Entschleunigung

EntschleunigungMit dem Gehweg-Graffito (Photo links) habe ich mir sehr viel Zeit gelassen (also nicht mit dem Anbringen – das taten andere –, sondern mit dem Deuten). Es sind mit dem Stichwort „Entschleunigung” sehr, sehr viele Assoziationen verknüpft.
So meine ich beispielsweise, daß vier von fünf Personen, die dieses Schlagwort im Wappen führen, in Wirklichkeit doch Beschleuniger sind. Wir leben in einer turbulenten, in einer rasanten Zeit. Das ist unbestritten. Die Maxime ist: immer mehr in immer kürzeren Zeiten. Es genügt nicht, schnell zu sein; schneller, immer schneller, lautet die Tagesdevise. Und die ist nur durch Beschleunigung realisierbar. Bis die innere Stimme Einhalt gebietet. Denn zum einen kann es nicht gut sein für Gesundheit und Wohlbefinden, immer weiter zu beschleunigen, zum anderen ist es nicht möglich (sinnvoll schon lange nicht), weiter und weiter zu beschleunigen. Und die Alternative? Klar doch! Entschleunigung. Das kann doch so schwer nicht sein – wer sich zu dem einen Gedanken durchgerungen hat, kommt zwangsläufig zu dem anderen.
Nein, ganz so einfach ist es nicht! Wenn ich nicht mehr beschleunige, ändert sich an der rasanten Geschwindigkeit rein gar nichts. Allerdings ist diese Geschwindigkeit so hoch, daß ich für die schönen Dinge am Wegesrand gar keine Zeit mehr habe, weil die Gelegenheit in einem Hui vorbei ist und von Hunderten neuen zugeschüttet wird. Also reicht Entschleunigen im Sinne von „Nicht-weiter-Beschleunigen” längst nicht aus. Man müßte auf die Bremse treten. Bremsen ist aber eine Beschleunigung. Sie führt zwar dazu, daß es ab jetzt langsamer geht (im schlimmsten Fall zu Stillstand – wer wollte das wohl wollen? –kommt), macht einen aber zum Außenseiter in der Gesellschaft. Nicht umsonst gibt es Richtgeschwindigkeiten auf Autobahnen. Und wer schon einmal in einer engen Fußgängerzone versucht hat, an dieser Händi-Labertasche vorbeizukommen, die bräsig einen Weg blockiert, auf dem eine Kavalleriehundertschaft bequem galoppieren könnte, wird ahnen, daß individuelles Stillestehen hochgradig egoistisch ist.
Was tatsächlich gebraucht würde, ist nicht Entschleunigung (in welcher Spielart auch immer), sondern Bewußtwerdung: ich lasse mich nicht von immer neuen Sinnesreizen überfluten, bis alles zu einem ewig grauen reizlosen Etwas zusammenläuft, sondern ich gehe dem Einzelnen auf den Grund. Ich nehme mir die Zeit, die notwendig ist, daß Einzelerscheinungen ihre Wirkung auf mich ausüben können. Freilich nicht alle Einzelerscheinungen – man muß lernen zu wählen, man muß lernen zu verzichten, man muß lernen, auf unwillkommene Wirkungen zu reagieren (Prozesse forcieren [also beschleunigen!], beenden, umleiten). Man wird lernen, Schwerpunkte zu setzen, an denen das Leben ankern kann.

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Über ausgesucht

…desillusioniert
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9 Antworten zu Entschleunigung

  1. YDU schreibt:

    Toi, toi, toi! Das hast du gut getoitet, wenn ich es mir recht überlege, aber am Ende kam es dann doch recht dick: Verzicht, Umleitung, reizloses Grau und dann noch die Prozessiererei …Nö, ich für meinen Teil forciere den Beschleunigungsstillstand und die selektive Bremsrichtung in Verbindung mit einer reizenden Sinnesbewusstwerdung! Nun sagt mir meine innere Stimmung aber, dass ich die Klappe halten soll und ich kann nicht realisieren, warum sie sich plötzlich einmischt, wo ich gerade so richtig in Fahrt gekommen bin … 😉

  2. YDU schreibt:

    Ich habe es mir überlegt, ich forciere die Stillstandsbeschleunigung und bremse die selektive Wahrnehmung aus und dann reize ich die Sinnesbewusstwerdung. Außerdem werden unnotwendige Prozesse „abgeschossen“ und danach werfe den Anker vor den Malediven aus … oder so, wenn sie dort einen Ponyhof anzubieten haben und es dort wenigstens ein Mal pro Woche ein Wunschkonzert gibt! Das mache ich … 😉

    • ausgesucht schreibt:

      Hmmm, „die Stillstandsbeschleunigung forcieren” – ich ahne Schlimmstes für die Raumkrümmung; und schon gibt es Singularitäten: ein Hafen-Konzert mit Seepferdchen (gibt es solche auf den Malediven?)… 😉

  3. YDU schreibt:

    Dieses Thema will mir nicht mehr aus dem Kopf! Vermutlich wird dir meine Herangehensweise nicht ganz so ernsthaft vorkommen, da meine Lösungsansätze ein wenig abstrus klingen, aber wir sind bei einem Kernthema der heutigen Zeit, daher habe ich gestern auch gleich die Kettensäge gestartet, um in völliger Ruhe und Gelassenheit dem Thema nachzuspüren. Ich frage mich gerade, warum ich das Konzert der Seepferdchen auf den Malediven noch nicht gehört habe? Singularitäten machen mir keine Angst, da es sie mit Sicherheit nicht gibt, das sind Erfindungen von Mathematikern, die ihre Bleistift etwas zu sehr gespitzt haben. Das Universum ist ein Produkt der Fülle … 😉

    • ausgesucht schreibt:

      Für den Spruch „Das Universum ist ein Produkt der Fülle“ hast Du den Blumenstrauß der Woche verdient 😛
      Und das Bekenntnis „Dieses Thema will mir nicht mehr aus dem Kopf“ adelt Dich, denn es ist Bewußtwerdung pur, denn genau das ist „die Zeit, die notwendig ist, daß Einzelerscheinungen ihre Wirkung (…) ausüben können“ – ach, was bin ich heute wieder schulmeisterlich 👿

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