Buch 27.1 – Die Kunst des klaren Denkens

Cover_Dobelli

ISBN 978-3-446-42682-5

Es gibt schon seltsame Büchlein! Die „Kunst des klaren Denkens“ von Rolf Dobelli gehört sicherlich dazu. Der Untertitel ist freilich Verführung pur: „52 Denkfehler, die Sie besser anderen überlassen” – wöchentliche Blogmunition für ein ganzes Jahr.
Wenn doch nur das Niveau ein besseres wäre! Nehmen wir doch gleich einmal den 3. der durch Dobelli für erwähnenswert erachteten Denkfehler: Der Overconfidence-Effekt. Zitat (Seite 13): „Zarin Katharina II. von Russland war nicht für ihre Keuschheit bekannt. Zahlreiche Liebhaber wühlten sich durch ihr Bett. Wie viele es waren, verrate ich Ihnen im nächsten Kapitel, hier geht es vorerst um etwas anderes: Wieviel Vertrauen sollen wir in unser Wissen haben? Dazu eine kleine Aufgabe: »Definieren Sie die Spanne der Anzahl der Liebhaber der Zarin so, dass Sie mit Ihrer Schätzung zu 98 % richtig- und nur zu 2 % falschliegen.«” Nun frage ich mich allen Ernstes, was diese Aufgabe mit dem Vertrauen in das eigene Wissen zu tun haben könnte? Wenn ich die Lösung kenne, entfällt die Nebenbedingung einer 2-prozentigen Irrtumswahrscheinlichkeit. Kenne ich die Lösung nicht, wird durch das Angeben eines vermuteten Lösungsintervalls nicht Wissen, sondern die Fähigkeit zum (sinnvollen) Schätzen getestet. Ganz nebenbei: man sollte derartige Tests nur an überprüfbaren Fakten ausrichten (die Antwort (Seite 19): „Zarin Katharina II. von Russland hatte ca. 40 Liebhaber” führt die Auswertbarkeit ad absurdum, denn das verwendete „ca.” macht eine numerisch exakte Auswertung unmöglich; zudem ist 40 eine Zahl, die überliefert ist, hatte sie in Wirklichkeit nicht doch 50?).
Das Elend ist aber noch nicht zu Ende, denn die Schätzgüte wird nicht dadurch ermittelt, daß ein Proband eine stichhaltige Zahl von Schätzaufgaben zu lösen hat, sondern daß eine Aufgabe einer breiten Zahl von Probanden vorgelegt wird. Der in der Gruppe ermittelte Schätzfehler gilt als Beleg für Selbstüberschätzung des Einzelnen.
Auwei, ob sich möglicherweise jemand beim Schreiben eines Buches selbst überschätzt hat? Zumindest bei der kontexturalen Einbettung des Themas erhärtet sich dieser Verdacht. Warum erfährt man nichts darüber, welchen evolutionären Vorteil es eventuell mit sich bringt, wenn man sich im richtigen Leben (nicht in der Sterilität einer akademischen Schulung) durchaus selbst überschätzt, wenn man das eigentlich unmögliche Unterfangen trotz allem angeht … und siegt.

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Über ausgesucht

…desillusioniert
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30 Antworten zu Buch 27.1 – Die Kunst des klaren Denkens

  1. Wortwechsel schreibt:

    Kurze Anm. Das Buch gefällt mir nicht, jedoch der Artikel. 🙂

    • ausgesucht schreibt:

      Danke für Besuch, Like und Kommentar. Das Buch gefällt mir auch nicht sonderlich, aber es wird vielleicht Stoff für noch einen weiteren Artikel liefern 🙂

  2. wanderer63 schreibt:

    Ich habe das Buch gerade in Arbeit. Wie gesagt, es ist schon ein wenig Arbeit, aber ich empfinde es nicht als „schlechtes Buch“. Ich sehe den Anspruch auch nicht so hoch, den der Autor an das Buch selbst stellt. So sagt er ja selbst im Vorwort, dass es eine Liste … samt Notizen und persönlicher Anekdoten war und zwar ohne Veröffentlichungsabsicht.
    Also ich finde deinen Beitrag gut und das Buch nicht so schlecht 😉

    • ausgesucht schreibt:

      Danke für Deine Anmerkungen 🙂
      Wenn das Buch nicht zum Veröffentlichen vorgesehen war, waum wurde es dann veröffentlicht? Bzw. wieso wurde es nicht sorgfältig überarbeitet, daß es ein nützliches Buch würde? Denn was nützt es, wenn im Untertitel zwar die Aufforderung lockt, Denkfehler anderen zu überlassen, aber praktisch keine Hinweise zum Wie gegeben werden… 😕

  3. yuppidu schreibt:

    Selbstüberschätzung als Motor der Evolution … hmmmm, das ist ja einmal ein Ansatz, der etwas hergibt, würde ich sagen! 😉

    • ausgesucht schreibt:

      Vielleicht nicht als (der einzige) Motor, sondern als ein Aspekt. Diejenigen, die zu zach waren, sind verhungert oder waren nicht attraktiv genug, um ihre Gene weiterzugeben…
      Die heute (noch) leben, sind im Evolutionsprozeß übrig geblieben: Was wie Triebkraft ausschaut, ist wohl eher ein Abfallprodukt, eine Folge elementar vegetativer Prozesse.

  4. yuppidu schreibt:

    Du meinst, der Schöpfer hätte es einfach den Typen mit der großen Klappe überlassen, das Universum zu veredeln? Der Schluss klingt doch etwas abfällig, nur weil das autonome Nervensystem auch die Ausscheidung regelt. Kann es nicht sein, dass die unterschiedliche Qualität der Verdauungseffizienz der wirkliche Antrieb unserer Spezies ist? 😉

    • ausgesucht schreibt:

      … ich glaube, ich weiß, worauf Du hinauswillst. War das nicht im Film „City Slickers“, wo der ominöse Satz fiel: „Ich scheiße die größeren Haufen…“? 😀

  5. yuppidu schreibt:

    Du meintest wohl dieses (youtube: watch?v=O67AdhnmZw8)? Evolution auf den Punkt gebracht und alle halten es bloß für einen Scherz – eine wahre Tragödie! 😉

    • ausgesucht schreibt:

      Genau das meinte ich (im Trailer die 3 Sekunden nach 1:31 min). Verzeih, daß ich den Link „gestutzt“ habe, aber die Rechtssituation ist nach wie vor unklar (und gebranntes Kind scheut Feuer…)

      Und entweder aus Genialität oder per Zufall gelingt es den Machern von Soaps oder Trivialliteratur oder Komödien immer wieder einmal, tiefgründigste Philosophie zu transportieren; dafür könnte ich sie lieben 😛

  6. yuppidu schreibt:

    Ich schätze, dass diese ganze Schätzerei mit den entsprechenden Schätzfehlerquoten überschätzt wird, daher die Irrtumswahrscheinlichkeit entsprechend hoch angesetzt werden muss, wenn ich mir das so klar überdenke. 😉

  7. yuppidu schreibt:

    Überteib die Klarheit des Denkens nicht allzu sehr, womöglich schätzt man dann so sehr nicht mehr … 😉

    • ausgesucht schreibt:

      Die besten Denker holen, so schätze ich, den Großteil, zumindest den entscheidenden Anteil ihrer Denkaktivität ohnehin aus der bauch- oder Magengegend… 😉

  8. yuppidu schreibt:

    Klar doch, dafür musstest du ein Buch lesen, um dies zu erkennen? Ohne Häppchen im Magen, hat der größte Philosoph nicht viel zu sagen, außer vielleicht: Hunger, Durst …. Was dann doch eher als Alltagsphilosophie interpretiert wird. 😉

  9. yuppidu schreibt:

    Das wird Rolfi aber gar nicht gefallen, wobei mir völlig klar war, dass du schon klar bist und auf Dobelli nicht angewiesen warst und bist! 😉

  10. yuppidu schreibt:

    Tja, wer will schon einen lückenhaften Blog und noch dazu ein Lückenpä(ä)rchen? So danke ich Herrn Dobelli für seine Anstöße, die hoffentlich sauber bleiben, denn Anstößiges wollen wir vermeiden, wenn geht … ansonsten halt nicht! 😉

  11. yuppidu schreibt:

    Nun sei doch nicht gleich enttäuscht, aber es muss doch auch einen anderen Weg geben: Wo ein Wille, da gibt es doch sicher einen Weg! Außerdem wird man sich sicherlich nicht gleich an jeder Kleinigkeit stoßen – schätze ich mal so! 😉

    • ausgesucht schreibt:

      Von Enttäuschung ist gar keine Spur. 🙂
      Die Situation ist vielmehr diese: Ich habe einen Vorschlag gehört und ringe nun mit mir, ob ich ihm folgen (etwa weil der Vorschlagende stärker ist; schon wieder dieses martialische ‚Schlagen‘) oder, ganz im Gegenteil, wider den Stachel löcken solle 😛

  12. yuppidu schreibt:

    Schau, schau, die Sache mit dem Stachel ward der Apostelgeschichte entnommen! Wie konnte sie bloß in diesen Blog gelangen? Die Evolution wird ganz offensichtlich von großen Haufen und Gewalt vorangetrieben … Das Ergebnis klaren Denkens hat beinahe Erkenntnisqualität! 😉

    • ausgesucht schreibt:

      Jetzt hast mich gleich wieder in ein Entscheidungsdilemma getrieben: Wenn ich das nette Lob am Ende Deiner Anmerkung huldvoll entgegennähme, dürfte ich keinen Zweifel mehr anmelden (etwa an der Passage, daß da irgendwas die Evolution irgendwie vorantreibt). :mrgreen:
      Aber, ganz einfach(!), ich nehme den Satz mit der „beinahe Erkenntnis“ als beinahe Lob… 🙂 😛

  13. silbermuenzgeld schreibt:

    Ueber die Denkfehler des Herrn Dobelli in seinen beiden aktuellen Werken (das og. und „Die Kunst des klugen Handelns“ liesse sich ein neues Buch schreiben. (Ein Teil dieser dürfte auch ursächlich an der Ausbildunsgstätte, HSG St. Gallen (CH) zu finden sein.)

    • ausgesucht schreibt:

      Ich kenne das genannte „Etablissement“ nicht, würde aber trotzdem nicht von dobellischen Denkfehlern sprechen wollen, eher schon von einer halbherzigen, oberflächlichen Behandlung der Materie.

  14. silbermuenzgeld schreibt:

    Der Artikel ist treffend logisch. Uebrigens: Es wäre ideal, er, Dobelli, würde seine Bücher online als pdf zV. stellen, damit man die GeDrucktWerke nicht kaufen muss, um ihn zu kritisieren :-).

    • ausgesucht schreibt:

      Neben der von Dir vorgeschlagenen Möglichkeit (die ich so ähnlich auch schon einmal „vor der Flinte“ hatte :-)), könnte man ja auch über die Möglichkeit nachdenken, zu hohe (weil nicht gerechtfertigte) Preise für Ratgeberbücher zurückzufordern, wie man es halt auch bei Steuern macht… 😀

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