Buch 82 – Atlas eines ängstlichen Mannes

Cover_RansmayrDer Titel ist die pure Verführung – nicht mehr und nicht weniger – er lockt: Atlas eines ängst­lichen Mannes. Christoph Ransmayr hat auf gut 450 Seiten 70 Texte zusammengetragen, die rund um den Globus angesiedelt sind. Die Idee ist frappierend, und so überschlagen sich förmlich trunken des Lobes die Buchkritiker großer Zeitungen.
FAZ: »Ein Werk der subtilsten Suche, der vielfältigsten Sinneserfahrungen und der Demut vor der menschlichen Existenz.«
Die Welt (sinngemäß): Im deutschen Sprachraum, vielleicht weltweit einzigartig »und zugleich Essenz und Manifest seiner unverwechselbaren Sprachkunst.«
NZZ: »Das Buch ist ein Meisterwerk.«

Naja, es mag ja der Autor tatsächlich ein Suchender sein, der die ungewöhnliche Form bemüht, um seinen Gedanken den rechten Rahmen zu geben. Er mag sogar ein ängstlicher Sucher sein, immerhin wird dieses Attribut im Buchtitel genannt. Aber Ängstlichkeit tritt in keiner Geschichte dominanter auf, als es eine lebens- und gesundheitserhaltende Vorsicht sinnvollerweise erwarten läßt.
Apropos Erwartung: Wenn im Buchtitel der Begriff „Atlas” auftaucht, sollte der Leser eine gebundene Sammlung von Landkarten erwarten oder eventuell auch ein Nachschlagewerk mit viel Bildmaterial (siehe hier). Kurz: ein Titel und zwei Zweifel, die in dem „sprach­lichen Meisterwerk” nicht aufgelöst werden.
Eine Ausnahme? Zumindest nicht in der Geschichte „Nackter im Schatten”. Dort ist zwar zu lesen, daß der Autor einen „Mann im Fernglas” sah, wobei doch eher zu vermuten ist, daß er ihn durch selbiges hindurch sah. In der Geschichte „Gesetzesbruch” wird „das gleißende Licht am Grund des Pools […] vom Rauschen der Palmwedel übertönt”. Auch das dritte Beispiel ist gar putzig: In der Geschichte „Mann ohne Sonne” wird der Titel The man who never saw the sun rise, ohne daß es für die Episode erforderlich wäre, recht frei mit „Der Mann, dem die Sonne nicht aufging” übersetzt, was zwar poetisch, aber freilich nicht nur stilistisch etwas anderes ist als ein Mann, der die Sonne nie aufgehen sah.
Aber nicht nur im Sprachlichen dämpfen gelegentliche „Stolperer” den Lesegenuß, in der Geschichte „Abschlag am Nordpol” wird dem Leser weisgemacht, daß geographischer Nordpol (von diesem Punkt aus kann man nur nach Süden gucken) und magnetischer Nordpol eins wären. Autsch!
Als Fazit fällt meine Bewertung im Gegensatz zu den eingangs erwähnten Elogen geringfügig weniger enthusiastisch aus.Wertung_1Stern

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Über ausgesucht

…desillusioniert
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