Buch 84 – Sterntagebücher

Cover_Lem2Muß man nicht, wenn die Sprache auf Stanisław Lem (* 12.09.1921, † 27.03.2006) und seine auf wunderlich seltsame Weise skurrilen Texte kommt, ehrfurchtsvolle Zerflossenheit durch die Zeilen plätschern lassen, allemal wenn es dabei um die Sterntagebücher geht?
Ja, denn es gibt Sonderliches, das lesend erobert sein möchte, und nein, da ein „Geheimtip” aus der Mitte des 20. Jahrhunderts – die Originalausgabe Dzienniki Gwiazdowe erschien 1971 – verblassen kann wie so mancher Stern halt auch. Die Halbwertzeit von Wissen, zumindest von einzelnen Facetten desselben! Obwohl doch, wie es im Roman versprochen wird, der Leser der Sterntagebücher „…eine keineswegs geringe Besänftigung für den Geist [erfahren wird], der nach endgültigen Antworten auf die älteste aller Fragen lechzt, die der Mensch sich und der Welt stellt: Sie teilen nämlich mit, wer den Kosmos, die Naturgeschichte, die allgemeine Geschichte, den Verstand, das Sein und andere nicht weniger wichtige Dinge eigentlich erzeugt hat und warum er das tat. Und ist es etwa keine angenehme Überraschung zu erfahren, daß unser vortrefflicher Autor an diesen Schöpfungsarbeiten keinen geringen, ja manchmal geradezu einen entscheidenden Anteil hatte?
Eine augenzwinkernde Posse also, die mit großer Lust am Fabulieren Menschliches, allzu Menschliches, ebenso aufs Korn nimmt wie Soziales, allzu Soziales. Allemal delikat und spannend ist die hohe Kunst der „zwischenzeiligen” Seitenhiebe. Damit der Leser etwas zwischen den Zeilen zum Herauslesen findet, muß der Autor es nämlich erst einmal (an der Zensur(!) vorbei) dorthin verfrachten. Doch liegen – ist diese spezielle Art des Konsumierens verlorenen gegangen, ist nach reichlich 40 Jahren die Zeit eine ganz andere geworden oder der Mensch gar? – dunkle Schleier, ach, über dem Lesevergnügen, die Brillanz des Ideenfeuerwerkes entfaltet sich nicht.
Das mag aber auch daran liegen, daß die Beschreibung des Status quo, selbst wenn er in andere Zeiten oder an andere Orte verschoben sein mag, zwar als Vehikel für zeitkritische Anmerkungen dienen kann, kaum Durchschlagskraft entwickelt, wenn der Autor die zukunfts­weisende Perspektive zu entwickeln nicht bereit ist. Oder auch daran, daß inhaltliche Fehler Skepsis aufbauen, wo vertrauensvolle Hingabe vonnöten wäre. Warum wird, wenn es die Geschichte nicht voranbringt, der Asteroidengürtel zwischen Mars- und Erdbahn angesiedelt? Wie sollte durch einen Wurf ein Rindsfilet in einen kreis(!)förmigen Orbit gelangen können? Wie sollen sich dieses Filet und ein Schraubenschlüssel mehrere Millionen Jahre lang auf stabilen Bahnen um ihr Gravitationszentrum bewegen, während dieses sich beschleunigt ins All verfügt? Etc.
Das Beste an dem Buch „Sterntagebücher” sind zwei Erzählungen, die im Original gar nicht zu den Sterntagebüchern gehören: „Doktor Diagoras” und „Professor A. Donda” (siehe u. a. hier).

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Über ausgesucht

…desillusioniert
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2 Antworten zu Buch 84 – Sterntagebücher

  1. lunochod schreibt:

    is ein feines büchlein!

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