Tür zu!

Neulich meinte irgendwer, man könne Energie sparen, wenn man Bücher im Kühlschrank lagern würde. Was?! Ich soll mir Bücher kaufen – womöglich schmuddelige Ranzschwarten vom Flohmarkt –, um sie neben Lebensmitteln kühl zu lagern?
Nein, man müsse sie ja nicht extra kaufen; die aus dem Regal täten’s ja schließlich auch. Denn sie würden verhindern, daß beim Öffnen des Kühlschrankes so viel kühle Luft aus dem Kühlschrank fällt, die durch warme Luft ersetzt würde, die ihrerseits erst wieder zu kühlen wäre. Zumindest würde die Luft, die vom Buchstapel verdrängt ist, nicht jedesmal wieder nachgekühlt werden müssen; und das spart halt Energie.

So langsam verliere ich den Glauben an die Vernunft der Spezies Mensch! Warum soll ich zum Lesen an den Kühlschrank gehen?! Und ist es nicht reichlich kühl, in dem Zweckmöbel zu lesen? Zudem geht immer das Licht aus, wenn ich die Tür zuziehe. Das alles ist doch hochgradig unsinnig. Außerdem fühlen sich Bücher in der feuchten Kühle des Kühlschrankes gar nicht wohl. Und dann noch die blödsinnige Energiebilanz:

Rechnen wir mal mit einem Bücherstapel von 5 l Volumen. Das entspricht – Nachkommastellen spielen absolut keine Geige – etwa einer Masse von 5 kg. Die spezifische Wärme von Papier (oder Holz) kann man mit etwa 2.3 kJ/(kg K) ansetzen, d.h. man benötigt etwa 115 kJ, um den Bücherstapel um 10 grd herabzukühlen, nämlich von Zimmer- auf Kühlschranktemperatur.
Im Gegenzug benötigt man nur 65 J für Abkühlen von 5 l Luft um 10 grd (die Dichte von Luft beträgt in diesem Fall rund 1.3 g/l, die spezifische Wärme etwa 1 kJ kg-1K-1).

Mit anderen Worten: damit das Herunterkühlen des Bücherstapels den Energieaufwand der herausgefallenen kalten Luft beim Türöffnen kompensiert, dürfte man mehr als 1700-mal den Kühlschrank öffnen. Da in der Zwischenzeit aber auch mal der komplette Stauraum für Festivitäten o.ä. gebraucht wird, also der Bücherstapel aus dem Kühlschrank geräumt werden müßte, ist nicht nur kein Einsparpotential vorhanden, sondern die gesamte Aktion vollkommen und absolut unsinnig.

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Über ausgesucht

…desillusioniert
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25 Antworten zu Tür zu!

  1. lavendelkinder schreibt:

    Das ist nicht unsinnig. Das wird demnächst gesetzlich geregelt. Dann wird festgelegt, wieviele Kilo Bücher der normale Kühlschrankbesitzer mindestens im Kühlschrank haben muss. Erst werden es europäischen Länder festlegen, später dann die ganze Welt. Die Durchführung wird viedeoüberwacht.
    Ich freu mich drauf.
    Mein Vater lässt hin und wieder seine Brille im Kühlschrank liegen, Könntest Du mir da bitte mal die Energieersparnis ausrechnen?
    Dann freut er sich vielleicht und denkt nicht mehr dauernd daran, wie verschusselt er ist.

  2. mae schreibt:

    Haushaltstipp: viel sinniger ist die Aufbewahrung von gemahlenem Kaffee im Kühlschrank. Ein 1a-Duftspender, der fast alles an unangenehmen Lebensmittel- oder Büchergerüchen überlagert (kann nicht bzgl. Meeresfrüchten/Fischen garantieren, da ich derlei nicht esse). Außerdem bleibt der Kaffee selbst natürlich auch länger frisch.
    PS Die „schmuddeligen Ranzschwarten vom Flohmarkt“ (gerade so konnte ich kürzlich einen Dostojewski sehr günstig ergattern) tragen vermutlich erheblich (!) weniger Keime, als sich etwa in den Gummifalten der Kühli-Türabdichtung oder an der Plastikverblendung der Glasplatte befinden…
    Guten Appetit…

    • ausgesucht schreibt:

      … ich hoffe, Du wirst deshalb den Fjodor jetzt nicht in die heimatliche Sibirien-Box verbannen? 😉

      • mae schreibt:

        Nein, die ist voller Mammutfüße. Fetischisten aller Länder, hört die Signale!
        Scherz beiseite: „Die Brüder Karamasow“, edel verlegt bei Manesse, Einband zugegeben ‚leicht‘ abgegriffen, Preis 1€? Musste ich sofort kaufen. Bin ca. bei Seite 200 und es geht mal wieder um die Psychologie des Verbrechers – in uns allen. F.D. – einer der größten Schriftsteller aller Zeiten, das steht mal fest.
        P.S. Sehr alte und vom Verfall bedrohte Bücher/Manuskripte werden tatsächlich zur Stufe-1-Rettung erst mal kühl und dunkel gelagert.
        P.P.S. Aber diese Frage bleibt offen: Was macht man mit sehr alten und vom Verfall bedrohten Kühlis? Zwischen Büchern lagern oder etwa doch – wie mir scheint – in der kommunalen ‚Wertstoffsammelstelle‘?
        P.P.S. Guter Blog. Man sollte die Dinge immer ernst nehmen, aber nicht unbedingt wichtig. Prost!

  3. Inch schreibt:

    Gut. Ich meine, gut zu wissen, dass ich keins meiner Bücher in den Kühlschrank verbannen muss. Das wäre ja wie Sibirien und ich würde ihn sofort in Gulag umtaufen. Den Kühlschrank

  4. Energie sparen schreibt:

    Mit den Büchern ist natürlich Quatsch. Aber denk doch mal eine eine leere Frühstücksbox oder andere leichte Behälter, die die gekühlte Luft zumindest im Kühlschrank behalten. Falls man einen zu großen Kühlschrank besitzt, gibt es von vielen Herstellern auch Isolierplatten, die einen ungenutzten Teil des Kühlschranks abtrennen. Eine einfache Styroporplatte tut es natürlich auch…

    • ausgesucht schreibt:

      Und doch kann man das Thema noch deutlich pragmatischer angehen: Ehe ich beim Kühlschrank irgendwelche Überschläge mache, die a) den Komfort einschränken und b) ein paar wenige hundert Watt pro Tag einsparen, regele ich lieber im ganzen Haus die Temperatur um 0.2 grd herunter. Das hat Effekt – soll ich’s mal vorrechnen? 😉

  5. George schreibt:

    Gut, ja, da fällt beim Öffnen viel kühle Luft aus dem Kühlschrank. Aber solche Aktionen? Man kann es auch übertreiben. Wobei ich anmerken muß, wir haben jetzt einen Kühlschrank mit extra Getränkefach, innen abgetrennt und direkt von vorne durch ein kleines Türchen zugänglich. Da braucht man nicht mehr die ganze Tür aufzumachen, wenn man eine Flasche herausnehmen will. Das finde ich schon sinnvoll.

    Was ich schon alles aus Versehen(!) in den Kühlschrank oder auch ins Backrohr gelegt habe, das erzähl ich aber nicht 🙂

    • ausgesucht schreibt:

      Ich warte noch auf einen Kühlschrank mit einer „Katzenklappe“ für Weißwein und einer für Schampus und einer zusätzlichen für andere Getränke. 😛

  6. ChefbloggerJürgen schreibt:

    Also wenn dieser Tipp wirklich ernst gemeint war, dann wäscht derjenige wahrscheinlich auch seine Socken zusammen mit den Tellern in der Spülmaschine. Solche Tipps können doch nicht wirklich ernst gemeint sein. Hast Du es im Fernsehen gesehen? Ich glaube die wissen bald nicht mehr, wie sie ihre Sendezeit füllen sollen. 😀

    • ausgesucht schreibt:

      Die Quelle ist mir nicht überliefert, aber ich möchte gern glauben, daß es sich um eine bierernste Ratgebersendung im Fernsehen handelte.
      Aber der Tip mit den Socken ist toll! Das probiere ich doch gleich mal aus 😆

  7. brombeerfalter schreibt:

    Leg den Kühlschrank einfach auf den Rücken und nutze ihn als Kühltruhe, dann bleibt die kalte Luft eher an Ort und Stelle. Aber schön vor jedem Hineingreifen Hände und Unterarme mit ein paar Litern fließendem kalten Wasser abkühlen, damit sie nicht so viel Körperwärme in die Truhe gelangt…

    • ausgesucht schreibt:

      🙂 herzallerliebst! ♥
      Wahrscheinlich kann man obigen „Vorschlägen” auch nur mit Humor begegnen 😀

      • brombeerfalter schreibt:

        Das denke ich auch… Was ich allerdings tatsächlich mache, ist, Dinge, die ich zum Auftauen aus dem Gefrierschrank nehme, lieber etwas früher raushole und im Kühlschrank auftauen lasse. Und ich bilde mir wirklich ein, dass der Kompressor des Kühlschranks während der Auftauzeit weniger oft anspringt.

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