Buch 67 – Der Zauberberg

Cover_MannDen Zauberberg von Thomas Mann hatte ich vor ein paar Jahren schon einmal gelesen. Während der Suche nach einer bestimmten Stelle in diesem tausend Seiten Roman fiel mir auf, daß die Erinnerung an dieses Werk auf erschreckende Weise am Verblassen war. Nun, da die Wiederholung bekanntlich die Mutter der Weisheit sein soll, habe ich den Zauberberg noch einmal „inhaliert”.
Manns Roman wird ja allzu gern als pädagogischer Roman bezeichnet. Aber warum nur? Nun gut, ‚Pädagoge‘ und Verwandte dieses Wortes treten häufig auf, viel häufiger als zum Beispiel der Name der Zigarrenmarke „Maria Mancini”, aber deshalb ist es noch lange kein pädagogischer Roman! Viel eher ist es ein Roman der Resignation. Der Autor läßt in den Dialogen von Settembrini und Naphta widersprüch­liche Weltanschauungen und Ethik- bzw. Moralkonzepte aufeinanderprallen, aber er versäumt die Auflösung des Gedankenknotens. Seine Sympathie gilt eindeutig Settembrini, dem Mentor des Protagonisten, Hans‘ Castorps. Aber ist denn der Selbstmord Naphtas ein Eingeständnis der Unterlegenheit oder ein gleichermaßen heroischer wie vergeblicher Versuch, vor der Ignoranz der Welt ein Denkmal zu errichten (Betonung auf ‚denk mal‘)? Ein Roman der Resignation, der Enttäuschung. Nicht weil er als Sprachwerk enttäuschend wäre, sondern von Enttäuschungen handelt…
Was mir beim ersten Lesen nicht auffiel, sticht jetzt umso mehr ins Auge: das siebte (und zugleich, auch wenn es 250 Seiten zählt, letzte) Kapitel paßt so recht nicht zum Rest des Werkes. Man gewinnt den Eindruck, als hätte der Autor sich mehr oder weniger gezwungen, Gedanken, die sich bei ihm nach dem Beginn der Arbeit am Roman (1913) eingestellt hatten, nun auch noch unterbringen zu müssen. War es dem Zeitgeist geschuldet (der Roman erschien 1924) oder dem Mannschen Ehrgeiz, jedes angerissene Thema umfassend, ach was: umfassendst, zu beackern? Aber auch ohne dieses siebte Kapitel gibt es Dutzende von Brüchen. Es wird wortgewaltig vorgeführt, warum die beiden Vettern, Castorp und Ziemßen, mit Krankenbesuchen und Blumenspenden beginnen. Aber kein Wort über den Bruch mit diesem Unterfangen. Castorp fährt Ski – das ist erforderlich, damit der Autor in die berühmte Schneesturm-Szene hineingleiten kann. Aber was passiert danach mit Ski und Skisport? Und warum hat auf Seite 908 das deutsche Alphabet plötzlich nur noch 25 Buchstaben?
Vielleicht hat Th. Mann auf Seite 554 den Schlüssel zu seinem Roman hinterlegt: „Ungereimt ist nur das Halbe und Mediokre”. Manchmal aber auch das Ganze.

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Über ausgesucht

…desillusioniert
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6 Antworten zu Buch 67 – Der Zauberberg

  1. finbarsgift schreibt:

    …diesen gewaltigen Buchzauber-Berg muss ich auch mal wieder besteigen,
    s.a. hier:
    https://finbarsgift.wordpress.com/2014/02/24/lieblingsbucher/

  2. wederwill schreibt:

    Schlagwort „Sprachschnörkel“ und die Beschreibung mit „umfassendst“ – das passt!
    Danke für die schöne Buchbesprechung. Unter dem Aspekt, dass es ein „pädagogischer“ Roman sein soll, habe ich das Buch damals nicht gelesen. Im Gegenteil, zum Glück habe ich das gar nicht gewusst, sonst hätte ich die Finger davon gelassen – und damit etwas verpasst 🙂
    Herzliche Donnerstagsgrüße,
    Marlis

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