Bilderflut

Wieviele Weltmeister gibt es in der Disziplin XYZ? Und ich meine unterscheidbare Disziplinen, nicht etwa ‚3,407 km im Rückwärtslaufen bei Verwendung von 25 cm langen Schnürsenkeln‘ und ‚3,407 km im Rückwärtslaufen bei Verwendung von 36 cm langen Schnürsenkeln‘. Wobei ohnehin zu befürchten steht, daß diese, ach, so breite Palette der Wettstreitmöglichkeiten eh am meisten dem Kommerz dient.
Also, wieviele Weltmeister gibt es denn nun in Disziplinen wie Fußball, Stabhochboxen oder wie den jährlichen Pro-Kopf-Bedarf an belletristischen Büchern? Ganz genau, es kann nur einen geben. Das ist anders als bei abgetakelten Politiker-Darstellern. Nichts gegen die „Weisheit des Alters”, aber erfordert sie wirklich eine lebenslange Ausstattung mit etwa BuPrä-Insignien? Im mehr realitätsnahen Bereich des Lebens ist es eher so, daß der Zweite eines Wettkampfes der erste Verlierer ist. Es ist dort eben etwas Besonderes, den Siegeslorbeer zu tragen.
Das ist beim Photographieren nochmals anders. Wobei meisterliche Photographie, solche der Weltklasse, selten geworden ist. Es gab mal Zeiten, da ein mit Licht geschriebenes Bild (nichts anderes bedeutet φως & γράφω) einem Ölgemälde kaum nachstand. Das hat sich durch das inflationäre Anschwellen des Knipsens deutlich geändert: das Einzelbild kostet praktisch nichts, weder in der Aufnahme noch beim Speichern. Also wird geknipst, was das Zeug hält. Eine Flut von Bildern, die allerhöchstens noch mit Milliarden anderen weltweit in „sozialen Netzwerken” geteilt werden – es ist nämlich so, daß man seine Individualität am besten dadurch herausarbeiten kann *ironie*, indem man tut, was alle tun –, aber ansonsten praktisch nie wieder angeschaut werden. Wenn es eine „Verweildauer-des-Blickes”-Kennzahl gäbe, strebte sie immer weiter gegen null (sie sinkt immer weiter und weiter, wie halt die Entropie immer weiter und weiter steigt). Wie sollte es auch anders sein? Ein paar Zeilen weiter oben steht es geschrieben: der innere Wert eines Photos ist heutzutage mehrheitlich null.
Aber warum beschäftigen sich derzeit so viele Leute mit dem Erzeugen einer Flut von Wertlosigkeiten, sodaß sie darin als Weltmeister gelten können? (Fortsetzung folgt…)

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Über ausgesucht

…desillusioniert
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7 Antworten zu Bilderflut

  1. lawgunsandfreedom schreibt:

    Große Photographen wie Ansel Adams oder Alfred Stieglitz gibt’s nicht mehr.

    Die meisten heutigen Knipser haben von der umfangreichen Theorie und Technik, die hinter einem guten Bild stehen, überhaupt keine Ahnung. Zack … draufhalten … die Kamera macht den Rest. Ich kenne etliche Leute, die sich teure Spiegelreflex- oder Systemkameras gekauft haben und trotzdem nichts besseres zustande bringen als ein beliebiges, nichtssagendes Bild.

    Ich habe mal einem Freund die Kamera abgenommen und genau dasselbe Motiv wie er aufgenommen. Allerdings habe ich auf Zeit, Blende, Ausschnitt, Winkel und Schärfeebene geachtet. Also rein technische Tricks, weil das Motiv selbst nicht allzuviel hergab. Der wollte dann, daß ich ihm an der Kamera ein Preset so programmiere, daß sie das immer so macht …
    Mein nachfolgender, fachtheoretischer Monolog hat ihn dann wohl völlig rausgeschossen. Er hat gar nicht begriffen, daß Kameratechnik und Bildkomposition Hand in Hand gehen – und daß man ohne ein „Auge“ für gute Motive auch mit einer tollen Kamera nicht weit kommt. *seufz*

    Wer das „Auge“ nicht in die Wiege gelegt bekommen hat, kann immer noch die graphischen Grundlagen lernen und beachtliche Bilder machen. Aber die Kamera alleine macht gar nix. Sie ist ein Werkzeug. Ich mache mit meiner Handy-Kamera oft bessere Bilder als Leute mit 3000-Euro-Kameraausrüstungen – aber ich habe das ja auch gelernt … und dabei ich bin nicht mal sonderlich kreativ, sondern nur ein Handwerker mit einer guten Ausbildung …

    • ausgesucht schreibt:

      Ganz genau! Und hinzu kommt diese „Bequemlichkeit”, ohne langes Nachdenken, möglichst ohne Engagement und Initiative, am besten mit einem zeitlichen Maximalaufwand, der gerade eben das Niederdrücken eines Auslösers erlaubt, mittelmäßige – mehr braucht’s ja gar nicht! – Ergebnisse zu erzielen. Prompt gibt es die Gerätschaft, die diesen Anspruch realisiert, bergeweise zu kaufen. Braucht es da noch ein vertiefendes Einarbeiten ins Metier, Grundverständnis zu Blende und Blendenzahl, zu Belichtungszeit und Tiefenschärfe, zu Bildaufbau u.s.w. :/

  2. MURAT O. schreibt:

    Hat dies auf MURAT O. rebloggt.

  3. YDU schreibt:

    Gedächtnisersatz … ? Was die Menge betrifft: Wenn man oft genug abdrückt, muss doch irgendwann einmal was werden – oder etwa nicht? 😉

    • ausgesucht schreibt:

      Aber ja doch! Wenn man oft genug völlig blind ein Hälmchen aus dem Heuhaufen zupft, ist irgendwann die Stecknadel gefunden – O Freude! Aber ist das eine Leistung? Auch ein blinder Säufer findet seinen Korn (oder wie das heißt).

      • YDU schreibt:

        Große Leistung ist damit verbunden, das ist ganz offensichtlich: ehre dem blinden Säufer, die nicht aufgibt! Einfach zum angegebenen Regal gehen und ein Flasche holen, das kann doch jeder … 😉

        • ausgesucht schreibt:

          … das mit dem einfach Zum-Regal-Gehen sagst sich so leicht. Aber so mancher hat so viel Blut im Alkohol, daß er beileibe nicht mehr einfach so gehen kann; und dann sieht man Doppel-Korn, wo nur einfach Korn steht; und manchmal ist der Kunde gar nicht so blau wie die Flasche, die er sucht, manchmal viel blauer. Das ist alles gar nicht so einfach (auch für Nichtblinde). Da macht die Übung den Meister! Und genau das scheint auch der kleine Unterschied zur aktuellen Knipsomanie sein. 😉

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