hektisches Lesen

LeseModusImmer wieder treibt es mich auf die Frage zurück, was genau gelesen wird. Nein, nicht welche Genres, das mag auch Geschmackssache sein, sondern was an einem Text gelesen wird. Genauer: Wie wird ein Text konsumiert?
Wir halten uns ja für so genial, weil wir allein in einer Woche so viele Informationen aufnehmen, wie unsere Altvorderen sie in einem ganzen Leben nicht hätten zu bewältigen brauchen. Doch der Preis ist hoch. Wir „erkaufen” uns die Durchsatzleistung durch selektives Lesen: ein bis zwei Zeilen des ersten Abschnitts, vielleicht noch eine vom zweiten (vgl. Abb., blau markierte Lese-Areale) – und schon halten wir den Text für nicht nur gelesen, sondern haben ihn auch mit einem ehernen Urteil etikettiert.
Kein Wunder, daß z. B. Fabeln aus dem (lebenslangen und nicht nur auf die Schulzeit begrenzten) Bildungskonzept verschwunden sind. Hier müßte man jeden Satz, ja jedes Wort lesen und dann sogar noch – oh, wie anstrengend und zeitraubend! – darüber nachdenken, was die Bedeutung des Gelesenen wohl sein könnte.
Um wieviel einfacher sind da Zwitschereien mit maximal 140 Zeichen (die wären bei diesem Text übrigens in der Mitte der dritten Zeile bereits ausgeschöpft). Ein Blick, und die Reizworte sind erfaßt. Daß das Bezwitschern einer direkt angepingten Einzelperson mittlerweile mit bis zu zehntausend Zeichen erfolgen kann, eröffnet ganz neue Möglichkeiten, die jetzt allerdings nicht von Interesse sein sollen.
Nun gut, nichts ist für die Ewigkeit; wenn Fabeln als unzeitgemäß „ausgestorben” sind, mag das für Nostalgiker und Historiker von gewissem Interesse sein. Mehrheitlich wird es niemanden interessieren (es wird ja kaum wahrgenommen). Dennoch interessiert es mich, was tatsächlich an meinen Elaboraten gelesen wird, seien es nun Bewerbungen (vgl. Abb.) oder Blog-Artikel.

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Über ausgesucht

…desillusioniert
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20 Antworten zu hektisches Lesen

  1. lawgunsandfreedom schreibt:

    So wie von vielen Leuten heutzutage Texte aufgenommen werden, spreche ich gerne von ‚erworbenem‘ ADS. Meistens merken die es nicht mal, weil das Gehirn die überlesenen Textteile einfach ergänzt. Schöpferisch ist er ja, der Mensch 😀

    Meiner Meinung nach, sind viele Leute heutzutage einer derartigen Überflutung schnell wechselnder Reize ausgesetzt, daß sie nicht mehr anders können als hektisch und unaufmerksam zu werden. Dazu noch etwas galoppierende Egozentrik und eine große Portion Narzissmus. Fertig ist der Mensch von heute (natürlich grob vereinfacht).

    Irgendwie habe ich noch ganz anders lesen gelernt. Aber ich neige ja auch zum hyperfokussieren. Trotzdem ertappe ich mich dabei, daß ich selbst immer häufiger ‚flüchtig‘ lese und dann einen Texte, statt ihn einmal richtig, 2-3 mal lese. Kommt aber auf’s Thema an.

    • ausgesucht schreibt:

      … aber führt das schöpferische Ergänzen überlesener Textstellen nicht in der Mehrheit der Fälle zu Mißverständnissen, Unmut und sogar Streit? ❓

      • lawgunsandfreedom schreibt:

        Natürlich. Aber dazu müssten die Leute erst mal merken, daß sie was überlesen. Ist aber oft nicht der Fall.

        Aber sogar wenn etwas im Detail beschrieben ist und man das gründlich liest kann man etwas völlig falsch verstehen.

        • ausgesucht schreibt:

          Ich schätze, das meiste erliest man sich falsch. Also nicht grundfalsch, aber anders als vom Schreiber gedacht/erhofft.

          Beispielsweise meinte ich mit meiner Anmerkung etwas ziemlich anderes: es enttäuscht mich, wenn Dinge, die dort gar nicht stehen, in meinen Text hineingedeutelt werden; es macht mich traurig, wenn Dinge aus meinen Texten herausgelesen werden, die ich niemals, auch ansatzweise nicht, denken würde; es macht mich wütend, wenn ich für Aussagen zur Rechenschaft gezogen werde, die nicht ich von mir gegeben habe, sondern andere mir in die Leselücke gedichtet haben. :mrgreen:

  2. Chantao schreibt:

    Früher gab’s mal so ein Buch, jawoll, ein richtiges Buch, keins, was elektronisch daher kam und das hatte zum Thema: Optimales Lesen. Querlesen ist wohl auch so’n Ausdruck, wie man auf eine ganze Seite guckt und weiß, was Sache ist. In all‘ den Jahren habe ich „BookWorm“ das trainiert, Steno für’s Lesen. Und es ist in Fleisch und Blut übergegangen, aber wahrscheinlich ist es auch nur selektierte Wirklichkeit, in der ich meine zu leben, aber wer kann das wissen ? …. ;-))

    • ausgesucht schreibt:

      Nichts gegen Diagonallesen! Anders ist z. B. „Krieg & Frieden” nicht innerhalb von ein bis zwei Tagen in der Tiefe auszuloten und zu genießen… 😉

  3. Chantao schreibt:

    „Krieg & Frieden”, ok, schwerere Kost, die kann man sich in den Augen zergehen lassen, aber alles, was man noch so lesen muss, weil man’s irgendwie auf die Augen gedrückt kriegt, um es zu unterscheiden, was in den eigenen Augen wichtig ist oder, was man ungesehen wegschmeißen kann, überfliegen-kreuz-und-quer …. Man wird es nicht glauben, was manchmal im Spamordner landet, was aber wichtig gewesen wäre …. *seufz*

  4. YDU schreibt:

    Leider habe ich meine Lesebrille verlegt und kann den „beigelegten“ Text nicht entziffern, auf den sich dein Beitrag bezieht … 😉

  5. MURAT O. schreibt:

    Hat dies auf D – MARK 2.0 rebloggt.

  6. Aufgewacht schreibt:

    Eine gute Frage….ich habe den Eindruck heute wird alles flüchtig gelesen….man nimmt sich nicht mehr die Zeit….in der Ruhe zu lesen.

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