Bilderflut (Fortsetzung)

Seltsam ist es um den Menschen bestellt. Da die Technik es ihm erlaubt, überschlägt er sich förmlich – bereits am 18. August schrieb ich darüber –, Bilder wo er geht und steht zu knipsen und vor allem auch zu speichern. Eines von hundert wird später noch einmal angeschaut, eines von tausend wird bei hektischer Suche auf dem Speichermedium auch tatsächlich wiedergefunden.
Dieses Verfahren, Bilder über Bilder in Serie zu erzeugen und zu speichern, also als Trophäe „ins eigene Nest” zu schleppen, gründet sich wahrscheinlich auf die atavistische Grundausstattung des Menschen: Sammeln und Jagen. Doch Vorsicht, Bilder bzw. Bildmotive werden längst nicht mehr gejagt, sondern gesammelt, d. h. blindwütig geknipst; das Aufbahren des erbeuteten Gutes, d. h. das Archivieren, ist ein müder Abklatsch der götterbeschwörenden Trophäen­sammlung und -präsentation (vgl. Jagdstrecke) erfolgreicher Jäger.
Zwar ist der Mensch schon recht weit fortgeschritten in seinem Bilderwahn, aber er ist noch lange nicht perfekt. Noch dauert es mehrere Sekunden (bei geübten Knipsern höchstens eine), bis die Photo-App gestartet, bis der, ach, so spannende Bildausschnitt eingerichtet, bis der Auslöser gedrückt sind. Dabei wäre so leicht Perfektion zu erlangen. Ein winziges Implantat, das den Sehnerv „anzapft”, um die macula lutea wie eine CCD-Matrix auszulesen. Kein Motiv ginge je verloren. Keine Zeit würde verschwendet werden, um den Auslöseknopf anzutippen. Alles, was ein Proband sieht, sieht auch das Implantat und speichert es in Echtzeit. Sage niemand, daß die Bildgüte der Makula unbrauchbar ist für hochauflösende Bilder, die unseren Ansprüchen genügen würden, da der uns gewohnte Bildeindruck erst viel weiter hinten im Sehzentrum des Gehirns erzeugt wird. Darum geht es doch aber gar nicht! Es geht im Bilderwahn des Menschen darum, alles aufzunehmen und zu speichern, nicht um nochmaliges Ansehen. Es braucht teures Equipment, mindestens so aufwendig/teuer wie das der Mitmenschen, und einen individualisierten Raum, der der Gemeinschaft entrissen und mit dem eigenen Namen etikettiert ist, also Speichersegmente (mindestens 1 TByte größer als die Nachbar­segmente)…

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Über ausgesucht

…desillusioniert
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6 Antworten zu Bilderflut (Fortsetzung)

  1. thomrosenhagen schreibt:

    Jo, so kann man das durchaus sehen..

  2. Chantao schreibt:

    Wer da wirklich einen Meister seines Faches erleben möchte, der schaue doch bei erwinphoto nach, meinem lieben BlogBruder für taoistische Weltenschau. Vieles andere, wie der BlogEigner es oben beschreibt, ist für mich einfach nur Foto-Messi-Tum. Mein eigenes Smartfone weist mich desöfteren auf zuviel belegten Speicher hin, wo man ganz klar erkennt, dass auch ich zu dieser Völkergruppe zu gehören scheine, obwohl ich mir selbst dessen gar nicht so bewusst bin. In einer Zeit, da Telefone meistens gar nicht mehr ihrer eigentlichen Bestimmung nachkommen scheint zu gelten: „Ich sammele Bilder, einfach einmal nur, weil es geht. “ Oftmals habe ich mich schon gefragt, warum ich meine zig von Blogs und Homepages nicht bebildere, aber da sage ich mir dann: Was meins ist, soll auch meines bleiben. Und so schlimm bin ich ja auch nicht mit meiner Sammelleidenschaft. 😉

    • ausgesucht schreibt:

      Einen kurzen Blick habe ich in „des Meisters Atelier” geworfen. Ja, er ist wohl am allerwenigsten ein Knipser, sondern ein Photograph. 🙂

  3. bastepacknews schreibt:

    OMG – Das was du beschreibst BIN ICH! Verschlagwortet unter Dummheit und Ironie! Und MENSCH und VISION! ;o)
    Aus der Sicht der dummen Betroffenen: Es ist meine Art der Prophylaxe. Gegen das Vergessen und so. Was Murks ist, weil je mehr man aufgenommen hat, desto weniger muss man sich tatsächlich merken und dann…
    Wir werden alle als merkunfähiger Blob enden.

    Ich fühle mich ertappt und gehe zurück in meine Bilderecke. *Schandeübermich*

    Anke

    • ausgesucht schreibt:

      Hallo Anke, Du hast mich gerade daran erinnert, daß ein ganz wichtiger Satz in meinem Gesabbel fehlt: Anwesende (die das hier lesen) sind wie immer ausgeschlossen. Nein, ganz ehrlich: wer aus meinen Zeilen eine Beleidigung herauslesen will, wird es leichterhand auch schaffen; wer das als Anregung nimmt, über sich und seine Umwelt nachzudenken, wird hingegen ein Schmunzeln kaum unterdrücken können… 🙂

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