Kasten-Gesellschaft

In reichlich einem Monat ist BuTa-Wahl, d.h. man darf sich vollmündig zwischen Pest und Cholera entscheiden. Und die Plakate werfen ihre Schatten voraus. Täusche ich mich, oder gab es noch nie einen so bunten Schilderwald? Habe ich das richtig gehört, daß der Steuerzahler runde 61 Millionen Euronen für diese zwar bunten, sonst aber absolut nichtssagenden und austauschbaren Plakate abdrückt?
Wahlplakate sind ein schrecklich ineffizientes Mittel für den Wahlkampf! Wahrscheinlich deshalb, weil der Wahlkampf selbst ineffizient ist. Geht es denn überhaupt noch um Wahlprogramme? Es drängt sich ein Nein auf, das sich aus der Vermutung speist, daß die Parteien selbst gar keine Programme haben. Ja sicher! Freilich gibt es Parteiprogramme. Aber lege sie einfach nebeneinander. Kennst Du eines, kennst Du alle! Denn die einzige, die wahrhaftige politische Zielsetzung ist Stimmenfang. Der deutsche Michel soll keine politischen Konzepte wählen! Würde er sie verstehen, müßten sie begreifbar sein, also nicht als imaginäre Sprechblasen wabern, sondern soweit real sein, daß sie an der Realität gemessen werden könnten. Vor allem – und am leichtesten zu überprüfen – ihre Realisierung oder besser ihre Nicht-Umsetzung. Doch genau dazu darf es ja gar nicht kommen! Also wird das eigentliche politische Ziel tunlichst verschwiegen. Stattdessen werden Leimruten ausgelegt, die dann allerdings Partei- bzw. Wahlprogramm heißen, die mit verschiedenen süßlichen Worten das Stimmvieh anlocken sollen – das eine „Programm” ist somit von links dumm, das andere von rechts…
Das Konzept von Parteien und Wahlprogrammen stammt noch aus einer Zeit, als die Gesellschaft noch (im wesentlichen) durch Klassen strukturiert werden konnte, denn die Klassen waren durch den gesellschaftlichen Produktionsprozeß anhand des Eigentums plausibel und halbwegs objektiviert definierbar. Heutzutage ist das etwas anders! Was wir aktuell erleben, hat praktisch nichts mehr mit einer Klassengesellschaft zu tun. Wir erleben eine Kasten-Gesellschaft! Die Kaste der Regierenden bzw. der Obrigkeit (die eigentliche Regierung ist eine Gruppe innerhalb der Kaste der Politiker-Darsteller), die Kaste der Malochenden, die Kaste der Armen, die Kaste der Rechtlosen…
Der aktuelle Wahlkrampf stellt sich also so dar, daß einzelne Mitglieder der Obrigkeitskaste sich mit bunten Bildchen, den Wahlplakaten, schmücken, um den Mitgliedern der anderen Kasten die Illusion von Demokratie vorzugaukeln. :mrgreen:

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Über ausgesucht

…desillusioniert
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10 Antworten zu Kasten-Gesellschaft

  1. hjs1951 schreibt:

    Wie wahr!!! Leider….

  2. Lavendelkinder schreibt:

    Letztes Mal habe ich versucht, einfach nicht hinzugucken. Aber das geht nicht. Diese Plakate springen einem ins Auge. Das ist schlimm, das tut weh und man fühlt sich ausgeliefert.
    Ich hatte komplett verdrängt, dass es jetzt wieder losgeht mit den Augenschmerzen. Danke für die Erinnerung. Da kann ich versuchen, ein Vorbeugungskonzept zu erarbeiten. Sonnenbrille wird wohl nicht reichen.

    • ausgesucht schreibt:

      O, das tut mir aufrichtig leid, daß ich mit meiner „Vorwarnung“ die Zeitspanne des Vorwahlelends um ein paar Tage verlängert habe – und nein, Sonnenbrillen helfen nicht, eher schon Filzbrillen (nicht um den Filz zu erkennen und auch nicht die Arbeitsbrillen vom Zoll ;-), sondern Brillen mit dicken Filzscheiben anstelle von Gläsern…) 😀

  3. yuppidu schreibt:

    Es geht um den Stimmenfang, klar! Man erzählt Geschichten und für die funktionalen Analphabeten gibt es die netten Bilder. So funktioniert Demografie … 😉

  4. Wir leben in einer Gesellschaft, in der es den einen zu gut und den anderen zu schlecht geht, um sich wirklich dafür zu interessieren. Die Parteien haben dieses Spiel seit Beginn der Bundesrepublik gespielt, die Konsequenz der Katastrophe des zwanzigsten Jahrhunderts sollte der Ausschluß der Volksmasse von den wichtigen politischen Entscheidungen sein. Soweit ich es beurteilen kann, hat es bestens geklappt, und wäre das alles nicht so furchtbar zynisch, dürfte man an dieser Stelle wohl gratulieren.
    Wir befinden uns freilich stets in dem Dilemma, daß weder eine direkte noch eine parlamentarische Demokratie im Sinne aller funktioniert, sobald wir in der Praxis ankommen. Die Masse interessiert sich nicht für die wichtigen Entscheidungen, die gesellschaftliche Elite trifft sie dankbar in ihrem eigenen Sinne, d. i. zu ihrem eigenen Vorteil.
    Ferner entziehen sich die großen Konzerne immer weiter der Kontrolle demokratischer Instanzen. Große Unternehmen agieren global und selbst ihre physischen Standorte sind fragmentiert, so daß keine Regierung, selbst wenn sie es wollte, ihnen mit irgend einer legislativen Initiative beikommen könnte. Gleichzeitig werden die Kompetenzen der Regierungen der einzelnen Länder ausgehölt beziehungsweise die Gesetzesgebung der eizelnen Länder umgangen, indem auf der Ebene europäischen Rechts operiert wird. Alles folgt dem Grundsatz, EU-Recht geht vor Landesrecht, und man muß nicht weit denken oder gehen, um diesen Grundsatz für effektive und zugleich effiziente Manipulationen ausnutzen zu können. Statt also auf die Gesetzesgebung in jedem einzelnen Land Einfluß zu nehmen, muß die Wirtschaft nur auf das EU-Recht einwirken, um flächendeckend und ohne größeren Widerstand eigene Interessen gegen die Interessen der Allgemeinheit durchzusetzen.
    Und wiewohl uns Zeitgenossen mehr Informationen auf schnellerem Wege als jemals zuvor in der Geschichte der Menschheit zur Verfügung stehen, nutzen wir die Technik mit überwältigender Mehrheit ausschließlich zu Unterhaltungszwecken.
    Der Gleichgültigkeit gegenüber diversen Problematiken und deren realen Ursachen stehen der politische Rechtstrend und unrealistische Forderungen seitens rechtspopulistischer Vereinigungen, die sich inzwischen zu Parteien etabliert haben. So forderte beispielsweise die AfD in ihren »Kernpunkte(n) der AFD für die Bürger Nordrhein-Westfalens« unter Punkt 3. Recht, Demokratie und Freiheit »Direkte Demokratie nach Schweizer Vorbild«, »Opferschutz vor Täterschutz«, »Nationales Recht darf keinem Vorbehalt unterliegen«, »Sachliche Berichterstattung in den Medien« und »Imame sollen auf Deutsch predigen«. Man bemerke die geschickt vagen Formulierungen der einzelnen Punkte, ohne daß auf deren Sinngehalt, geschweige denn Durchführbarkeit eingegangen würde.
    Die Schweiz unterliegt in sämtlichen Bereichen von der geographischen Größe über die Bevölkerungszahl- und dichte bis zu Wirtschaft und Wohlstand gänzlich andren Bedingungen als die Bundesrepublik. Eine direkte Demokratie funktioniert nur so gut, als es der Bildungsstand und die Fähigkeit, die Tragweite der Konsequenzen zu sehen, erlauben. Statt dessen müßten politische Fehlentscheidungen vermieden werden, indem man den Einfluß der Wirtschaft auf die Politik verringert.
    »Opferschutz vor Täterschutz« läuft auf nichts andres hinaus als auf die Tradition der meisten Kulturen, daß jeder solange schuldig ist, bis er seine Unschuld bewiesen hat. Ich möchte nur ungern zu diesem Grundsatz zurückkehren. Und auch Täter haben, trotz allem, was sie getan haben mögen, immer noch Rechte, weil der Sinn der Rechtsprechung seit dem Mittelalter nicht mehr in der Rache, sondern der sozialen Reintegration besteht.
    »Nationales Recht darf keinem kulturellen Vorbehalt unterliegen« ist ein mir zunächst unverständlicher Punkt. Ich vermute, damit ist gemeint, daß in diesem Falle deutsches Recht andre Kulturen als die heimische nicht berücksichtigen solle. Das Zusammenleben verschiedener Kulturen führt tatsächlich zu Schwierigkeiten bezüglich des eigentlich für alle geltenden Rechts, aber dies ist eine historisch triviale Erkenntnis, die man schon in der Antike erlangte. Tendentiell lebte man immer dort am besen zusammen, wo man einander tolerierte, statt zu bekämpfen, auch wenn dies viele Fragen und Probleme unberührt beziehungsweise ungelöst läßt, die eigentlich der Lösung bedürfen.
    Ich hieße »Sachliche Berichterstattung in den Medien« willkommen, aber wie will man so eine Forderung durchsetzen? Zum einen befinden sich die meisten Medien, gleichviel ob Print-, Funk- oder Fernmedien, in den Händen weniger reicher Familien, deren Interessen mit einer sachlichen Berichterstattung kollidieren. Zum andern gibt es viele Menschen, die auf eine sachliche Berichterstattung keinerlei Wert legen, sondern nur deren Sensationsgehalt. Die Nachfrage bestimmt hier also zu einem großen Teil das Angebot. Des weiteren liefe jede Art von Zwang auf Zensur hinaus, und bislang hielt man die Freiheit der Presse, die sich heute auch auf Funk- und Fernmedien erstreckt, für eine Errungenschaft, wenn ich mich nicht irre.
    »Imame sollen auf Deutsch predigen« – warum? In Deutschland umfaßt das Recht der Religionsfreiheit auch das Recht der freien Religionsausübung. Natürlich kann dieser Grundsatz in einzelnen Fällen mit anderen Gesetzen und Rechten anderer in Konflikt treten. Nichtsdestoweniger gilt, daß Gruppen von Menschen nicht unter Generalverdacht gestellt werden und solange als unschuldig zu gelten haben, bis ihre Schuld bewiesen ist, und zwar individuell. Niemand bestreitet, daß es Haßprediger gibt, die zur Unterminierung der Gesellschaft, in der sie leben, und zu Gewalt aufrufen. Das ist aber nicht einmal im Ansatz die Mehrheit.
    Abgesehen davon verlangt der Islam in vielen seiner Ausformungen, daß auf Arabisch gebetet werde. Arabisch war die Sprache des Propheten des Islam, und selbst geographisch richten sich Muslime für gewöhnlich gen Mekka, wenn sie beten. Die Sprache ist also ein integraler Bestandteil dieser Religion, und Imame zu zwingen, auf Deutsch zu predigen, käme wiederum einer Zensur gleich.
    Nimmt man die Programmpunkte einer rechtspopulistischen Partei einzeln auseinander, wie ich es oben exemplarisch für einen Punkt und dessen Unterpunkte getan habe, bleibt wenig bis keine Substanz übrig. Aber wer tut das schon? Menschen suchen gern nach scheinbar einfachen Lösungen für komplexe Probleme. Monokausale Erklärungsmodelle und Sündenbockmentalität erfreuen sich erneut großer Beliebtheit. Nur sollen diesmal nicht die Juden an allem Schuld sein, sondern die Muslime und Flüchtlinge aus Ländern, die durch unsere dekadente Lebensweise politisch wie wirtschaftlich zersetzt worden sind.
    Der etablierten Politik beziehungsweise den etablierten Parteien spielt dies insofern in die Hände, als daß die Frustration der Menschen sich nicht gegen sie, die eigentlichen Verursacher des Problems, sondern gegen die Opfer bewußter und gleichgültiger politischer Entscheidungen wendet. Wenn also die Gemüter bis zum Erbrechen mit Illusionen gefüllt sind, warum noch relevante Inhalte bieten? Der alte Spruch, wer die Wahl hat, hat die Qual, wird hier auf perverse Art verdreht, denn man hat in jedem Falle die Qual, gleichviel, wen oder was man wählt, ein schlechtes Gewissen zu haben, und zwar ebenso sehr, als wenn man gar nicht wählen ginge.

    • ausgesucht schreibt:

      Eine ausführliche Anmerkung, für die ich mich erst einmal bedanken möchte – umso mehr, als ich ja schon recht lange hier, auf diesen Seiten, nichts mehr von Dir hatte lesen können. Dennoch scheint mir in ihr ein interessanter Widerspruch erkennbar zu sein: später mehr.

      Zunächst einmal möchte ich betonen, daß ich auf der hier betriebenen Sammlung von Textschnipseln (vulgo: auf diesem Blog), an keiner Stelle – auch und gerade mit dem obigen Artikel nicht – für eine beliebig herausgegriffene Partei oder Interessengruppe eine Lanze brechen würde. Ebenso wenig würde ich mich herablassen, wider sie zu schreiben. So geht es beispielsweise in obigem Artikel weder um eine Partei noch um ihr Parteiprogramm, sondern um einen Menschen oder eine Gruppe, der/die mit seinen/ihren scheinbar gutgemeinten politischn Aktionen das in Wahrheit doch wohl zugrunde liegende politisch-moralische Barbarentum offenlegen.

      Und genau diese Suche nach den Dingen, die unsere Welt bewegen, also der Blick auf Zusammenhänge und nicht so sehr auf Einzelerscheinungen richtet die Aufmerksamkeit wie unter einem Vergrößerungsglas auf Aussagen, die sonst eher unterschwellig blieben, nichtsdestotrotz aber fragwürdig sind: »Monokausale Erklärungsmodelle und Sündenbockmentalität erfreuen sich erneut großer Beliebtheit. Nur sollen diesmal nicht die Juden an allem Schuld sein, sondern die Muslime und Flüchtlinge […]«.
      Und (nicht nur) hier möchte ich – eingangs hatte ich es bereits angedroht – widersprechen. Zeichnet sich denn derim Zitat skizzierte Gedanke noch auch durch Monokausalität aus? Fehlt es denn nicht allzu oft an einer scharfen und vor allem logisch schlüssigen Trennung (nicht nur, aber auch zu den in Deinem Kommentar angerissenen Themen) von Ursache und Wirkung?

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