Gutmensch durch Verwechslung?

Nachdem „Gutmensch” ja nun offenkundig zum Unwort geworden ist (oder gemacht wurde oder sogar gemacht werden mußte?), stellt sich durchaus die Frage, ob nicht wohl eine Verwechslung vorliegt. Kants (* 22.04.1724, † 12.02.1804) Kategorischer Imperativ ist nämlich weder als ein genereller oder ein absolutistischer Imperativ noch in der Form gemeint: „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollest, dass sie ein allgemeines Gesetz sei”.
Zwei verschwindend kleine Variationen, aber ein großer Unterschied… :mrgreen:

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Über ausgesucht

…desillusioniert
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4 Antworten zu Gutmensch durch Verwechslung?

  1. Persy Lowis schreibt:

    Vielleicht kannst Du mir ja ein wenig auf die Sprünge helfen?

    Wenn ich dich richtig verstanden habe, dann beschreibt Kant’s Kategorischer Imperativ die Haltung welcher ein sogenannter Gutmensch innehaben könnte.

    Zeitgleich lese ich zwischen den Zeilen heraus, dass der von „mir“ bezeichnete Gutmensch einfach das darstellt, dass ich nicht vermag zu sein bzw. sein will.
    Verhält es sich mit dem Begriff Gutmensch also ähnlich, wie meiner Meinung nach mit dem Glück?
    Ich weiß, was ich habe, wie ich mich fühle, und das Gegenteil muss dann Glück sein? Eine fixe jedoch nicht greifbare und schon gar nicht erreichbare Idee?

    Gerade kommt mir folgendes:
    Sind wir nicht alle Gutmenschen? Denn eigentlich hat Kant seinen kategorischen Imperativ ja sehr allgemein formuliert. Zwar soll das Gesetz allgemeine Gültigkeit besitzen, es sagt jedoch nicht aus ob es diese Gültigkeit auch für die Allgemeinheit besitzen soll.
    In dem Moment, wo ich jemanden als Gutmensch bezeichne, bin dann nicht gerade ich jener Gutmensch, da ich zu wissen scheine, was gut ist.
    Da ich zu wissen scheine, was gut ist – ich auf Biegen und Brechen danach handle – bin dann nicht ich der Gutmensch?

    Gutmensch durch Verwechslung – Du hast mir da einen schönen Floh ins Ohr gesetzt 🙂

    • ausgesucht schreibt:

      Aber hallo! Da hast Du ja einen gewaltigen Kommentar „von der Kette” gelassen. Vielen Dank schon mal dafür.

      Die Themen, die Du anschneidest, die Fragen, die Du aufwirfst, können nicht nur einzelne Bücher, sondern gleich ganze Bibliotheken füllen. Das schaffen wir jetzt ganz bestimmt nicht auf die schnelle. Deshalb setze ich mal bei dem an, was mir der Kern der Kommentierung zu sein scheint. Es gibt keine (zumindest keine weit verbreitete bzw. anerkannte) Definition für ‚Gutmensch‘. Stattdessen gibt es Gejammer und Gezeter über unterstellte Eigenschaften des „Objekts”, nur nicht über das Objekt an sich. Die Vermessenheit, an dieser Stelle eine Definition anbieten zu wollen, besitze ich keinesfalls, möchte aber unterstreichen, daß ‚gute Menschen‘ und ‚Gutmenschen‘ – worauf auch immer sich das ‚gut‘ bezieht – völlig verschiedene Dinge sind, wenngleich es Überlappungen geben kann (nur werden diese wahrscheinlich nicht determiniert, sondern schier zufällig sein).
      Ich glaube sehr intensiv, daß der Begriff ‚Gutmensch‘ im positiven Sinn auf etwas Negatives hinweist. Positiv in dem Sinn, daß eine erkannte und benannte Gefahr bekämpft oder korrigiert werden kann (= „Gefahr erkannt, Gefahr gebannt”). Genauso intensiv glaube ich, daß es (mehrheitlich) eine infame Unterstellung ist, daß dieser Begriff hämisch oder ehrabschneidend ist. Diese „negative Bewertung” wird von denen durchs Dorf getrieben, die nicht die Spur eines Zweifels an sich herankommen lassen, ob das, was sie – mit sicherlich besten Absichten – tun, möglicherweise negative Auswirkungen haben könnte. Unter diesem Gesichtspunkt ist es dann schrecklich einfach, sich in der Ehre angegriffen zu bezeichnen und beleidigt zu sein und sich in einer (völlig absurden) Märtyrerrolle zu gefallen.
      Die eigenen Unzulänglichkeiten den anderen zum Vorwurf zu machen, das steht zweifelsohne im krassen Widerspruch zum kategorischen Imperativ von Kant. Mithin „beschreibt Kant’s Kategorischer Imperativ die Haltung, welcher ein sogenannter Gutmensch innehaben könnte,” gerade nicht. Und es geht nicht nur um die Überhöhung des (eigenen) Egos bei der gedanklichen Auseinandersetzung mit anderen, sondern eben auch um ganz handfeste Dinge: wenn ich als ‚guter Mensch‘ etwas Gutes tue, ist es im wesentlichen eine bilaterale Angelegenheit zwischen zwei Menschen – jemand braucht XYZ dringend, ich kann XYZ entbehren und spende deshalb bzw. gleiche einen konkreten Mißstand aus. Bei ‚Gutmenschen‘ dehnt sich die eine Seite der Gutes-tun-Beziehung weit über die Person des Gutmenschens aus: er nimmt seine Mitmenschen ins Obligo, um sein Gutsein auf Kosten der ungefragten Gesellschaft zu zelebrieren. Und auch das steht im direkten Widerspruch zum kategorischen Imperativ: könnte denn die Handlungsmaxime von X als verbindlich für die Allgemeinheit gelten, wenn die Handlungsmaxime von X auf die Maximen von Y1, Y2 … Yn einwirkt, ohne daß sie gefragt würden oder Vetorecht hätten?

      … im übrigen hatte ich den kategorischen Imperativ aus einem recht auffallenden Grund aufs Tapet gewuchtet: die Diskussion gerade im Dunstkreis von ‚gutes Tun‘ und ‚Gutmenschentum‘ wird nämlich erstaunlicherweise überwiegend kategorisch angegangen; damit ist jede Form der inhaltlichen Annäherung aber praktisch ausgeschlossen…

      • Persy Lowis schreibt:

        Entschuldige meinen jugendlichen Übermut. Ich habe gerade erst begonnen mich intellektuellen Erfahrungsflüssen auszusetzen bzw. ist die Phase der Abkehr vom elterlichen Haus und des damit einhergehenden Protests gegen alles wofür es stand nun endlich am abklingen.

        Ich denke ich habe deine Antwort verstanden, werde mich ihr im Laufe der Zeit und mit dem Zuwachs an Diskursfertigkeiten immer wieder aufs neue widmen.

        Was Du beschreibst habe ich das erste Mal bei einem Buddhisten namens Georg Fischer vernommen. Herr Fischer, seines Zeichens ein sehr belehrter Mann, antwortete mir auf meine Frage ob denn ein Kindersoldat ein „guter“ Mensch sein kann wie folgt:
        Jenes Kind, das in jungen Jahren gewaltsam seiner Familie entrissen wurde und stets Lob und Zuneigung für Greueltaten erhielt – wie kann es denn, ausgehend von der ihm innewohnenden Realität ein schlechter Mensch sein?
        Als Pädagoge und in so manchen Belangen Kindgebliebener weiß ich, wie Kinder sich ihren anfangs noch „leeren“ Geist befüllen und somit jeglicher Realität einen gar dogmatischen Anspruch verleihen können.

        Gerade befasse ich mich mit Marshall B. Rosenberg und der Gewaltfreien Kommunikation. Und was muss ich leider feststellen?
        Wir schaffen es in einer öffentlichen Debatte nicht individuelle Sozialisierung und dem Anschein nach irrelevante Beziehungen herauszuhalten. (A ist der Meinung, dass W gut ist, Z jedoch nicht. Da X näher an W liegt ist seiner Auffassung nach X gut und Y nicht. Weder nimmt sich A die Zeit seine Assoziationskette zu veranschaulichen noch tut es B, der von Z aufgezogen wurde. Auch er behauptet einfach Y sei gut und X eben nicht)

        • ausgesucht schreibt:

          Oh, wie kommst Du darauf, daß ich Anstoß genommen hätte an Deinem „jugendlichen Übermut”? Das ganze Gegenteil ist der Fall! Gibt es etwas Erfreulicheres als einen vor Leben sprühenden Hinweis darauf, daß es Sichtweisen gibt, die die eigenen Scheuklappen doch längst nicht (mehr) zulassen? 🙂

          Ach übrigens: Ist „gewaltfreie Kommunikation” – nun nicht gerade ein Oxymoron –, aber ist sie nicht eine Kontradiktion? Nicht aus semantischer Sicht, da passen ‚gewalt·frei‘ und das ‚co‘ aus dem ‚kommunizieren‘ ja bestens zusammen. Aber da Individuen(!) kommunizieren (weil sie es wollen oder müssen) und da der Sprachempfänger immer(!) etwas anderes hört, als der Sprechende gesagt hatte, ist da die Kommunikation nicht eher ein wechselseitiger Akt, das Gespräch so lange zu betreiben, bis eine Seite (= die ranghöhere) oder beide Seiten (= Idealfall des co·mmunizierens) den Eindruck gewinnt, die jeweils andere Seite sinngemäß instruiert zu haben? Ein solches ‚Instruieren‘ funktioniert aber nicht ohne Anstrengung (allgemeiner: nicht ohne Gewalt)…

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