Buch 71 – Warum es die Welt

Cover_GabrielEs gibt Bücher, die in der Buchhandlung lieber in der Philosophie-Ecke als im Regal mit den Witzbüchern auf Kundschaft lauern. Dabei ist ihre „Tarnung” so leicht zu durchschauen!
Das Buch Warum es die Welt nicht gibt von Markus Gabriel zählt sicherlich auch dazu. Es braucht kaum mehr als zwanzig Seiten, um sich daran zu erinnern, daß „Philosoph” dem Wortklang nach nahe bei ‚viel‘ + ’soap‘ liegt (also ‚viel Seife[nSchaum]‘, also ‚Schaumschlägerei‘, danke LawGunsAndFreedom 🙂 ).

Das Buch ist einer Steffi dediziert. Mir hat noch nie jemand ein Buch gewidmet. 😦
Andererseits wäre ich – ich weiß nicht, wie es der Steffie geht – schwer beleidigt und leicht angeekelt, wenn es mit einem solchen Inhalt geschehen würde.
Es lohnt nicht, jede der knapp 260 Seiten aufzudröseln! Spätestens ab Seite 50 wäre es eh langweilig! Aber schon auf den ersten paar Dutzend Seiten gibt es viel zu lachen: „Philosophen glauben zunächst einmal überhaupt nichts” (S. 28). Na, zumindest glauben sie das. Und sie glauben, daß die Vertreter jeweils anderer philosophischer Konzepte grundfalsch liegen, während sie selbst die Wahrheit in Händen halten.
Ganz köstlich ist die gabrielsche Selbsteinstufung seines Büchleins: „Ich werde in diesem Buch den Grundsatz einer neuen Philosophie entwickeln […] dieses Buch ist der NEUE REALISMUS […] Der Neue Realismus ist also zunächst einmal nichts weiter als der Name für das Zeitalter nach der Postmoderne. Die Postmoderne war der Versuch, radikal von vorne anzufangen” (S. 9f). Heil Gabriel, dem Begründer eines neuen Zeitalters! Aber auch bei ihm „fängt [es], wie alle Philosophie, von vorne an” (S. 24). Was ist eigentlich so schwer zu verstehen an der Erkenntnis, daß es, wenn immer wieder von vorn angefangen wird bzw. werden muß, um die Sinnhaftigkeit der Philosophie, jeder(!) Philosophie, schlecht bestellt ist?? Der Autor ist hier wohl eine rühmliche Ausnahme. Er bezieht sich auf Wittgenstein: „›Was sich überhaupt sagen läßt, läßt sich klar sagen‹. Ich schließe mich diesem Ideal an” (S. 24). Gleichzeitig zieht er eine Schote ab vom Strauch der Kichererbsen: „Deswegen werden […] die wichtigsten Begriffe […] möglichst klar definiert” (S. 24). Mir hätten auch die ‚unklaren Definitionen‘ genügt, aber wenn das Adjektiv ‚klar‘ sogar steigerungsfähig ist, dämmert mir langsam, warum das Büchlein sich zu einem Bestseller gemausert hat.
Aber der Autor ist in seinem laxen Sprachgebrauch zumindest konsequent. Für den Katechismus des von ihm einberufenen Neuen Zeitalters benötigt er den Begriff Gegenstandsbereich: „Ein Bereich, der eine bestimmte Art von Gegenständen enthält, wobei Regeln feststehen, die diese Gegenstände miteinander verbinden” (S. 264), aber auf Seite 57 fällt plötzlich der Begriff „Weltbereich” vom Himmel, ohne freilich definiert werden zu müssen. Da fügt es sich dann recht gut, daß es die Welt zwar nicht geben soll (pardon ’nicht gibt‘), aber Bereiche des Nichtexistierenden sehr wohl beobachtbar sind. Dummerweise erfährt man aber nicht, wer die in der Begriffsdefinition verwendeten Regeln aufgestellt hat, auch nicht, wie und wo sie hinterlegt sind. Und bei der Gelegenheit wüßte ich auch recht gern, wer die Gegenstände bestimmt, die in einem Gegenstandsbereich enthalten sein müssen, damit er das Qualitätsmerkmal ‚konkreter Gegenstandsbereich‘ überhaupt tragen darf. Tritt da alle zehn Jahre ein Komitee zusammen? Und wie überzeugen sich die ehrenwerten Komiteemitglieder vom Enthaltensein? Oder ist etwa das Enthaltensein von Gegenständen, das einen Weltbereich zu einem Gegenstandsbereich macht, eine von den ab Seite 48 verwendeten Tatsachen, weil „eine Tatsache etwas [ist], das über etwas wahr ist”? Aber auch hier die Frage, was Wahrheit ist und wer sie festlegt. Wo ist das Regelwerk, das in Zweifelsfällen maßgeblich ist?
Und so geht es weiter und weiter. Da werden Sinnfelder heraufbeschworen, also „Orte, an denen überhaupt etwas erscheint” (S. 267), die die Eigenschaft der Existenz besitzen, nämlich „die Eigenschaft von Sinnfeldern, dass etwas in ihnen erscheint” (S. 264). Existiert nun also ein konkretes Sinnfeld? Um zu existieren (um also selbst die Eigenschaft ‚Existenz‘ zu besitzen), muß etwas in ihm erscheinen können. Ein Gedanke genügt! Da ist also der Neue Realismus ein ziemlich alter – und zudem recht plumper – Idealismus? Damit ein konkretes Sinnfeld existiert, muß etwas in ihm erscheinen (können), es selbst darf in sich nicht erscheinen, denn genau das, nicht in sich selbst enthalten sein zu können, ist der gabrielsche „Beweis” für die Nichtexistenz der Welt.
Und wie verfährt man mit einem Buch, „wenn man entdeckt […], dass es sich – mit einem Wort – […] um Geschwätz handelt” (S. 53)? Möglicherweise könnten einzelne Blätter daraus (freilich erst gut geknittert und dadurch rektal verträglicher gemacht) recht gute Dienste leisten, wenn es mal wieder zu anrüchigen Absonderungen kommt…

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2 Antworten zu Buch 71 – Warum es die Welt

  1. Achim Spengler schreibt:

    EIne Rezension, die auf dem letzten Loch der Metaphysik und des Konstruktivismus pfeift. Zwei Kernbegriffe der Philosophiegeschichte, von denen sich Gabriel wohltuend verabschiedet. Sinn nach Gabriel (und anderen) ist immer etwas Offenes, Unabgeschlossenes. Unsinn in Form einer themaverfehlenden Rezension leider nicht.

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