CSD 2015

Im vorigen Jahr hatte ich am 26. Juli eine Anmerkung über den CSD in Stuttgart geschrieben. In diesem Jahr war ich (gestern) Zaungast bei der CSD-Parade in Berlin. Knipsen mochte ich nicht, wohl weil Gedanken in meinem Kopf herumkabolzten.
»Der CSD erinnert an das erste bekannt gewordene Aufbegehren von Homosexuellen […] gegen Polizeiwillkür in der New Yorker Christopher Street in Greenwich Village am 27. Juni 1969 in der Bar Stonewall Inn« (Quelle: berlin.de). Das ist ein Fakt. Aber warum muß die Erinnerung an ein Ereignis aus vergangenen Tagen von Mal zu Mal ein anderes Motto tragen? Stehen denn Gedenktage unter wechselnden Maximen, etwa die Bombardierung von Coventry oder das Ende des 2. Weltkrieges?  Oder der 24. Dezember oder Karfreitag?
Nehmen wir das Motto des Berliner CSD 2015: »Wir sind alle anders. Wir sind alle gleich« (Quelle: berlin.de). Na toll: ein Oxymoron, etwas holprig, aber naja. Daß sich keine zwei Menschen gleichen, halte ich für eine Platitüde. Somit könnte womöglich der Inhalt im zweiten Satz des Mottos aufzufinden sein: »Wir sind alle gleich«? Aha! Wenn wir alle gleich wären, wo bleiben denn da die hetero-dominierten Paraden mit öffentlicher Zurschaustellung von Sexspielzeug, primären und sekundären Geschlechtsorganen und von lasziven Darstellungen diverser Penetrationsmöglichkeiten?
Aber vielleicht bezieht sich das Wir-sind-alle-gleich lediglich auf die Rechte, die beansprucht werden können? Muß wohl, denn bei den Pflichten wird es mau. Die Familie, als kleinste Zelle der Gesellschaft, hat den biologischen Zweck der Nachkommenschaft: deren Zeugung, Hege & Pflege und Unterstützung, bis sie ihrerseits ihren biologischen Beitrag zum Fortbestand der Gesellschaft leisten kann. Die Institution dafür ist die Ehe. Hat es nicht den Beigeschmack von Etikettenschwindel, diesen Namen für eine Zweck­gemeinschaft zu gebrauchen, die zwar in einen Rechtsrahmen paßt (Paragraphen zu Steuer, Erbschaft etc.), aber nicht biologisch funktionieren soll? Insofern sind wir nicht alle gleich: die Ehe der einen ist etwas ganz anderes als die Ehe der anderen.
Frühere Potentaten brauchten eine hohe Nachkommenschaft bei ihren Untergebenen, weil sie das Kanonen­futter für kommende Kriege bildete. Heutige Potentaten können wohl schlecht rechnen; sie hängen dem Aberglauben an, ein hoher Kinderanteil heute würde das BIP von morgen sichern. Doch nein, viele Kinder heute werden viele Arbeitslose von morgen sein, solange von Seiten der Obrigkeitskaste praktisch nichts unternommen wird, um Arbeitsnehmer sinnvoll in den gesellschaftlichen Prozeß zu integrieren (übrigens nicht nur erst morgen, sondern auch heute schon). An dieser Stelle müßte die Obrigkeitskaste in die Pflicht genommen werden. Wird sie aber nicht, denn es gelingt ihr (nach wie vor sehr erfolgreich), Keile durch die Bevölkerung zu treiben und die einzelnen Gruppen mit Zugeständnissen zu sedieren. Manchmal genügen Rentenerhöhungen kurz vor größeren Wahlen, manchmal ist es die Pflege eines gediegenen Lobbyismus‘ und manchmal ist es politisches Blabla, das die Medien füllt, aber von einer radikalen (vom lat. ‚radix‘, die Wurzel) Aufarbeitung des Themenkreises ablenkt. Und insofern, nämlich der Obrigkeits­kaste wieder und wieder auf den Leim zu gehen, sind wir wohl doch alle gleich.

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…desillusioniert
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15 Antworten zu CSD 2015

  1. lawgunsandfreedom schreibt:

    Wieder ein sehr, sehr treffender Kommentar.

    Nix gegen einen CSD. Aber müssen sich manche der Teilnehmer so aufführen? Ein guter Freund von mir meinte mal bei dem Anblick mancher Teilnehmer und deren Aktionen, daß er sich dabei extrem fremdschämen müsse. Und daß da Eltern ihre Kinder zusehen lassen findet er auch nicht gut. Das pikante daran: Der Bursche ist selbst schwul.

    Ich kenne einige Schwule (auch ein lesbisches Pärchen) mit Stil und gesundem Menschenverstand. Komischerweise würde keiner von denen an einem CSD teilnehmen. Deren teils deftige (und sehr abwertenden) Kommentare zu diesem Spektakel hat mich doch etwas überrascht.

    • ausgesucht schreibt:

      Vielen Dank für die lobende Kommentierung. ☺
      Die Erfahrung, die Du mit nicht-hetero-praktizierenden Leuten gemacht hast, kann ich mit Blick auf meinen Bekanntenkreis fast deckungsgleich bestätigen. Interessanterweise nicht aus dem Verwandtenkreis, aber hier eigentlich nur mangels Masse: von den mehrhundert Leuten, die per Blutsbande irgendwie miteinander verwandt sind, wurde gerade einmal ein (in Worten: ein) Großcousin (oder wie so eine Um-fünf-Ecken-Verwandtschaft heißt) zwangsweise – von sich aus tat’s freiwillig noch niemand – geoutet. Und der erfüllt alle Klischees, leider vor allem die „negativen”. Ich schätze, er hätte sich auf dem CSD recht wohl gefühlt…

      • lawgunsandfreedom schreibt:

        In den 80ern habe ich viel Disco-Betrieb gemacht als DJ und an der Türe. In einer dieser Gesellschaftskatakomben gab es Mittwochs, einmal im Monat, einen Lesben- und Schwulentag. Aber einer aus der normalen Disco-Kollektive musste da immer da sein (aufsperren, Kassen- und Türdienst, Ordnungsdienst, etc). Das war dann des öfteren ich.

        Mit den „normalen“ Schwulen und Lesben kam ich prächtig zurecht. Da habe ich seit fast 30 Jahren gute Freunde aus dieser Zeit. Aber einige der „Extremisten“ waren wirklich schwer zu ertragen. Offensiv, feindselig, aggressiv und teilweise übergriffig. Das war manchmal schon sehr unangenehm. Und das sind genau die Figuren, die ich dann auf dem CSD wieder sehe. Deren Verhalten hat sich nicht gebessert – sie sind teilweise noch schlimmer und narzisstischer geworden.

        Es ist – wie bei den 3rd-Generation-Extrem-Feministen und der Genderista – nur eine winzige, aber laute und aggressive Minderheit, die aber leider den Ton in der Öffentlichkeit angibt.

        • ausgesucht schreibt:

          „Narzisstisch” – ja, diesen Eindruck habe ich mitunter auch. Ist aber auch ein Dilemma, an dem man schier verzweifeln kann: Auffallen um jeden Preis, um sich wortreich darüber zu beklagen, daß andere einen auffallend (und irgendwie abseits von der „Norm”) finden…
          Und dann muß man auf die (zu einem nicht unerheblichen Teil selbst erzeugten) Dissonanzen aufmerksam machen und der ganzen Welt sein Leid klagen, möglichst laut und richtig schrill, damit das auch ja alle hören. Kleine Hunde gebärden sich oft rasend beim Kläffen, während große Hund höchstens mal „Wuff” machen. 😉

          • lawgunsandfreedom schreibt:

            Schön gesagt. Wir leben im Zeitalter des Narzissmus. Jeder kann für 15 Minuten berühmt sein – und viele wollen das auch. Egal ob sie sich dafür zum Affen machen und dabei gnadenlos oberflächlich bleiben. Sehr traurig.

            • ausgesucht schreibt:

              Ich glaube, ich sollte mich auch mal zum Affen machen: Von den 15 Minuten Ruhm, die das (hoffentlich!!) bringt, könnte man doch bis an sein seelig Ende zehren und Enkel & Urenkel neeeeeerven ohne Unterlaß. 😉

              • lawgunsandfreedom schreibt:

                Gehen, wir lieber … Großvater erzählt wieder vom Krieg …

                Wie sagte schon Honoré de Balzac? „Ruhm = Ein Gift, das der Mensch nur in kleinen Dosen verträgt.“

                Der heutige „Ruhm“ ist auch so fade und oberflächlich, nährstoff- und vitaminlos. Die grandiosen Taten der alten Sagen-Helden werden doch gar nicht mehr erreicht. Sogar Drachen töten könnte man heute mit einem Knopfdruck. Nur die Prinzessinnen sind heute noch genau so hohl und doof wie damals. :mrgreen:

              • ausgesucht schreibt:

                … sollte das die entscheidende Crux unserer Zeit sein, daß praktisch alles auf Knopfdruck geht? Gibt es deshalb keine Drachentöter, keine Odysseusse, keine Orpheusse und keine Lukullusse mehr? Und wegen „hohl & doof” bringen Formate wie DSDS [= Deutschland sucht den Supertroll] die besten Einfaltsquoten? 😕

              • lawgunsandfreedom schreibt:

                Da wären wir dann wieder bei der dramatischen Überhöhung. Wenn man das Superlativ der Superlative nicht toppen kann ist es schon trivial … aber komischerweise guckt sich die stumpfsinnige Couchpotatoe das trotzdem an.

                Deswegen vermutlich auch viele Extremsportarten … damit die übersättigte Dekadenz überhaupt noch mal was fühlt …

              • ausgesucht schreibt:

                Ich halte das durchaus nicht für „komisch”: unsere „Philosophen” haben so geistvoll-subtile Ethik-Konzepte zu Hauf entwickelt, nur offenbar eben nicht für reale Menschen… 👿

              • lawgunsandfreedom schreibt:

                *chchch* :mrgreen:
                Die Schaumschläger halten sich ja auch im Elfenbeiturm auf, in einer idealisierten Welt, die nur in ihrem Kopf existiert und nicht in der Realität.

              • ausgesucht schreibt:

                Volle Zustimmung: das und nur das sollte der entscheidende Grund sein… 🙂

  2. Bludgeon schreibt:

    Verdammt! Wo ist hier der Button zum „liken“ Like!

    • ausgesucht schreibt:

      Oh, der Like-Knopf?! Der ist für dieses Blog deaktiviert, aber Du hast – glaube es oder nicht – mit Deinem Kommentar gewissermaßen den like5-Knopf betätigt. Und dafür danke ich Dir. 🙂

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