Buch 75 – Moise und die…

Cover_WilliamsDer Roman Moise und die Welt der Vernunft ist der letzte der beiden Romane von Tennessee Williams, wobei sich ‚das Letzte‘ nicht etwa auf die literarische Güte, sondern allein auf die zeitliche Abfolge [Erscheinungsjahr 1975] bezieht. Inhaltlich ist dieses Buch (knapp über 200 Seiten) am ehesten eine Autobiographie, wodurch sich jedes(!) Herumdeuteln über Qualitäten automatisch verbietet, was aber von Literaturkritikern geflissentlich „ignoriert” wird. Jeder Mensch ist, wie er eben ist, und ist eine Autobiographie nicht auch eine Facette seines individuellen Seins? Ist diese Literaturgattung nicht ein vortreffliches Beispiel dafür, wie die Form den Inhalt durchaus dominiert und zugleich zu bereichern imstande ist?
Der Inhalt ist schnell umrissen; der Klappentext berichtet: „In der Verzweiflung einer Nacht spiegelt sich die Verzweiflung eines Lebens. Tennessee Williams ist nie autobiographischer gewesen als in seinem letzten Roman. In einer atemlosen, radikalen und gänzlich neuen Sprache rekapituliert der mehrfache Pulitzer- und Tony-Award-Preisträger sein Leben, verteilt auf seine drei Protagonisten”. Die Form ist weniger eingängig, sie will erobert, will entschlüsselt sein. Auf Seite 14 findet sich eine erste „schwieriger” Stelle: „›Unbewohnbare Behausung!‹, sagte ich mit einem Blick um mich. Und schon gebe ich mich dem unvollständigen Satz hin, jener stilistischen Gepflogenheit in meinem Schreiben, die zu größter Verwirrung bei den Redakteuren der paar Publikationen führten bei denen ich meine Arbeit eingereicht habe”. Schwierig deshalb, weil ein Ausrufezeichen Verwendung findet, dem allerdings auf Seite 139 eine klare Abfuhr erteilt wird, es sei denn, man schriebe für dumme Schauspielerinnen und Schauspieler. Darf man nun folgern, daß er, da Williams sich wohl kaum auf Mimen beschränkt haben wird, durchaus mit seinem Schreibstil kokettiert? Oder kokettiert er, falls das Ausrufezeichen möglicherweise überinterpretiert ist, dann vielleicht durch das Spiel mit dem Stilmittel des ‚unvollständigen Satzes‘? Ist es andererseits eine Botschaft, daß der Geburtsort des Protagonisten, nämlich des etwa dreißigjährigen Schriftstellers, auf Seite 67 mit „Thelma, Arizona” angegeben ist, an allen übrigen Buchstellen aber mit „Thelma, Alabama”?

Im Nachwort, das m. E. als Vorwort dem vom Sujet überraschten Leser nützlicher sein könnte, schreibt Kurt von Hammerstein (ja genau, jener Kurt): „Wir haben hier also gewissermaßen Tennessee Williams als Dreieinigkeit, man ist versucht zu sagen als den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist. Alle drei zeigen Teilaspekte seiner Persona auf, sie widersprechen sich nur an der Oberfläche, ergänzen sich eher. Wo der junge Erzähler für die Hoffnung steht, auch in dunkelsten Zeiten, und der alte Bühnenautor für die Enttäuschungen eines intensiv gelebten Lebens, so steht Moise für den endgültigen Ausbruch aus den Konventionen, für l’art pour l’art. Alle drei aber eint der unverbrüchliche Glaube an die Arbeit, die künstlerische Auseinandersetzung mit dem Leben als wichtigsten Bestandteil des Daseins”.

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…desillusioniert
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8 Antworten zu Buch 75 – Moise und die…

  1. mickzwo schreibt:

    Ich weiß, daß Du so Likes nicht wirklich magst. Ich habe es geliket. Darum jetzt dieser Kommentar. 🙂

  2. mickzwo schreibt:

    Ich kannte es noch nicht. Da es schon 1984 auf den deutschen Markt kam und es nicht in der Bibo zu haben ist, werde ich in Antiquariaten mein Glück probieren. LG, mick

    • ausgesucht schreibt:

      Mir scheint, daß es (selbst) antiquarisch recht schwer zu greifen sein wird. Aber vielleicht hast Du Glück (vielleicht bei Ih-Bäh oder in Amazonien), ich drück‘ mal vorsorglich die Daumen… 🙂

      • mickzwo schreibt:

        Jetzt habe ich auch gesehen, dass es im letzten Jahr eine Neuauflage gegeben hat. Auf jeden Fall werde ich es versuchen.

        • ausgesucht schreibt:

          Ich habe vor Jahren die Fassung von 198x gelesen (war in irgendeiner Bibliothek zu greifen gewesen), kann mich aber nicht entsinnen, ob sie nun besser-schlechter-anders war als mein Kaufexemplar von 2014. 🙂

  3. jener Kurt schreibt:

    Bei der Neuausgabe handelt es sich um eine Neuübersetzung. Die alte Übersetzung aus der DDR der 70er ist interessant, aber natürlich den Zwängen und Gegebenheiten seiner Zeit geschuldet ein wenig eingeschränkt.

    • ausgesucht schreibt:

      … diese Fassung habe ich irgendwann in den (frühen?) Achtzigern gelesen. Dummerweise ist die Erinnerung an diese Ausgabe (ein Bibliotheksexemplar, wenn ich mich recht entsinne) so weit verblaßt, daß ich mich nicht an eine irgendwie geartete ideologiekonforme Verzerrung zu erinnern vermag. Ich fand den Erzählstil packend und irgendwie elektrisierend, wenngleich ich es nicht hätte belegen/beweisen können (dazu war ich zu jung, naiv und in Gedankenarbeit ungeübt). 🙂

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