je länger, desto anders

Kurze Sätze können längste Gedankenketten hervorrufen. [1 Satz, 6 Wörter, 49 Zeichen, 5 Leerzeichen]

Lange Sätze, meist aus der hingebungsvollen Liebe zur Sprache und mitunter aus ängstlicher Rückversicherungsmentalität geboren, umgarnen den je nach Anlaß Zuhörer oder im Normalfall doch verbindlicheren Leser, der im Alltag weitaus mehr und vor allem rigorosere Möglichkeiten der Konsumverweigerung als ein den Text nur Hörender besitzt und sich deshalb wohl gezielter als jener an den Text heranwagt, wobei auch das zärtlichste Umgarnen einer Gefangennahme gleichkommt oder doch zumindest einer beabsichtigten Einschränkung der Freiheit des Textkonsumenten, nämlich der gedanklichen Freiheit, indem der Textkonsument am „roten Faden” – sofern dieser noch vorhanden und auffindbar ist, sonst aus Empathie oder Mitleid diesen suchend – durch ein erst jüngst oder längst schon gewobenes Gedankennetz geführt oder manchmal auch geschleift wird, dessen Belastbarkeit kaum erwiesen oder gar ärgsten Zweifeln unterworfen ist, das Ideen, die eher aufgeschnappt als unter geistig durchaus anstrengenden wie lustvollen Aktivitäten geboren wurden, als Eigentum gleichermaßen argwöhnisch zusammenhält und zugleich, um den eigenen Nimbus als Hüter geistiger Schätze erstrahlen zu lassen, mit keckem Stolz der Öffentlichkeit zur Huldigung darlegt. [1 Satz, 164 Wörter, 1064 Zeichen, 165 Leerzeichen]

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Über ausgesucht

…desillusioniert
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17 Antworten zu je länger, desto anders

  1. SackingBob74 schreibt:

    Tatsächlich führte der lange Satz dazu, dass ich ihn nicht las. 😉

    • ausgesucht schreibt:

      … und dabei nuschelt der allwissende Volksmund etwas von: „Lange Reden verkürzen den Tag”. 😉
      Und nuscheln wird er wohl deshalb, weil er schon recht alt (und zahnlos?) ist… 🙂

  2. wol schreibt:

    Das war aber eine Fleißarbeit! Mir gefallen manchmal auch weniger gut formulierte Aussagen, die evtl. noch provokant daherkommen. Schön ist oft auch, wenn nicht alles bis ins kleinste Detail abgesichert ist.

    • ausgesucht schreibt:

      … und das wäre dann der Königsweg: wenige verbale Anreize anbieten, dann aber den Gesprächspartner rüstig in neue geistige Gefielde ausschreiten lassen (etwa so). 😉

  3. lawgunsandfreedom schreibt:

    Nice! 🙂

    Erinnert mich an meine ersten Versuche, ein Buch mit dem Titel „Der abenteuerliche Simplizissimus“ zu lesen. Da gingen manche Sätze über 2-3 Seiten und waren kunstvoll verschachtelt.

    Ach ja: Warum ist „Abkürzung“ so ein langes Wort?

    • ausgesucht schreibt:

      In der Tat: “Der abenteuerliche Simplizissimus” ist – ganz speziell für unsere heutigen(!) Lesegewohnheiten – gar nicht so leicht zu knacken. Doch lohnt es sich wirklich, Du hast das entscheidende Stichwort ja genannt, sich auf das kunstvolle Werk einzulassen…

      Und vielleicht ist ‚Abkürzung‘ deshalb ein so langes Wort, weil es vor dem Nehmen derselben meistenteils ein langwieriger Prozeß ist, sich für diesen Weg zu entscheiden (Vor- und Nachteile sind abzuwägen, Alternativen zu bewerten, Kollateraleffekte abzuschätzen etc. pp). 😉

      • lawgunsandfreedom schreibt:

        Vom Simplizissimus soll es jetzt ja eine Ausgabe geben, die an heutige Lesegewohnheiten angepasst wurde. Vielleicht sollte ich mal mit der Version anfangen, bevor ich wieder versuche, mich durch’s Original zu kämpfen.

        • ausgesucht schreibt:

          … „eine Ausgabe […], die an heutige Lesegewohnheiten angepasst wurde”?! Warum eigentlich nicht? Warum soll man „Am Brunnen vor dem Tore” (also den „Lindenbaum”) nicht mal modernisieren, also beispielsweise die Melodie von „Alle meine Entchen” und den Text von „Jetzt fahr’n wir übern See” nehmen und alles hübsch eingängig arrangieren, um so einfacher Zugang zum „Lindenbaum” zu erlangen? 😉

          • lawgunsandfreedom schreibt:

            Ich fürchte, so was gibt’s schon. Übrigens: sämtliche Behördenwebseiten haben einen Button für „Einfache Sprache“.

            Ich treffe kaum noch jemanden, der noch Texte über 140 Zeichen am Stück lesen kann …

            • ausgesucht schreibt:

              Stimmt ja, ich habe ja noch „Hausaufgaben” zu erledigen: Als mir neulich so ein „Einfache Sprache”-Knöpfchen auffiel, kam ich nicht zum Ausprobieren, weil ich etwas in Zeitnot war – da habe ich nun wirklich dringendst etwas nachzuholen. Schon damals schoß mir die Frage durch den Kopf, warum man auf derartigen Seiten unentwirrbarstes Behördenchinesisch babbelt, wenn es doch offenbar einen Weg zu geben scheint, vergleichbaren(!?) Inhalt sprachlich auch einfacher darzulegen…

              BTW: Ist Dir bewußt, daß in Deinem Kommentartext das 140-Zeichen-Kontingent genau in der Mitte von ‚üb·er‘ erreicht ist? Und da sind gnädigerweise die Leerzeichen nicht mitgezählt. 😉

  4. grubenmaedchen schreibt:

    Es hat mir Spaß gemacht, deinen Beitrag zu lesen. Das Sahnehäubchen obendrauf waren für mich die Kommentare darunter! 🙂
    Danke!

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