Buch 85 – Bluff!

Cover_LuetzVor ein paar Tagen saß ich in einem Café und las, auf A. wartend, eine Handvoll Seiten aus Bluff! – Die Fälschung der Welt von Manfred Lütz. A. fragte, was ich da wohl lese. Ich zeigte das Büchlein und erklärte mit einem Hinweis auf den Bestseller-Aufkleber, daß mir wahrscheinlich ein Fehlgriff widerfahren sei. Die Schwarte war zwar als preisreduziertes Mängelexemplar billig zu bekommen, aber ich hätte Zweifel, ob der Kauf eines solchen Buches sinnvoll war, nein, ob das Buch sinnvoll sei.
Doch wahrscheinlich war ich viel zu skeptisch. Ein Buch mit einem Bestseller-Aufkleber, das von R. D. Precht als »EIN ERHELLENDES BUCH!« bezeichnet wird (die unsägliche Schreibung stammt von Precht höchstselbst): was kann daran schon falsch sein? Kurz gesagt – alles.
Seltsame Koinzidenz: bei der Auseinandersetzung mit einem der Bücher gerade jenes R. D. Prechts wuchs in mir die Vermutung, daß wohl wegen eines Fluches (→ hier) Seiten und Seiten vollgekritzelt und unters Volk gestreut werden müssen. So auch bei Lütz. Ab Seite 20 etwa ist klar, wohin der Hase läuft, aber der Autor drehorgelt und drehorgelt, bis der von Phrasen benebelte – und alles andere als erhellte – Leser kurz vor Seite 190 endlich das Folterinstrument beiseite legen kann.
Dabei ist der Einstieg so vielversprechend (Seite VII): »Fälschungen sind immer spektakulär. […] Was aber, wenn die ganze Welt eine Fälschung wäre? Wenn alles, was uns umgibt, absichtlich oder unabsichtlich eine einzige gigantische Täuschung wäre? Wenn wir in einer künstlichen Plastikwelt lebten, hinter der die eigentliche Wahrheit verborgen bleibt?« Von da geht es weiter zu Platon (Seite 11): »Platon erzählt in seiner ›Politeia‹ sein berühmtes Höhlengleichnis: Die Menschen sitzen in einer Höhle und sie gewahren an der Wand, auf die sie alle schauen, bewegte Szenen. Da sie festgebunden sind und sich niemals umdrehen, halten sie das, was sie da sehen, für die einzig wahre Welt, und es entgeht ihnen, dass das in Wirklichkeit nur Schattenbilder sind, die die wahre Welt nur höchst unzureichend ahnen lassen«. Allerdings verzichtet Lütz in der von ihm bemühten Formulierung auf einen wichtigen Punkt des Gleichnisses, nämlich daß es einem solchen Höhlenbewohner, wenn er sich befreien und die Wahrheit sehen könnte, vollkommen unmöglich wäre, diese Erkenntnisse den anderen Höhlenbewohnern verständlich zu machen. Es sei denn, Lütz habe die Wahrheit geschaut: in diesem Fall ist der Autor beredt genug, nur muß er dafür offenkundig, wie gesagt, seitenlang drehorgeln. Während bei Platon die „echte” Welt prinzipiell nicht erkennbar und deshalb zwar interpretier-, aber nicht verstehbar ist, handelt es sich bei Lütz um (Wahrnehmungs-)Störungen, die therapierbar sind. Aber nur durch ihn, alle anderen sind Scharlatane…
Da wird dann keck behauptet, die individuell erlebte Welt sei eine gefälschte. Ja, durch wen denn und mit welcher Absicht? Wann und wo wurde dem Autor die Wahrheit geoffenbart, deren jedes Abbild er als Fälschung definiert? Da wird der Begriff der „wirklichen Liebe” als Wahrheitskriterium postuliert, ohne auch nur ansatzweise anzudeuten, was der Autor darunter zu verstehen gedenkt. Doch was ein Leser als Höhlenbewohner als wirkliche Liebe empfindet, ist – da er noch nicht erleuchtet bzw. erhellt wurde – per se falsch/gefälscht. Da wird gedrehorgelt, man müsse aus den Kulissen der durch und durch gefälschten Welt ausbrechen, ohne auch nur ein Wort darüber zu verlieren, ob man überhaupt, auf diese Art aus dem Sozialverband bzw. der Gesellschaft ausgeschlossen, an Körper und Geist unbeschadet überleben kann.
Fehlt noch die Wertung: Wertung_1Skull

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Über ausgesucht

…desillusioniert
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8 Antworten zu Buch 85 – Bluff!

  1. lunochod schreibt:

    hab das buch mal geschenkt bekommen…und es nicht besonders weit geschafft…hat manchmal richtig weh getan beim lesen…

    • ausgesucht schreibt:

      *chchch* Da frage ich mich schon, ob Freund oder Feind das Geschenk machte… 😉
      Hättest Du mir mal lieber früher vom Wehtun geschrieben – das hätte zur Chrakterisierung des Büchleins wahrscheinlich viel besser getaugt als mein Geschreibsel. ^_^ 🙂

  2. Chantao schreibt:

    Ich, der ich mich mit dem
    Themenkreis von Zen, Tao, Buddhismus und jetzt wieder gelebtes und erfahrenes Christentum
    beschäftigte und als letzteres wieder beschäftige, ich darf mich froh schätzen, dass ich einen Kindle habe, wo ich zuerst eine Leseprobe anfordere, dann mir die Leserkommentare anschaue, natürlich zuerst die Negativen und dann erst die Positiven, und dann erst mein Innerstes befrage, ob ich das „Werk“ wirklich brauche, denn vorher, als es noch „Taoismus“ war, da brauchte ich einen Titel nur sehen und habe dann bei Bookbutler und Booklooker geschaut, wo’s ’s billig gab und aus dem Bauch heraus bestellt, um es oft kurz nach Erhalt wieder in das doch schon beträchtlich unter seiner Last ächzendende und selbstgefertigte Buchregal 1 massive Eiche zu verbannen; oftmals begegneten mir zur Zeit des noch nicht elektronischen Lesens bei Stöbern in eben jenem Regal Bücher, die ich gar nicht kannte, eben nur vom Cover her. Jetzt erscheint mir der Satz:

    Vor ein paar Tagen saß ich in einem Café und las, auf A. wartend, eine Handvoll Seiten aus Bluff! – Die Fälschung der Welt von Manfred Lütz.

    solcherart, dass der Verfasser wohlwissend, dass er schon weitaus länger im benannten Café sitzen wird, sich irgendein Exemplar mit Untertitel Bestseller vom Wühltisch gegrabscht hat, um die Zeit bis zum Eintreffen von A. zu überbrücken, oder ich hoffe es zumindest, dass es ein Mängelexemplar für 1 Euro fuffzig war, dass man dann auch guten Gewissens einfach im Lokal vergessen darf, kann …… 😉 😉 😉 😉 durfte.

    • ausgesucht schreibt:

      Es waren, wenn ich mich recht erinnere, 3 Euro Fuffzig. Allerdings kam ein schlichtes „Im Café”-Vergessen nicht einen Wimpernschlag lang in Frage: Ich möchte nicht wegen Volksverdummung mit dem Gesetz in Konflikt kommen… 🙂

  3. Chantao schreibt:

    Keine Ahnung, warum mir dieses gerade in den Sinn kommt, aber in Hamburg gab es mal eine Aktion in HVV-Bussen, da stand hinten so ein kleines Buchregal, wo man Bücher „ausleihen“ konnte, und in ebensolchen Bussen hätte man auch solch ein Buch liegen lassen können 😉 hahahaha

    • ausgesucht schreibt:

      Das konnte doch wohl nicht funktionieren!? Ist es nicht so, daß durch das Lesen Gedanken aus dem Buch herausgelesen werden, so daß nur labbrige ausgelutschte Seiten zwischen den Buchdeckeln zurückbleiben? ^_^ 😛

  4. Chantao schreibt:

    Ja, das wäre gut, denn dann würden Regal 1 massive Eiche selbstgebaut und Regal 2 Kiefer selbstgebaut nicht so durchhängen. Man ist ja Bücher-mäßig meistens ein Messi, was die pre-elektronische Lesezeit betrifft (Obwohl ich dereinst mir einen Ruck gegeben habe und skrupellos Bücher „die ich nie wieder lesen werde“ in den Papiermüll geworfen hatte; irgendein Papier- und Pappe-Sortierer wird sich schon ‚rausklauben, was er braucht, dachte ich bei mir). Aber alles geht halt ohne Herzblut nicht.

    • ausgesucht schreibt:

      Von wegen „durchhängen”: das erinnert mich an meine letzte Wohnung und an die Nachbarn, ein wirklich knuffiges Rentner-Ehepaar. Ich hatte in einem Zimmer noch Platz für ein Schrankteil. Die Lieferung erfolgte – in Abweichung zu jeder Terminabsprache – während meiner Abwesenheit. Und der Rentner-Papi meinte im Brustton der Überzeugung zu den Lieferanten: „Die Lieferung kann gar nicht stimmen; die Wohnung muß doch schon vollgestellt sein mit Bücherregalen…”. Was er nicht wußte, war, daß in der Breite das Regal sehr wohl noch Platz fand, nicht aber in der Tiefe. So war er völlig verstört, als wenige Minuten, nachdem der Schrank in die Wohnung gewuchtet war, heftiges Sägen aus meiner Wohnung erscholl… 🙂

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