[Odojewski] Beethovens letztes Quartett

Nach längerer Zeit habe ich den Erzählband Russische Meistererzählungen (ISBN 3-86647-003-7) wieder einmal zu Händen genommen. Warum russische und nicht englische oder deutsche Erzählungen? Ich weiß es nicht. Vielleicht gab es in meinem Unterbewußtsein in Zeiten politischen Rufmords einen Mangel an Seelenvollem? Eine ganz besondere Wirkung übte in diesem Zusammenhang die nachfolgend in Auszügen wiedergegebene Erzählung Odojewskis aus, wohl weil sie Themen anklingen läßt, die mich im Moment bewegen, aber auch immer wieder einmal in diesem Blog aufscheinen:

Beethovens letztes Quartett (Wladimir Odojewski, 1931; Ausschnitte)

Im Frühjahr 1827 hatten sich in einem Haus eines Wiener Vororts einige Musikfreunde zusammengefunden, um ein neues Streichquartett Beethovens zu spielen, das soeben im Druck erschienen war. Erstaunt und verdrossen folgten sie den unbändigen Ausbrüchen des alternden Genies: Wie hatte sich sein Stil verändert! Verschwunden der Reiz ursprünglicher Melodie voll poetischer Einfälle; künstlerische Vollendung hatte sich in kleinliche Pedanterie eines unbegabten Kontrapunktisten verwandelt; das Feuer, das einst in seinen dahinstürmenden Allegros lohte und sich, allmählich anschwellend, wie brodelnde Lava in vollen, gewaltigen Harmonien ergoß, war in unbegreiflichen Dissonanzen erloschen, und die originellen, scherzhaften Themen fröhlicher Menuetts hatten sich in Sprünge und Triller verwandelt, die keinem Instrumente möglich sind. Überall ein schülerhaftes, gewolltes Streben nach Wirkungen, die die Musik nicht kennt; überall irgendein dunkles, sich selbst unfaßliches Gefühl. Und das war dennoch derselbe Beethoven, dessen Namen der Teutone zusammen mit denen Haydns und Mozarts mit Stolz und Verehrung nennt! Oft setzten die Musiker, von der Sinnlosigkeit des Werkes zur Verzweiflung gebracht, die Streichbogen ab und schienen sich die Frage stellen zu wollen, ob dies nicht nur eine Verspottung der Schöpfungen des Unsterblichen sei. […]
Plötzlich tat sich die Tür auf, und herein trat ein Mann in schwarzem Rock, ohne Halsbinde, mit wirrem Haar; seine Augen brannten, aber es schien nicht das Feuer das Genialität; allein die vorspringenden, scharfgeschnittenen Schläfenecken der Stirn verrieten eine außergewöhnliche Entwicklung des musikalischen Sinnes, wie sie Gall bei der Betrachtung Mozarts Schädel so begeistert hatte. – »Sie verzeihen, meine Herren«, sprach der unerwartete Gast, »gestatten Sie, daß ich mir Ihre Wohnung ansehe – sie ist, sagte man mir, zu vermieten…« Darauf legte er seine Hände auf den Rücken und trat zu den Musizierenden. Die Anwesenden machten ihm achtungsvoll Platz; in dem Bemühen, die Musik zu vernehmen, neigte er seinen Kopf bald nach dieser, bald nach jener Seite; doch vergebens: Tränen entströmten seinen Augen. Leise wandte er sich von den Spielenden ab, um sich in einem entfernten Winkel des Raumes niederzulassen, und barg sein Gesicht in den Händen; doch da strich der Bogen des Geigers hart am Steg noch einen winselnden Fehlton, der zum Septimenakkord hinzukam, was zusammen mit dem verstärkten Spiel der anderen Instrumente einen so wilden Klang ergab, daß der Unglückliche auffuhr und laut ausrief: »Ich höre! Ich höre!« wobei er vor stürmischer Freude in die Hände schlug und mit den Beinen stampfte.
»Ludwig!« sagte zu ihm das junge Mädchen, das unmittelbar nach ihm eingetreten war. »Ludwig! Wir müssen jetzt gehen! Wir stören hier!«
Er blickte das Mädchen an, verstand sie und folgte ihr, ohne ein Wort zu erwidern, langsamen Schritts, wie ein Kind.
Am Ende der Stadt im dritten Stock eines alten Hauses lag ein kleines, stickiges Zimmer […]; da sie aber ins Zimmer getreten waren, setzte sich Ludwig auf das Bett, nahm die Hand des Mädchens und sagte zu ihr: »Meine gute Luise! Du bist der einzige Mensch, der mich versteht; du allein fürchtest mich nicht; dir allein bin ich nicht lästig … Meinst du, daß alle diese Herrschaften, die meine Musik spielen, mich verstehen? Keine Spur! Kein einziger der Herren Kapellmeister hier versteht sie auch nur zu dirigieren; wenn ihnen das Orchester nur richtig im Takt spielt, aber was schert sie meine Musik! Sie denken, ich hätte nachgelassen: ich habe sogar bemerkt, wie einige von ihnen offensichtlich lächelten, als sie mein Quartett spielten – ein sichres Zeichen, daß sie mich nie verstanden haben; nein, im Gegenteil, erst jetzt bin ich ein wahrhaft großer Musiker geworden. – Als wir vorhin heimwärts gingen, hab‘ ich im Geist eine Sinfonie entworfen, die meinen Namen unsterblich machen wird; ich werde sie schreiben und alles Frühere verbrennen. In ihr will ich alle Gesetze der Harmonie umstoßen, Wirkungen erzielen, die bis auf den heutigen Tag noch niemand auch nur zu ahnen vermochte; ich werde sie auf der chromatischen Melodie von zwanzig Pauken aufbauen; in dieser Sinfonie werden Akkorde Hunderter von Glocken erschallen, die auf verschiedene Kammertöne gestimmt sind […]. Ins Finale nehme ich Trommelschlag und Gewehrschüsse – und diese Sinfonie werde ich hören, Luise!«
Bei diesen Worten trat Beethoven zum Klavier, an dem keine einzige Saite mehr heil war, und griff mit behutsamer Miene in die leeren Tasten. Eintönig pochten sie auf das dürre Holz des zerstörten Instruments, während die schwierigsten fünf- und sechsstimmigen Fugen alle Geheimnisse des Kontrapunkts durchliefen, sich wie von selbst unter den Fingern des Schöpfers der Musik zum »Egmont« formten, und er seinem Anschlag nach Kräften Ausdruck zu verleihen suchte … Plötzlich schlug er die ganze Handfläche auf die Tasten und hielt inne.
»Hörst du?« sagte er zu Luise. »Das ist ein Akkord, den bis heut noch niemand zu verwenden gewagt. – Ich vereine alle Töne der chromatischen Gammatonleiter zu einem einzigen Akkord und werde den Pedanten beweisen, daß dieser Klang berechtigt ist. – Doch ich hör‘ ihn nicht, Luise, ich höre ihn nicht! Begreifst du, was das heißt, seine eigene Musik nicht hören zu können?… Doch will mir’s scheinen, als töne etwas davon in meinem Ohr wider, wenn ich die wildesten Klänge in einer Harmonie vereine. Und je schwerer mir ums Herz wird, desto mehr Töne möchte ich zu Septimenakkord hinzufügen, dessen wahre Natur noch niemand vor mir recht erkannt hat […]«.
Tränen traten dem armen Mädchen in die Augen, die als einzige von allen Schülerinnen Beethoven nicht verlassen hatte und ihn, unter dem Vorwand, Unterricht bei ihm zu nehmen, mit ihrer Hände Arbeit unterhielt […]. »Hör zu, Luise«, sagte er schließlich […] »[…] Weißt du, ich glaube, ich werde nicht mehr lange leben – ja, was ist das auch für ein Leben, das ich führen muß? Eine Kette endloser Qualen. Seit meinen frühesten Jahren sehe ich den klaffenden Abgrund zwischen Idee und Ausdruck. Ach, nie ist’s mir gelungen, meiner Seele Ausdruck zu verleihen […]. Unterdes aber kommt die Zeit – schau, wie jetzt bei mir –, man spürt: die Seele ist ausgebrannt, die Kräfte schwinden dahin, der Kopf wird schwach: alle Gedanken, alles bringt man durcheinander, alles ist von einem absonderlichen Schleier verdeckt […]«.

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10 Antworten zu [Odojewski] Beethovens letztes Quartett

  1. YDU schreibt:

    Wird wohl an Putins Charme liegen … 😉

  2. YDU schreibt:

    … nach längerer Zeit … hat Dich sicher Putin auf die Idee gebracht. Gib es doch zu! 😉

  3. finbarsgift schreibt:

    Danke für diesen Text, den ich noch nicht kannte…

    Beethovens letzte Streichquartette sind ein Universum für sich…
    …so wie die von Bela Bartok auch:

    unübertroffene Meisterwerke allesamt…

  4. Anonymous schreibt:

    Vielen Dank für diesen Ausschnitt! Steht jetzt auf meiner Bücherwunschliste.

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