Streikrecht

Die Streikwelle schwappt. Das Streikrecht wird bis zur Grenze des Erträglichen ausgereizt. Und wessen Leidensfähigkeit wird gleich mit gereizt? Doch wohl die unbeteiligter Dritter. Als das Streikrecht als demokratisches Instrument erfochten wurde, galt es für Verhältnisse, die rund hundert Jahre später längst andere geworden sind. Damals ging es in erster Linie um bilaterale Differenzen, nämlich zwischen Fabrikbesitzer und Belegschaft, bei denen den politisch Schwächeren gegen die Besitzer der Produktionsinstrumente (das sind die mit dem ökonomischen und von daher auch politischen Vorteil) ein demokratisch legitimierter „Vorsprung” eingeräumt wurde. Dieses, ach, so mühsam erfochtene Recht ist dermaßen sakrosankt, daß an seine Weiterentwicklung, etwa im Gleichtakt mit den gesellschaftlichen Entwicklungen, nicht im geringsten gedacht wird: alle Auseinandersetzung zwischen Arbeitgeber und Gewerkschaft bzw. Belegschaft ist heutzutage mindestens trilateral, es sind praktisch immer unbeteiligte Dritte direkt betroffen; sei es nun durch Monopol- oder komplexe Netzstrukturen.
Legen heutzutage die DB und eine für die Bahn relevante Gewerkschaft das Schienennetz lahm, nehmen – gleichermaßen! – beide Konfliktparteien einige Millionen Geiseln; durch die Auswirkung des Güterverkehrs auf das BIP möglicherweise gar achtzig Millionen. Warum sollte es demokratisch sein, daß das vermeintliche Recht Weniger höher als das Recht Vieler zählen soll? Im Umfeld von Monopolsituationen sollte entweder nur ein begrenztes Streikrecht gelten (etwa: max. 6 Stunden) oder es müßten die unmittelbar Betroffenen ein Mitspracherecht haben (bei der Entscheidung über die Zulässigkeit eines Streiks und bei den Verhandlungen während desselben). Da es allerdings (derzeit) keine Institution gibt, die als Sprachrohr und Interessenvertreter der leidenden Mehrheit auftreten könnte, sind einerseits „Streik”-Apps für genau diese beiden Streikaspekte für jedermann bereitzustellen und implementierbar zu machen und sind andererseits ad-hoc-Maßnahmen zulässig, die die Monopolstellung eines Unternehmens für die Zeit des Streikes beseitigen.
Wenn Kindertagesstätten bestreikt werden, darf ein Erziehungsberechtigter, bei mehr als 3 zu versorgenden Kindern auch beide Erziehungsberechtigte zu Hause die Betreuung des Nachwuchses absolvieren, bei vollem(!) Lohnausgleich (und nicht etwa bei gnädig gewährtem unbezahlten Urlaub), der von Seiten der beiden Streikparteien zu erbringen ist, die den Streik vom Zaun gebrochen hat…
Wenn die Deutsche Post streikt, können die Kosten für einen alternativen Pheidippides der streikauslösenden Konfliktpartei in Rechnung gestellt werden. Allemal eine Entschädigung für den Verlust, der aus einem nicht rechtzeitig zugestellten Brief entstanden ist (etwa: Bewerbungsunterlagen, die nun nicht mehr Berücksichtigung finden können, wodurch ein „80 Tsd €”-Job flötengeht)…
Wenn die Fahrer von Geldtransporten streiken, darf jeder(!) eigene Geldscheine – aber nur während(!) des Streikes –  im Umlauf bringen. Eigene, also nach eigenem Gutdünken gestaltete…

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Über ausgesucht

…desillusioniert
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21 Antworten zu Streikrecht

  1. alphachamber schreibt:

    Richtig. Aber hier sind meine Gründe:
    Jeder fordert mehr Freiheit, wettert gegen staatliche Eingriffe usw., gleichzeitig fordern Gruppen aber dann staatlichen Interventionismus um i h r e Interessen zu schützen. Freie Berufswahl auf der einen Seite, freie Wahl des Unternehmens bei der Wahl seiner Mitarbeiter auf der anderen, sind Bestandteil freier Gesellschaften. Wenn ich mich einstellen lasse, ob als Vorstand oder als Lagerarbeiter bei Zolando, weiß ich vorher was ich verdiene. Wenn es mir nicht passt, gehe ich. Jeder hat ein Recht auf Arbeit, aber nicht auf einen bestimmten Job! Ein Markt wird niemals fairer durch Interventionen zugunsten einer Gruppe, weil automatisch eine andere benachteiligt wird und ein Eingriff rennt dem anderen hinterher. Übergibt man dem Staat seine persönliche Verantwortung – dann nimmt er sie sich. Und so sieht es aus. Wenn Arbeiter streiken dürfen, sollte man sie auch feuern dürfen, sonst hat man keine sog. „freie Marktwirtschaft“.

  2. lawgunsandfreedom schreibt:

    Mit den Streiks und den Gewerkschaften ist inzwischen ein Ritualsystem etabliert, das den Arbeitnehmern kaum noch etwas bringt. Wenn man sich die ausgehandelten Lohnsteigerungen ansieht, dann sind die meist nicht der Rede wert. Die „Arbeitnehmervertretungen“ sind genau so verlogen und korrupt wie die Gegenseite.

    Übrigens: Geld kann jeder drucken. Es gibt schon einige Privat- und Sonderwährungen (die allerdings an den Euro gekoppelt sind). Auch andere Alternativen wie Bitcoin sind im Aufschwung und in gewissen Kreisen wird Gold und Silber verwendet.
    http://www.welt.de/finanzen/article3342691/Der-Siegeszug-alternativer-Waehrungen.html
    https://de.wikipedia.org/wiki/Bitcoin

    Wird noch nicht flächendeckend gemacht. Kommt aber spätestens dann, wenn ein seit Jahren geplantes Bargeldverbot durchgesetzt wird.

    • ausgesucht schreibt:

      Mein Reden: Streiks sind ein ebenso sinnloser wie kostspieliger Luxus; sie gehören verboten! Wo bleibt der Volksentscheid darüber? Oder wenigstens die Partei, die sich, ach, so volksnah gibt, die derartige Überlegungen unter ihrer Fahne nicht nur zuließe, sondern sogar forcierte? :mrgreen:

  3. Anna-Lena schreibt:

    Das Streikrecht ist nun mal ein Recht, da gibt es nicht viel zu rütteln. Sinnlos und kostspielig und eher schädlich als wirkungsvoll, das sind die Streiks. Hat man nichts Besseres vor, streikt man. Das scheint langsam Mode zu werden.

  4. Bludgeon schreibt:

    Ach je, was sind denn das für Meinungen hier gewesen? Hat mal einer sich über die katastrophal dünne Personaldecke der Bahn informiert? Über die selbstherrliche Gehaltserhöhung der Bahnvorstände, so als hätten sie ein erfolgreiches Bankhaus geleitet und nicht ein alternatives Verkehrskonzept kaputtsaniert?!?
    Haben hier alle schon das Mainzer Sommerchaos vergessen, (20013 0der 2014? mein Kurzzeitgedächtnis hui!) als dort nichts mehr ging, weil „alle krank(vor Überlastung) oder im Urlaub (der jedem nun mal zusteht!) waren? Weselsky ging es nicht um einen Euro fuffzig mehr, sondern ums Prinzip: Wer Überstunden schiebt bis zum Umfallen, der muss auch die Möglichkeit haben, diese abzubummeln oder angemessen vergütet werden! Praxis ist jedoch weder das eine noch nach andere.

    • ausgesucht schreibt:

      Du hast Recht! Ohne jedes Wenn und Aber. Es gibt gediegene Gründe für einen Arbeitskampf (was fasele ich denn gerade: für Arbeitskämpfe, also Plural). Und doch sollte die Frage erlaubt sein, ob diese Arbeitskämpfe auf dem Rücken, nämlich durch Geiselnahme, Dritter erfolgen soll, die zahlenmäßig erheblich umfangreicher als die beiden verursachenden Streitparteien sind? ❓

      • Bludgeon schreibt:

        Das hieße im Klartext: Postangestellten-und Lokfüherstreiks nur am Wochenende zwischen 2 und 5 Uhr morgens. Kitas nur in den Ferien. Somit wäre die Maßnahme ein Witz, der gar nichts brächte. Streik heißt nun mal: DER LADEN STEHT!
        Weselsky ist einer der letzen Vertreter seiner Art, der immerhin durch sein Beispiel dann auch die Postgewerkschaft aufgeweckt hat. Die Massengewerkschaft der Bahn pennt brav weiter wie der FDGB zu DDR-Zeiten. Deshalb soll ja nun auch die Weselskygewerkschaft verschwinden, weil alle Bahner von EINER GRO?EN Gewerkschaft vertreten werden sollen – DIE NICHTS TUT. Und wer fädelt das ein? Die Nahles von der SPD. Ehemalige Arbeiterpartei. Die Nahles dort vom sogenannten linken Flügel! Man kann nicht soviel fressen, wie man kotzen möchte! Weselsky hätte das Bundesverdienstkreuz verdient, da er an vom Aussterben bedrohte Spielregeln der Demokratie erinnert hat. Aber der oberste Gauckler wird schon wieder irgendeinen Winselpopper finden, dem er es lieber umhängt.
        Ich hör schon auf.

        • ausgesucht schreibt:

          Zu dem, was Du über den Bundes-Gauckler schreibst, ähneln sich unsere Ansichten. Zum Rest eher nicht. Ich wiederhole es gern: nichts dagegen, Mißstände zu ändern, aber der Zweck heiligt eben nicht alle Mittel. Schon gar nicht die, die im Namen der Demokratie vielleicht nicht durch & durch, aber doch recht sehr undemokratisch sind. Details? Lassen sich in diesem Blog erlesen… 😉

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