Par­force­ritt am Morgen

Gibt es etwas Angenehmeres als einen inspirierenden Ritt am Morgen? Nein, an dieser Stelle lasse ich 1. Mose 1:28 nicht gelten: »Und Gott […] sprach zu ihnen: […] macht euch [die Erde] untertan und herrscht über […] alles Getier, das auf Erden kriecht«. Mein Ritt geschah auf Schusters Rappen, aber er war darum nicht weniger inspirierend.
Meine Gedanken drehten sich noch immer um den Artikel (siehe hier), in dem K. Popper seinen „großen Auftritt” in diesem Blog hatte. Was geschieht eigentlich, wenn man sein Falsifikationsprinzip auf sein Falsifikationsprinzip losläßt? Nun, für die „eiligen” Leser, die sich gern die restlichen Zeilen dieses Artikels ersparen möchten, sei die Antwort gleich hier genannt: praktisch nichts.
Und was hat dieses „praktisch nichts” nun – außer vielleicht eine Überschrift abzugeben – mit „par force” zu tun? Gemach, gemach! Zunächst einmal besagt das Falsifikationsprinzip nicht viel mehr, als daß eine Aussage, die ihrem Wesen nach nicht durch Erfahrungen wider­legbar ist, nicht zur „Welt der Erfahrungen” (bzw. der Empirie) zu zählen ist. Dieses Prinzip ist also nicht mehr und nicht weniger als eine Filtervorschrift, die Aussagen entweder mit dem Etikett ‚empirisch‘ oder mit dem Etikett ’nicht empirisch‘ zu versehen gestattet. Während die (dem Wesen nach) empirisch basierten Aussagen in der Praxis durch empirische Gegenbeispiele widerlegbar sind, sind es die anderen nur durch inhärente Widersprüche. Und nun die Frage: Ist das Falsifikationsprinzip seinerseits empirisch oder nicht-empirisch?
Wenn es nicht-empirisch wäre, würde es auf eine Definition, auf eine „Es sei…”-Setzung zurückgehen. Damit wäre das Falsifikationsprinzip selbst nicht falsifizierbar. Nimmt man es jedoch als empirisch an, genügte ein (freilich solides) Gegenbeispiel aus der Welt der Erfahrungen zur Falsifikation. Ein solches muß nicht erbracht werden, es muß nur prinzipiell möglich sein. Ist es gefunden, ist die empirische Aussage ‚falsch‘. Ist es nicht gefunden, ist die Aussage nicht etwa ‚wahr‘, sondern (lediglich) ’nicht widerlegt‘.
Und schon steht man vor einem Dilemma: als nicht-empirische Aussage läuft das Falsifikationsprinzip in einen logischen Widerspruch (ist also ungültig),  als empirische Aussage ist sie vielleicht wahr. Wäre sie sicher wahr, wäre sie nicht (mehr) falsifizierbar, müßte also abgelehnt werden. Bleibt also: das Falsifikationsprinzip ist empirisch, aber es ist unsicher, ob es wahr (bzw. gültig) ist.
Und was sollte nun der „wilde Ritt”? Das Nichts-Genaues-weiß-man-Nicht gilt vor dem Artikel ebenso wie nach dem Lesen desselben. Nicht ganz! Es ist nur noch eine Hürde zu nehmen, um ans Ziel zu gelangen: Der „nicht widerlegt”-Status empirischer Aussagen ist nämlich gleichbedeutend mit einer „ist praktikabel”-Qualität. Insofern stimmt das oben genannte „praktisch nichts” als Auskunft darüber, was sich am Falsifikationsprinzip durch das Anwenden des Falsifikationsprinzips ändert. Aber auf dem Weg dahin läßt sich erahnen, daß die Physik sehr wohl eine empirische Wissenschaft sein kann, während es ihre Kinder (z. B. Quantentheorie oder Kosmologie) wohl eher nicht sind.

Advertisements

Über ausgesucht

…desillusioniert
Dieser Beitrag wurde unter abstrakt, Erkennen, konkret, Wissen, Zweifel abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

19 Antworten zu Par­force­ritt am Morgen

  1. lawgunsandfreedom schreibt:

    Ha! Damit schlägt sich mein armes Hirn schon länger rum. Das Falsifikationsprinzip halte ich für ein gutes Werkzeug – vor allem, um Junk-Science von echter Wissenschaft zu trennen. Mehr als ein (meist nützliches) Werkzeug ist es nicht.

    Schon nicht einfach, wenn Wissenschaftsphilosophie auf harte Fakten stößt. Ersteres ist ja nicht so wirklich als „harte Wissenschaft“ (wie im MINT-Bereich) zu bezeichnen. Ob Popper bewusst war, daß sein Falsifikations-Ansatz nur eingeschränkt auf sich selbst anwendbar ist?

    Und Dein letzter Satz ist so schön, den klebe ich mir ins Poesiealbum ^_^

  2. Chantao schreibt:

    Puuh, Falsifikation ja false gibt’s ja auch in einer Fremdsprache und heißt falsch, denke ich mal, aber ich möchte das jetzt hier nicht verifizieren oder die Sprache recherchieren, irgendwie keinen Bock 😉 Wer sich durch die Falsifikation der Falsifikation durchgeackert hat, dem fehlen die Kräfte dazu, oder mir, der ich eine sehr niedrige Konzentrations-Schwelle habe, und es ist immer wieder eine Verbeugung vor Ausgesucht, dass ich hier im Blog fast alles durchlese.

    Empirisch heißt also auf Erfahrung basierend. Die Arge SGB2 hantiert ja oft auch mit Empirik, in dem sie sagen: „Die Alltagserfahrung zeigt, dass, wenn ein Paar in einer Wohnung wohnt, aber nicht verheiratet ist, dass das dann auch Geschlechtsgenossen sind, also zusammen po**n, sind also eheähnlich…“ Als ich den Fall von Sozial-Empirik mal hatte, fragte ich natürlich, und wenn jetzt zwei Männer in einer Bude hausen sind sie automatisch schwul. Ich fand das lustig, die Empirikerin auf der anderen Seite fand das nicht so lustique, die Empirique. Die finden es sowieso nie lustig, was sie selbst angerichtet haben, aber anderen in die Schuhe schieben mit ihrer Alltags- bzw. Lebenserfahrung behaupten sie öfters ja auch. Und Lebenserfahrung, dass ist wirklich schon sehr stark empirisch. Nur, dass unsereins harte Beweise vorlegen muss, wohingegen die Arge eine ganz halbseiden schimmernde Lebenserfahrung mitbringt, wo man sich fragt, wieso dieses Lebens untaugliche System so lange überleben konnte. Aber das ist wohl genauso, wie die Story mit dem Kriegsschiff, wo man nur Matrosen draufpackt, die Nichtschwimmer sind, weil, normaaal: Die verteidigen das Schiff so gut. Ja, so welche sind bei der Arge auch, die halten dieses Kacksystem was eigentlich lebenserfahrungsuntauglich ist am Leben, aber das ist jetzt eine ganz andere Geschichte, als die Überschrift dieses Blogbeitrages 🙂

    • ausgesucht schreibt:

      Da hast Du – mindestens! – zwei ganz verschiedene Themen angerissen. Zum einen hast Du vollkommen recht: es geht bei der Falsifikation um (logisch schlüssige, also konsistente) Regeln, wie Aussagen als falsch (bzw. unzutreffend) erkannt und folglich verworfen werden. Zum anderen kannst Du auf Lebenserfahrungen verweisen, die man lieber nicht gemacht haben möchte. Aber glaub‘ mir, was die Krämerseelen in irgendwelchen Ämtern abziehen, hat recht wenig mit Empirie zu tun – es ist Dogma pur. Und mit Dogmen hält man die Entfaltung eines gesunden Menschenverstandes sehr effizient in Grenzen. Aber, nur wird das kein „Trost” sein, das Wirken der amtlichen Dogmatik ist (für die hilflos ausgelieferten „Opfer”) pure Empirie… :/

  3. YDU schreibt:

    Diese Falsifikation, tja die Falsifikation, aber das hatten wir ja schon, daher machen wir einen Schritt weiter und befassen uns mit der falsifikativen Fallibilismusentwicklung der letzten Jahre, die aus Sicht der Wahrscheinlichkeitshypothesen faktisch inkommensurabel ist. Teilklassenverhältnis oder Dimensionsvergleich, das ist hier die Frage, die ich mir täglich während des Frühstücks stelle? Nun, wie so oft im Leben, fehlt mir einfach die Zeit und ich falsifisiere am nächsten Morgen weiter und komme zum Schluss, dass das Kaffeearoma in letzter Zeit ein wenig gelitten hat, was ich für schlichtweg unzumutbar befinde. Durch meinen persönlichen kritischen Empirismus … Ach was, jetzt sind wir soch wieder bei der Falsifikation gelandet, die mir an manchen Tagen schon auf den „Keks“ geht, daher lasse ich jetzt einfach bleiben und besorge mir eine neue Packung Kaffee! 😉

  4. hansarandt schreibt:

    Das Falsifikatiosprinzip ist natürlich nicht empirisch, sonst wäre es ja kein Prinzip.

    • ausgesucht schreibt:

      Tja, wie steht oben im Artikel geschrieben: „als nicht-empirische Aussage läuft das Falsifikationsprinzip in einen logischen Widerspruch (ist also ungültig), als empirische Aussage ist sie vielleicht [aber eben nicht sicher] wahr”? Machen denn inhärente Widersprüche eine Aussage (oder halt auch ein Prinzip) nicht wertlos?

      • hansarandt schreibt:

        Ich bin da ganz bei Hegel, der meint die inneren Widersprüche sind unvermeidlich und treiben das Denken in immer höhere Sphären in denen die Widersprüche aufgehoben werden können. Nur der Verstand denkt nach dem Muster des ausgeschlossenen Dritten, womit man ja bereits sehr weit kommt.

        • ausgesucht schreibt:

          … das ist ’ne Menge dran. Allerdings sträubt sich in mir Einiges bei dem Passus: „höhere Sphären, in denen die Widersprüche aufgehoben werden können”. Wie ist das? Wenn »innere Widersprüche unvermeidlich sind«, dann kann keine Sphäre – sei sie auch noch so hoch – sie „auflösen”. Tut sie es scheinbar doch, ist sie ein weltfremdes Konstrukt, also letztlich irrelevant.

          • hansarandt schreibt:

            Ich meine das im Sinne Hegels. Der Widerspruch wird nicht nur in dem Sinne aufgehoben, dass er nicht mehr besteht weil in höheren Sphären die Bodenhaftung verloren ging, sonder er wird auch aufgehoben in dem Sinn, dass er festgehalten wird, wie ein Gegenstand den man behalten und aufheben will. In einem dritten Schritt kann dann der Widerspruch und seine Aufhebung zusammen gedacht werden. Hegel nennt das die Negation der Negation.
            Nehmen wir den Grundwiderspruch zwischen Kapital und Arbeit. Die Arbeiter könnten jetzt das Kapital, d.h. die Produktionsmittel abschaffen oder die Kapitalisten könnten die Arbeiter alle einsperren und so versuchen den Widerspruch für sich zu entscheiden. Man sieht leicht, dass die Arbeiter ohne Produktionsmittel genauso wenig überleben können wie die Kapitalisten ohne Arbeiter. Auf einer höheren Ebene, dem Staat, könnte man sich auf die soziale Marktwirtschaft einigen, von der alle etwas hätten, ohne das eine oder das andere abschaffen zu müssen. Die Sache mit dem Kommunismus war keine wirklich gute Idee und es lag auch nicht nur an der schlechten Umsetzung.
            In der Naturwissenschaft ist es wahrscheinlich nicht so leicht möglich, ein ähnliches Beispiel zu finden. Das mit dem Kapital hinkt natürlich auch.
            Ich denke, das liegt daran, dass die Naturwissenschaft nach dem Modus der formalen Logik verfährt und das bedeutet, dem Satz vom ausgeschlossenen Dritten zu folgen. Ein Widerspruch lässt sich grundsätzlich nur in der einen oder anderen Richtung auflösen, entweder es ist der Fall oder es ist nicht der Fall. Hegel nennt das den Verstand.
            Aber ich denke, dass auch in den Naturwissenschaften nicht alle Systeme in diese einfachen Regeln passen. Das fängt an bei einfachen Wechselwirkungsphänomenen, die gerade deshalb funktionieren, weil sie ständig in ihr Gegenteil umschlagen, setzt sich fort im Welle/Teilchen Dualismus, in der Heisenbergschen Unschärferelation und in den Fraktalen der Chaostheorie.
            Warum sollte die Natur sich auch den Gesetzen der formalen Logik unterwerfen. Noch ist sie intelligenter und komplexer als jede Maschine, die das binäre Denken bis heute hervorgebracht hat. Gott sei Dank.

            • ausgesucht schreibt:

              Ach, dieses „Aufheben” mit seinen, ach, so unterschiedlichen Deutungen. Aufheben im Sinne von bewahren, Aufheben im Sinne von auf höheres Niveau heben, Aufheben im Sinne von überwinden. Wenn wirklich alle drei Deutungen, und wer weiß wieviel sonst noch, gültig sein sollen, bleibt außer einem ausnahmslos gültigen Gemeinplatz ja kaum noch Aussage übrig – das hat olle Hegel nun auch gerade nicht verdient, nicht wahr?

  5. hansarandt schreibt:

    Das absolut Allgemeine ist in der Tat ausnahmslos gültig und muss es auch sein. In der Naturwissenschaft geht es aber naturgemäß um das Besondere, das natürlich nicht ausnahmslos gültig sein kann und soll, oder?

    • ausgesucht schreibt:

      Geht es „in der Naturwissenschaft … um das Besondere” und das auch noch „naturgemäß”? Oder geht es vielmehr um das Allgemeine, dem man durch die Analyse des Besonderen beikommen möchte?

      Ganz nebenbei: über die Tücken einer solchen Vorgehensweise sind schon mehrfach Artikel in diesem Blog verfaßt worden. Beispiele:

      • hansarandt schreibt:

        Vielen Dank für den Hinweis, ich werde da gerne mal reinschauen. Nur soviel jetzt, das Allgemeine entsteht dadurch dass man von dem Besonderen vollständig abstrahiert. Das Besondere ist in der Tat auch schon eine Verallgemeinerung weil es von dem Einzelnen abstrahiert.
        Beispiel: Der einzelne Baum dort drüben hat die Besonderheit zur allgemeinen Kategorie der Eichen zu gehören.

ein Kommentar ist hier möglich:

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s