Buch 76 – Herr aller Dinge

Cover_EschbachWer hätte sich nicht schon auch die Frage gestellt, warum wir, die Erdlinge, trotz intensiver Suche noch keine (objektiv sicheren) Spuren von außerirdischen Hochzivilisationen oder Aliens finden konnten? Jedenfalls liefert Andreas Eschbach, in seinem Roman Herr aller Dinge zu diesem Thema einen überraschenden Gedanken. Und nicht nur zum Thema „Außerirdische” (von-Neumann-Sonden, Drake-Gleichung etc.), sondern auch zu Nano­technologie und Robotern, die sich von selbst replizieren können, und von Menschen, die durch Berühren nicht nur die Geschichte von Gegenständen erfühlen, sondern auch die Gedanken und Gefühle von deren (ehemaligen) Besitzern.
Das klingt nach einem knapp siebenhundertseitigen Lesevergnügen. Tatsächlich klingt es zwar so, es ist aber keines, mit Abstand nicht. Der Roman beginnt mit einem Dialog der beiden Protagonisten, die sich, etwa zehnjährig, beim Spiel auf einer Kinderschaukel darum kabbeln, ob wohl alle Menschen reich sein könnten. Was das Mädchen, Charlotte Malroux, ungläubig ablehnt, sieht Kato Hiroshi als realisierbar und unbedingt erstrebenswert an. Der Junge hat sich übrigens in diese Idee derartig verbissen, daß die Gestaltung des Buch-Covers als ein 1-Euro-Stück eine höchst amüsante Episode am Rande darstellt. 🙂
Doch der Roman zieht sich! In der ersten Hälfte erweckt es den Anschein, als würde er nicht nur über Zehnjährige berichten, sondern auch jene Altersklasse als Zielgruppe ansprechen. Lang, lang, lang werden Episoden erzählt, die von Personen berichten, die die Geschichte nicht vorantreiben, die aber wohl erklären sollen, warum sich die beiden Protagonisten so und nicht anders entwickeln müssen. Doch diese Versuche bleiben weitgehend vergeblich, denn es erscheinen trotz allem lediglich zwei recht konturlose Stereotypen: ein IT-Nerd japanisch-amerikanischer Abstammung und eine (verwöhnte) Diplomatentochter mit französischen Wurzeln.
Besonders ärgerlich sind die Unstimmigkeiten im Roman. Die Diplomatentochter hat, wie gesagt, die Gabe, allein durch Berühren von Dingen, etwas über deren Vorbesitzer zu erfahren. Diese Fähigkeit ist die Grundlage für eine Schlüsselszene des Romans. Wenige Jahre später liest sie das (wahrscheinlich inoffizielle) Forschungstagebuch eines Wissen­schaftlerteams, das unter Angst und Schrecken von einer menschenleeren Insel floh, aber Charlottes Fähigkeit schweigt. Noch ein paar Jahre später berühren sie und Hiroshi sich äußerst intensiv während einer Heilungsprozedur, aber die Fähigkeit schweigt. Mag ja sein, daß sie im Laufe der Jahre immer weiter verblaßte, aber ein paar Seiten weiter ist die Sehergabe wieder in Vollkommenheit präsent. *gähn*
Vollends grauselig wird’s bei den technischen Belangen. Wenn sich beispielsweise die Anzahl der sich replizierenden Roboter von Teilungsschritt zu Teilungsschritt verdoppelt, bräuchte es gerade einmal 33 Kopierdurchgänge, um für jeden einzelnen Erdbewohner einen eigenen Roboter zu erstellen. Die auf Seite 304 behauptete Zahl von „60 Durchgängen” könnte 140 Mio. Erden versorgen. Ein anderes Beispiel ist eine durch einen Linearmotor beschleunigte Rakete (S. 567): „[…] der Überschallknall musste die gesamte Anlage bis in die Grundfesten erschüttern”. Bei einem Linearmotor!? Noch ein Beispiel? Na gut, welches von den vielen? Ach, dieses (S. 560): „Zwar verfügten die Naniten [= Nano-Ro­boter] nicht über ein Erdnavigationssystem, aber dafür waren sie imstande, zurückgelegte Entfernungen und Richtungen auf den Mikrometer präzise zu messen, Alles, was Hiroshi zu tun brauchte, war, die Distanz zwischen seinem Labor und dem Zielgebiet […] möglichst genau zu bestimmen und den Naniten dann einen Befehl der Art zu erteilen, »geht zunächst 2507 Kilometer, 318 Meter und 12 Zentimeter nach Norden, anschließend […] nach Osten«”. Zur Erinnerung: Naniten, die eine räumliche Ausdehnung in der Größen­ordnung der Wellenlängen des sichtbaren Lichtes haben, sollen sich in der realen Welt (eine gekrümmte Erdoberfläche mit zusätzlichen Höhenunterschieden, mit Schluchten, Kliffen und Scharten) zentimetergenau bewegen. Naja, vielleicht unterscheidet das den utopischen vom Fantasy-Roman?
Doch auch für den Fantasy-Roman bleiben offene Fragen. Naniten verschaffen sich aus der Umgebung die Materialen, die sie zu ihrer Replikation benötigen. Woher wissen andere Naniten, die höchstens über Nahfeldkommunikation Informationen mit Nachbarnaniten empfangen/austauschen, daß die gerade erzeugten Objekte nicht als willkommene Rohstofflieferanten abgebaut werden dürfen? Hiroshi verwendet Nanitenkomplexe, um Objekte zu desintegrieren (Wände oder seine PC-Farm) und später wieder originalgetreu auferstehen zu lassen. Wo waren die dafür erforderlichen Informationen gespeichert? Die Energiefrage spielt im Roman immer wieder eine Rolle. Was passiert mit den Bindungsenergien, die das Zerlegen und Zusammensetzen von Molekülen begleiten? Oder auch: Weil eine Naniten-Sonde vor Tausenden von Jahren in Gletscher-Eis eingeschlagen ist, soll sie nicht genügend Energie gehabt haben, um aktiv werden zu können. Aber obwohl die Sonde in der Zeit, die vor dem Roman liegt, wegen Energieschwäche inaktiv war, häufen sich über die deshalb so genannte „Teufelsinsel” Schauersagen, die ihre Ursache in der Sondenaktivität haben müßten…

Wie steht es so schön auf Seite 357 geschrieben: „Ich glaube, dass Langeweile etwas ist, das man erst lernen muss” – und dieser Roman scheint eine gute Übung dafür zu sein.

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Über ausgesucht

…desillusioniert
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16 Antworten zu Buch 76 – Herr aller Dinge

  1. Chantao schreibt:

    „Woher wissen andere Naniten, die höchstens über Nahfeldkommunikation Informationen mit Nachbarnaniten empfangen/austauschen, daß die gerade erzeugten Objekte nicht als willkommene Rohstofflieferanten abgebaut werden dürfen? Hiroshi verwendet Nanitenkomplexe, um Objekte zu desintegrieren (Wände oder seine PC-Farm) und später wieder originalgetreu auferstehen zu lassen. Wo waren die dafür erforderlichen Informationen gespeichert? Die Energiefrage spielt im Roman immer wieder eine Rolle. Was passiert mit den Bindungsenergien, die das Zerlegen und Zusammensetzen von Molekülen begleiten?“ Quantenverschränkung ;-)))

  2. Chantao schreibt:

    Weil der Herr Eschbach meint, dass das Allgemeinwissen ist; und jetzt einmal was aus meinem Physikunterricht von vor ca. 45 Jahren, da hat niemand von Einsteins Wundersamer Fernwirkung gesprochen, das habe ich erst vor nicht allzulanger Zeit erfahren, dass die Quantenverschränkung schon vom Einstein kommt, also sag‘ ich mal so:“Irgendwer hat bereits die Vergangenheit geändert…“ Also soweit sind sie schon in der Forschung, deshalb meinte Herr Eschbach, dass das ein alter Hut ist ;-)))

    • ausgesucht schreibt:

      Upps, Du hast meine Widerspruchs-Ader gereizt. 🙂
      Einstein konnte sich mit den „Auswüchsen” der Quantentheorie Zeit seines Lebens nicht anfreunden. Von ihm stammte zwar die Idee des Lichtquants (dafür gab’s den Nobelpreis), aber mit dem Superpositionsprinzip von Quantenzuständen wollte er sich nicht anfreunden (daher auch sein: „Der Alte würfelt nicht!”). Mithin kommen „verschränkte Zustände” in seinem Weltbild nicht vor…

      Auch was den letztgenannten Satz in Deinem Kommentar angeht, habe ich Zweifel. Korrekt ist: ich kenne Eschbachs naturwissenschaftlichen Fundus nicht, aus dem er für diesen Roman schöpfen konnte, meine aber anhand der Leseproben aus seinem Roman kühn behaupten zu können, daß dieser Themenkreis für ihn mitnichten ein alter Hut sein kann. 😉

  3. Chantao schreibt:

    Nachtrag: Einsteins „Spukhafte Fernwirkung“ nennt sich das.

    • ausgesucht schreibt:

      … genau so habe ich, genauer: hat mein Unterbewußtsein ohne zu murren, es auch gelesen. Zu diesem Thema möchte ich jetzt nur auf einen meiner Blog-Einträge vom 24.01.2014 verweisen: siehe hier. 😉

  4. Chantao schreibt:

    Ja, ich weiß ja, dass ausgesucht sich sehr intensiv mit derlei Dingen beschäftigt; ich habe „Entschleunigung“ hier auf dem Blog studiert. Hier schreibt jemand, der nichts auf die leichte Schulter nimmt. Und ich bin jemand, der oft aufläuft, weil ich meine einen Witz gemacht zu haben (also im OFFLINE-Leben) und weil man da keine Zwinker-Smilies in die Luft zaubern kann, kommt es oft zynisch an. Ich kann aber auch sehr ironisch sein, bin mehr ein Pessi- als ein Optimist.
    Wenn ich im „wirklichen Leben“ mal wirklich nett sein möchte, unterstellt man mir blanke Ironie. Das mit Einstein sollte auch mit ;-)))-Männeken sein.

    • ausgesucht schreibt:

      Upps, da hast Du mich ja eiskalt erwischt (was ja so schlimm nun auch wieder nicht ist bei diesem Hauch von Höllenhitze, die gerade durch die Welt wabert)… 😳

      Und spannenderweise habe ich ein gutes Gespür für Zynismus (siehe hier), sowohl wenn ich ihm begegne als auch beim „Versenden”, aber – im gesprochenen oder gemimten Wort – eben nicht für 🙂 , 😉 , 😀 … 😆 (und was es da nicht sonst noch so alles gibt). Da kann ich mich noch so sehr mit derlei Dingen beschäftigen…

      Na denn: Auf (weitere, ganz ohne Ironie) Nettigkeiten, gewürzt mit Ironie, Sarkas- und Zynismus! 😛

  5. YDU schreibt:

    Woher er das alles hat? Er hat alle Stargatefolgen gesehen … 😉

  6. Chantao schreibt:

    Die beliebten Ausreden von Höllenhitze und Poststreik sind auf dem abstrebenden Ast 😉

    • ausgesucht schreibt:

      … da ist was dran. Andererseits, wenn die Wetterbestellung per Post an Petrus (oder wer da gerade Wetterdienst hat) geschickt wurde, wird sich das mit der Höllenhitze vielleicht doch noch ein wenig hinziehen, da der Poststreik erst heute nacht offiziell zu Ende geht. 😉

      • Chantao schreibt:

        Ich denke mal die Sonnenseiten des Ausstandes für die Postler sind jetzt zuende, jetzt werden sie richtig nassgespritzt, wenn sie die lieferverzögerte Ware abliefern. Ich selbst schrieb ja auf einem meiner Blogs, dass ich vermuten würde, dass die Postler im Herbst wieder ihrer Profession folgen, wenn der Herbstwind um die Ecken pfeifft. Beim allem Verständnis für die Gelben, aber um eine 1x-Zahlung von 400 Euro zu erpressen und den kümmerlichen Gehaltsaufschlag, den sie erstritten haben und der kaum eine große Kaufkraft produzieren wird, haben sie den Endverbraucher doch über alle Maßen gequält.
        In meinen Augen handelt es sich beim Poststreik, sowie seiner Zeit beim Personentransport nicht um höhere Gewalten, nein, in dem man erst Fahrpreis bzw. bei der Post das Porto kassiert und dann monatelang nicht liefert einfach nur um einen schnöden Lieferverzug und wird sich zumindest, was Paketversendung betrifft zukünftig nicht positiv auswirken.

        • ausgesucht schreibt:

          Na, wenn das mal nicht hübsch böse ist!? Ich sehe den Anteil des persönlichen Wohlbehagens der Postler längst nicht so schwerwiegend, wie Du ihn (nett provozierend) skizziert hast, frage mich aber auch, ob das mickrige Resultat den Schaden an der Volkswirtschaft und durch die millionenfache Geiselnahme an den Mitbürgern, die in der Streitsache so gar keinen Einfluß haben, sehr wohl aber einschneidende Nachteile erdulden müssen), rechtfertigt… ❓

  7. Chantao schreibt:

    Ach, übrigens „wenn die Wetterbestellung per Post an Petrus (oder wer da gerade Wetterdienst hat) geschickt wurde, wird sich das mit der Höllenhitze vielleicht doch noch ein wenig hinziehen“ Wetterbestellungen waren über Amazon, die hatten mit dem Streik nichts zu tun, die hatten Sonderregelung… 😉 hehe

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