Buch 58.1 – Alpha & Omega

Cover_OrthsHeine (* 13.12.1797, † 17.02.1856) soll über Goethes „Faust“ dereinst gesagt haben: „Ich denke auch einen zu schreiben, nicht um mit Goethe zu rivalisieren, nein, jeder Mensch sollte einen Faust schreiben“. Und mir will scheinen, Markus Orths habe mit dem Roman Alpha & Omega den seinen geschrieben.
Mehr noch als der Titel lädt der Untertitel zum Lesen ein: „Apokalypse für Anfänger”. Gleich von der ersten Zeile an! Eine skurrile Geschichte (später mehr), transportiert durch meisterliche Sprachkunst: »Das Zauberwort [für Zeitreisen] heißt: Kalladabs-Oboren.« Warum erinnern mich solche Wortphantasien immer wieder an K. Vonnegut? Aber um den soll’s ja jetzt gar nicht gehen. Weiter im Markus-„Evangelium”: »Tut mir leid. Kannst du nicht wissen. Man hat euch besten Wissens vom Wissen ferngehalten. Nur der Nichtwisser lebt sorgenfrei: Credo eurer längst verstorbenen Eltern. Kalladabs-Oboren sind die einzigen überlichtschnellen Teilchen, die man einfangen kann. […] Dadurch, dass die Oboren nicht immer überlichtschnell fliegen wie Tachyonen, sondern ab und zu auch langsamer werden, kann man sie einfangen, mittels Oboren-Computern programmieren, wieder losschicken, und zwar durch die Zeit. […] Im Jahre 270 [= 2270 n.Ch.] gelang dem Österreicher Victor Franken […] eine ungeheuerliche wissenschaftliche Sensation: Er koppelte menschliches Bewusstsein an eine einzige Kalladabs-Obore. (…) das Bewusstsein ging auf Reise«. Und was sich daraus an Geschichten entwickelt, ist schlichtweg sensationell (wie gesagt, in einem späteren Artikel gibt’s mehr). Es geht um „Alles und Nichts” oder um „Alles oder Nichts” oder um „Nichts, weil es um alles geht”. Um alles! Mit wundervoll geschilderten Querverbindungen in alle Bereiche menschlicher Aktivität. Auch der Wissenschaft. Und da verblüfft es denn doch, daß sich der eine oder andere Fehler in das Büchlein (reichlich 520 Seiten) eingeschlichen hat.
Auf Seite 142 wird dem Leser doch glatt eine Null unterschlagen. Allein die Form dieses Gebildes verweist darauf, daß es sich dabei um eine Peanut handelt (erst recht angesichts der Temperatur von 1032 Grad kurz nach dem Urknall – wie gesagt, es geht um alles in diesem Buch). Hingegen geht es auf Seite 258 nicht um Peanuts: »Wenn ich – das hatte Sabrina […] einmal erzählt – die 1389 Seiten des Buches Krieg und Frieden aus dem Einband löse und in die Luft werfe, ist die Wahrscheinlichkeit 101389, dass ich sie in exakt der Reihenfolge [des Buches] wieder vom Boden klaube«. Hier irrt der Meister! Vielleicht meint er, daß es 101389 unterschiedliche Möglichkeiten für die Sortierfolge der Seiten gibt? Dann wäre die Wahrscheinlichkeit, die eine „günstige”, die erwartete Reihenfolge zu finden aber „1 : 101389”. Aber auch der Zahlenwert selbst ist falsch.
Unterstellt man, daß das Einsammeln blind(!) erfolgt, gibt es b! unterschiedliche Anordnungen der Einzelblätter, von denen es (mindestens) b = 695  gibt. Das entspricht aber einer Wahrscheinlichkeit von etwa 2 : 101675,2. Die Zwei rührt daher, daß das Einsammeln der Einzelblätter sowohl in auf- als auch in absteigender Seitenzahl zum Schluß ein „sortiertes” Buch ergibt. Allerdings sollten auch Vorder- und Rückseite eines Einzelblattes richtig liegen; dadurch verschlechtert sich die Wahrscheinlichkeit zu 2 : 101884,4 (2b·b!). Als ordentlicher Mensch erwartet man aber sicherlich alle Seiten fein säuberlich in gleicher Weise auf- oder abwärts orientiert; dadurch verschlechtert sich die Wahrscheinlichkeit noch weiter zu 4 : 102093,6. Die Wahrscheinlichkeit ist also letztlich etwa 1 : 102093,0; der Autor hat sich lediglich etwa um den Faktor 10704 verhauen…

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Über ausgesucht

…desillusioniert
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30 Antworten zu Buch 58.1 – Alpha & Omega

  1. YDU schreibt:

    Ob das „Otto-Normalverbraucher“ beim Lesen die Stimmung verdirbt, wo doch 10 hoch 1389 schon mitteilt, dass es ziemlich lang dauern wird und recht viele Versuche notwendig sein werden? 😉

  2. ∆lphaΩmega. schreibt:

    Das wird gelesen!!! All in or nothing. Seit 2 Wochen mein Leitsatz! Nach jedem Omega kommt ein Alpha!

    • ausgesucht schreibt:

      Freut mich zu hören! Aber fixiere Dich nicht auf die „gewöhnlichen“ Alpha & Omega, das sind im Roman nämlich ein Junge und seine Stiefschwester (beide am 1.1.2000 geboren)… 😎

      • ∆lphaΩmega. schreibt:

        Ich hoffe mein Alpha wird nicht meine Stiefschwester. Zum Glück ist diese nichtmal existent.

        • ausgesucht schreibt:

          … alles eine Frage von Wahrscheinlichkeiten 😉

          • ∆lphaΩmega. schreibt:

            Wie kann ich sie beeinflussen? Ich lasse die Zeit und die Geduld wirken 🙂

            • ausgesucht schreibt:

              Ich liebe solch leichtfüßig hingeschlenzte Fragen, die auf das Gebiet der Philosophie verweisen, auf ganze Bibliotheken voller Philosophiebücher…

              Manchmal kann man Wahrscheinlichkeiten nicht beeinflussen (z.B. die Lottozahlen). In solchen Fällen hilft Dein „Rezept“ ganz gewiß: die Zeit und die Geduld wirken lassen. Manchmal kann man Wahrscheinlichkeiten aber doch beeinflussen (z.B. die wahrscheinliche Höhe eines Lottogewinns). Dazu muß man die Umstände gestalten, also nicht Zeit und Geduld wirken lassen, sondern das ganze Gegenteil: möglichst bald (sonst könnte es zu spät sein) engagiert die Fakten schaffen, daß Fortuna gar nicht anders kann, als huldvoll zu lächeln… 😉

              • ∆lphaΩmega. schreibt:

                Wenn du wüsstest wie viele Anspielungen inhaltlich und wörtlich du gerade in diesem Text gebracht hast, die sich auf mein Leben der letzten 4 Wochen beziehen, würdest du vor dir selbst in Ehrfurcht erzittern. Gerade müssen die Fakten engagiert zurückstecken. Aber sie sind auf dem besten Wege wieder ein wenig zurück zu dürfen. Dann stattet Fortuna der Libertas hoffentlich einen Besuch ab und überzeugt mit Geduld und Zeit die Venus 🙂 Huldvoll gelächelte Grüße, in Ehrfurcht. ∆lphaΩmega.

              • ausgesucht schreibt:

                Freut mich, daß das Gefühl nicht trog – auch ich blindes Huhn finde manchmal ein Korn ^_^ 🙂

              • ∆lphaΩmega. schreibt:

                Pick Pick Pick 🙂

              • ∆lphaΩmega. schreibt:

                Sender und Empfänger bald wieder durch Wellen verbunden 🙂

  3. ∆lphaΩmega. schreibt:

    Hat dies auf ∆lphaΩmega. rebloggt und kommentierte:
    #allinornothing #humanactivity #hashtothetag

  4. Vielen Dank für das Vorstellen eines deutschen Autoren, dessen Bücher sich allem Anschein nach zu lesen lohnen.

    • ausgesucht schreibt:

      … der Anschein trügt nicht! Ich hatte noch eines von ihm gelesen – warte mal, gleich hab ich’s, ach ja – „Wer geht hinterm Sarg?“ (ISBN 978-3-89561-093-6). Stellenweise habe ich mich gekugelt vor Lachen… 🙂

  5. Anonymous schreibt:

    Ist es nicht schön, dass es Leute gibt die einen Riesen Spass daran haben leeres Stroh zu dreschen ? (Verzeihung ich irre mich bestimmt auch hier wieder ,aber damit kann und muss ich Leben !)
    Herzlich Grüße Willy

    • ausgesucht schreibt:

      „Leeres Stroh dreschen“? Ja, ich stimme zu, das wurde in allen Zeiten getan und hat gerade heute wieder Hochkonjunktur. Allerdings ist M. Orths eine wohltuende(!) Ausnahme von diesem Übel… 😉

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