna schreibt:

    Nö, das stell‘ ich mir lieber nicht vor.

    Ich glaube schon, dass jede Entscheidung, die man trifft, in Zukunft nach sich zieht, dass man nicht mehr die Auswahl aus 100% der Möglichkeiten hat. Aber wenn einem das Leben gefällt, das man hat, dann ist es auch egal, ob Irrtümer dazu geführt haben oder nicht. Wenn es einem nicht gefällt, dann muss man es zu verändern beginnen.

    Das Schwierige ist nicht die Erkenntnis. Das Schwierige ist die Konsequenz daraus. 😉

    • ausgesucht schreibt:

      Tja, da hast Du ja ganz wacker ein paar interessante Thesen in den Raum das Blog geworfen. 😀 Vielen herzlichen Dank dafür. 🙂

      Ich komme aber mit dem Satz: „wenn einem das Leben gefällt …, dann ist es auch egal, ob Irrtümer dazu geführt haben …“ nicht so recht klar. In der einen Richtung sind wir uns sicherlich vollkommen einig: es ist ziemlich egal, unter welchen Umständen ich zum Hier und Jetzt gelangt bin; ich bin da; mal schauen, wie’s weitergeht. Die Blickrichtung in die Vergangenheit ist einigermaßen unkritisch (sie wäre es aber schon dann nicht mehr, wenn die Umstände, die mit hierher brachten, krimineller Natur gewesen wären). Mein Artikel bezieht sich aber durchaus auch auf die Zukunft. Unser Moralkonzept, unsere Vorstellungen von „wahr & falsch“, von „wichtig & nichtig“ basieren auf Erfahrungen aus der Vergangenheit. Und wenn dieses Fundament brüchig ist, ist die Wahrscheinlichkeit, sich beim nächsten Lebensschritt dramatisch zu irren, eben relativ groß. So, nun ist aber gut, damit der Kommentar nicht länger als der eigentliche Artikel gerät… 🙂

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