Big Data

Am Donnerstag, dem 19. Februar 2015, zeigte 3sat eine Wissenschaftsdokumentation mit dem Titel: „Das Ende des Zufalls – Die Macht der Algorithmen”. Naja, Wissenschaftsdoku, zumindest lief die Sendung in dieser Kategorie (vgl. hier).
Es sollen demnach mit 4.4 Milliarden TeraByte (4.4 ZetaB, um in einer Cocktailrunde ein bißchen auf’n Schlamm klopfen zu können) allein im Jahre 2013 soviele Daten elektronisch gespeichert worden sein wie in all den Jahren zuvor zusammengenommen. Nicht gerade wenig. Die explosionsartigen Zuwachsraten lassen vermuten, daß wir selbst in nicht allzu ferner Zukunft als Bugs auf einer riesigen Festplatte, zu der nämlich die Erde selbst geworden sein wird, herumkrabbeln werden. Bis dahin droht aber von ganz anderer Seite ziemliches Ungemach, nur wurde gerade darüber in der oben genannten Sendung nicht berichtet.
Im Gegensatz zu der recht leichtfertig und durchaus theatralisch vorgetragenen These, daß allein das permanente Erheben aller möglichen Daten, insbesondere der persönlichen Daten über Kauf- und Kommunikationsverhalten und das Bewegungsprofil, das größte Übel sei, da sie unmittelbar in die Freiheit eines jeden Individuums eingriffen, dürften andere Gefahren deutlich schwerwiegender sein. Allen voran die Scharlatanerie. Schon jetzt brüsten sich Personen und Institute, sie würden aus dem Datenwust Informationen destillieren können, die für die Zukunft relevant sind. Und sie finden scharenweise Narren, die für Big-Data-Prediction alles zu geben bereit sind. Dabei möchten sie nicht wahrhaben und werden von den Zukunftsbetrügern ohnehin nicht darüber aufgeklärt, was Zufall eigentlich dem Wesen nach ist. Damit können die Opfer der Zukunftsbetrüger aber auch nicht überprüfen, welche Leistung (oder besser: welche Nicht-Leistung) sie teuer erworben haben.
Beispiel: Verbrechensbekämpfung. Eines der liebsten Beispiele, um Dummbratzen vom Segen der Big-Data-Prediction zu überzeugen, ist die Bekämpfung von Verbrechen, bevor(!) diese überhaupt begangen werden. Ganz abgesehen davon, daß es sich dann noch nicht um Verbrechen handelt, also ein linguistischer Zaubertrick den staunenden Narren fesseln soll, fehlt bei den mit, ach, so viel Klingklang vorgeführten Verbrechensstatistiken, namentlich bei deren magischen Verbesserungen, der alternative Pfad: Was wäre im Rahmen der bisher angewandten Methode statistisch zusammengekommen? Wie hätte sich die Statistik ergeben, wenn ein erfahrener Beamter die Einsatzkräfte verstärkt in Krisenregionen (das sind die mit den Häufungen roter Nadelköpfe, die man in Krimis immer mal an den Karten im Szenenhintergrund sieht) hätte patrouillieren lassen?
Anderes Beispiel: Profiling. Anhand der Daten, die direkt von der persönlichen Blackbox (das ist das Gerät, mit dem man durchaus auch telephonieren könnte, das aber hauptsächlich Überwachungssoftware trägt und permanent betreibt, die freilich durch lustige Gimmicks getarnt ist: SMS, GPS, App-1 bis App-∞, Blabla und Schubidu) an die Sammler der Big Data gesendet werden, ist es recht leicht, jeden Einzeluser zu klassifizieren und gewisse Regelmäßigkeiten in seinem Verhalten zu finden. Sensationell! Die Natur hat es – nicht zuletzt aus „Energiespargründen” – so eingerichtet, daß Herdentiere ihre (Über)lebenschance deutlich erhöhen können. Die „Profiler” mitteln also im wesentlichen den Herdentrieb der Gruppe, zu der das zu erfassende Individuum durch familiäre Bindung, Arbeit, was auch immer gehört. Ausreißer aus diesem Muster können sie nicht erfassen, da Kreativität, Spontaneität, Inspiration schlichtweg nicht zugänglich sind; vom Verständnis des Themenkreises (freier Wille, Emotionen, Ehrgeiz etc.) ganz zu schweigen.
Die größte Gefahr solcher Scharlatanerie besteht nicht darin, daß unverdientermaßen „Gurus” nach oben gespült werden, die ihren Statistikbetrug zu horrend überzogenen Preisen zur Verfügung stellen, sondern darin, daß Ursache und Wirkung auf den Kopf gestellt werden. Unbestritten lassen sich aus Daten wichtige Informationen herausfiltern. Nur eben längst nicht alle, also kein absolutes Wissen. Es gibt objektive Grenzen. Nur werden nicht diese genannt, wenn ein Auftraggeber (etwa ein Staat, eine Krankenkasse, das Umsatzmanagement eines Konzerns) mit den ausgelesenen Informationen nicht zufrieden ist. Stattdessen wird ein „ewiges” Zuwenig an Datenerhebung postuliert. Also: um Informationen zu bekommen, die in den erhobenen Datensätzen nicht enthalten sind (weil sie nicht enthalten sein können), wird der Überwachungsapparat (also die Datenerhebung) noch weiter aufgebläht. Die gewünschten Informationen sind nach wie vor nicht enthalten, aber es gibt (scheinbar!) einen Grund, noch mehr Daten zu erheben.
Und der Staat hat (bzw. seine Handlanger haben) alle Druckmittel in der Hand, die Datenerhebung ins Uferlose zu treiben. Schlagworte wie „Terrorbekämpfung” (auch hier fehlt der „alternative Pfad”: wie würde die Terrorstatistik ohne Big Data aussehen?) oder „Wer nichts zu verbergen hat, hat nichts zu fürchten” sind beliebig als Daumenschrauben einsetzbar. Krankenkassen werden Dienste verweigern, wenn man nicht durch Zulassung der Permanentüberwachung nachgewiesen hat, daß man allzeit das Gesundheitsrisiko minimiert hatte (freilich nach Grenzwerten der Kassen). Und daß mir laufende Meter unsinnige Produktvorschläge unterbreitet werden (mag ja sein, daß ich eine Zeitlang Nachtigallzungen-Parfait konsumiert habe, aber jetzt möchte ich ein vegetarisches T-Bone-Steak, aber blutig bitte), ist ein Amüsement am Rande und das allerkleinste Problem…

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Über ausgesucht

…desillusioniert
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4 Antworten zu Big Data

  1. lawgunsandfreedom schreibt:

    Kein Kommentar … einfach nur Zustimmung meinerseits.

  2. YDU schreibt:

    4768 Zeichen, da mache ich morgen weiter, denn wenn ich mich da verirre, komme ich nie und nimmer vor dem Morgengrauen nach Hause! 😉

    • ausgesucht schreibt:

      4768 Zeichen?! ❓
      Wo läßt Du denn zählen? BIG Data, also 4786, mit so läppischen Beträgen wie 4768 geben sich Bigdatisten doch gar nicht ab… 😉

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