H. Reker ↔ Frank S.

Soso, da hat also jemand mit einem Messer eine Kandidatin für die heute in Köln anstehende Oberbürgermeisterwahl angegriffen und bei der Attacke mehrere Menschen verletzt. Das ist im höchsten Maße zu verabscheuen. Aber halt, woher kommt der Superlativ in der Verabscheuung? Ist ein solcher nicht auch nur eine weitere Stimme im Chor der wie gleichgeschaltet tönenden Medien?
Auf der menschlichen Ebene ist diese Tat ohne jeden Zweifel verabscheuenswert. Man kann Fr. Reker und den übrigen Opfern nur baldige Genesung wünschen. Andererseits verfügt sie nun für die anstehende Wahl über unschätzbare Märtyrerpunkte. Aber wie ist die Messerattacke politisch zu werten? Paradoxerweise hängt es am seidenen Faden! Solche Bewertungen hängen rückblickend(!) immer davon ab, wer die Geschichte aufschreibt. Je nachdem, welche Kräfte sich letzten Endes durchsetzen, kann die Tat des Frank S. politisch gelobt oder verdammt werden. Vielleicht steht dereinst in den Annalen der Geschichte, daß da ein Zeichen gesetzt wurde, eine absurde Politik endlich zu ändern. Aller Wahrscheinlichkeit nach wird sich wohl eher die jetzt schon gebrauchte Diktion nicht mehr ändern: ausländerfeindlich & radikalisierend. Dogmatismus, Propaganda und moralische Parolen als Totschlagargumente, die eine politische Diskussion verhindern, da sie den Nimbus der selbsternannten Heiligkeit der Vertreter der Obrigkeitskaste ankratzen könnte. Wie soll man tauben Ohren anders predigen als durch Taten?
Der Unterschied zwischen Diktatur und Demokratie ist bedeutend kleiner als für gemeinhin angenommen: Demokratie ist die dem Schwerpunkt nach symbiotische Ausbeutung der Mehrheit durch eine Minderheit der Gesellschaft, Diktatur ist die dem Schwerpunkt nach schmarotzende Ausbeutung vieler durch wenige der Gesellschaft.

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Über ausgesucht

…desillusioniert
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23 Antworten zu H. Reker ↔ Frank S.

  1. lawgunsandfreedom schreibt:

    Da hatte ScienceFiles neulich eine Umfrage. Die Teilnehmenden waren der Meinung, daß wir eine totalitäre Regierungsform haben.
    http://sciencefiles.org/2015/10/05/autokratisch-republikanisch-oder-totalitaer-welche-regierungsform-gibt-es-in-deutschland/

  2. neuetraeumer schreibt:

    Demokratie ist die feinste Art des Zusammenlebens im Tierreich.
    Das Problem daran ist, dass nur das gemacht wird, was eine Mehrheit will. Was, wenn ich mit dieser Mehrheit nicht konform gehe?

    • ausgesucht schreibt:

      Kommt denn Demokratie außer bei den Menschen überhaupt im „normalen” Tierreich vor? Und im übrigen wird zwar Demokratie recht gern so ausgelegt, daß sie gefälligst jedem einzelnen seine Wunschträume und Sonderlöckchen zu erfüllen habe, meint aber nicht mehr als das Ideal der Volksherrschaft; aber auch in einer Staatsführung, die für die Mehrheit positiv zu Buche schlägt, hat der Einzelne durchaus Abstriche an seinen individuellen Zielvorstellungen hinzunehmen; soviel Kompromißbereitschft (und übrigens auch Toleranz) gehört schlichtweg zu dieser (abstrakten!) Staatsform.

    • lawgunsandfreedom schreibt:

      Demokratie im Tierreich? Ist mir noch nicht begegnet. Da gibt’s klare Hierarchien. Einer ist der Boss und alles andere spurt. Wenn der Boss nicht mehr taugt, dann fliegen die Fetzen – oder wenn ein jüngerer meint, er würde besser zum Boss taugen.

      Und Demokratie ist definiert als die Staatsform, in der zwar eine Mehrheit bestimmt, dabei aber so weit wie möglich Rücksicht auf Minderheiten nimmt. So weit die Theorie …

  3. Egotheist schreibt:

    Das Attentat erinnert an Kotzebue und Sand. Letzen Endes hat es nur die Karlsbader Beschlüsse gebracht. Politischer Mord, auch wenn er bloß versucht ist, ist in solchen Fällen niemals gerechtfertigt.

    • Egotheist schreibt:

      Ach, noch was anderes: Reker war ohnehin die Favoritin gewesen, insofern werden die Ergebnisse nicht allzu sehr verfälscht.

      • ausgesucht schreibt:

        Nanu, wo kommt denn so plötzlich der Begriff „[Wahl]Ergebnisse verfälschen” her?

        • Egotheist schreibt:

          Ich wollte dir keine Worte in den Mund legen.

          „Politikwissenschaftler Ulrich von Alemann glaubt, dass der Angriff auf Reker Einfluss auf das Wahlergebnis haben kann. „Sie wird wohl einen tragischen Bonus bekommen“, sagte der Professor der Düsseldorfer Heinrich-Heine-Universität im Westdeutschen Rundfunk. Allerdings sei Reker ohnehin die Favoritin gewesen, sodass die Wahl in ihrem Ausgang wohl nicht entscheidend verfälscht werde.“
          – in: Die Welt, „Köln: Fremdenhass Motiv für Angriff gegen Henriette Reker“ am 17.10.2015

    • ausgesucht schreibt:

      … ist ein solches Moralkonzept, daß politischer Mord niemals gerechtfertigt sei, nicht ein bißchen „verklemmt”? Warum feiern wir noch immer den politischen Mord(versuch) eines Grafen Schenk von Stauffenberg?

      • Egotheist schreibt:

        „in solchen Fällen“
        Henriette Reker hat nicht ein Land unterdrückt, ein Gruppe, ein Volk oder Mitglieder einer Religionsgemeinschaft ermorden lassen, keinen Krieg geführt… diese Liste kann man noch länger fortsetzen. Den politischen Mordversuch Stauffenbergs heiße ich gut, aufgrund eines utilitaristischen Arguments. In solchen Fällen ist es durchaus berechtigt, einen politischen Mord zu planen.

        • ausgesucht schreibt:

          Wer ist wohl die Autorität, die „kraft ihrer Wassersuppe” salomonisch entscheidet, ob „ein solcher Fall” vorliegt?
          Im übrigen sollte der Fall Stauffenberg sehr sorgfältig geprüft werden, ehe ihm die Gloriole „eines utilitaristischen Arguments” verhängt wird: Was wäre, wenn der alteingesessene Adel es einfach dicke hatte, daß einer, der es mühsam zum Gefreiten gebracht hatte, im ureigenen Gebiet derer herumpfuschte, die in der Historie „schon immer” für Militärfragen zuständig waren?

          • Egotheist schreibt:

            Keine Autorität. Die braucht es auch gar nicht. Es ist lediglich meine persönliche moralische Einschätzung.
            Nun, das Gutheißen des versuchten Attentats funktioniert natürlich nur unter der Annahme, dass Stauffenberg tatsächlich utilitaristisch gedacht hat, oder zumindest dem totalitären Regime ein Ende setzen wollte, oder eben ähnliche Argumente.

  4. Chantao schreibt:

    die jetzt schon gebrauchte Diktion nicht mehr ändern: ausländerfeindlich & radikalisierend. Dogmatismus, Propaganda und moralische Parolen als Totschlagargumente,

    und alles ist medial in einer sensationsgeilen Medienlandschaft. Ich selbst ertappe mich nur noch selten, dass ich etwas über Flüchtlinge im TV sehe oder im Internet nachlese; was mich eben findet, im TV, schaue ich mir kurz an und gehe zum Tagesgeschehen über. Meine liebe Ehefrau, die „wahrscheinlich eine Krebserkrankung hat“ und meine direkte Reality nehmen mich mehr in Anspruch. Letztens habe ich mir auf dem Focus Online angeschaut, wie ein Afghane sich darüber beschwert, dass noch immer Flüchtlinge in Deutschland reingelassen werden und er deshalb Schlange stehen muss. Bevor ich mich da noch aufrege, dass Bittsteller darum fordern, dass ihre Kollegen nicht mehr ins Land dürfen oder, dass Bittsteller auch noch ihre Forderungen einklagen, klicke ich lieber das x rechts oben in der Ecke.

    • ausgesucht schreibt:

      O ja, das „× rechts oben in derr Ecke” ist schon verführerisch, aber dämpft sein extensiver Gebrauch nicht doch ein wenig die Stimmung in Blogistan? 🙂

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