Internet vs. Meinungspluralismus

Das Internet und die Zwitschermedien stehen im Ruf, Meinungspluralismus per se zu verkörpern (und damit Bausteine der Demokratie zu sein). Zumindest wird dieser Maßstab an eine Gesellschaft gelegt, die nicht als diktatorisch dazustehen gedenkt.
Im Prinzip kann jeder alles sagen. Kann es denn mehr Vielfalt geben?

In Blogistan finden sich sowohl Blogger, die auf einem Account eklektizistisch beliebige viele (selbstverständlich auch widersprüchliche) Meinungen publizieren, also auch solche, die ihre Meinung(en) auf mehreren unterschiedlichen Accounts veröffentlichen. Letztlich lassen sich mehr Meinungen zählen, als es die sie vertretenden Personen gibt. Apropos ‚vertreten‘: Wie werden heutzutage denn eigentlich Positionen vertreten? Gibt es überhaupt noch die stringente Entwicklung publizierenswerter Gedanken? Müßten für dieses Ansinnen nicht die Regeln der Logik, der Rhetorik und dergleichen mehr gekannt und angewandt bzw. wiedererkannt werden? Ach was, viel zu mühsam! Ist es nicht deutlich einfacher, beliebige Sätze (falls diese syntaktische Qualität überhaupt erreicht wird) einfach nur fallenzulassen? Und wenn man auf Nummer Sicher geht, wird ein ähnlich klingender Satz aus den Tiefen des www gefischt und als „Beweis” angefügt. Und wenn zwei das gleiche schreiben, muß es ja wahr sein – die Lawine beginnt zu rollen: aus Vielfalt wird Einfalt.
Das Internet und die Zwitschermedien sind ein Sammelbecken von Nichtigkeiten und selbstreferentiellen Behauptungen. Das mag man als Meinungsvielfalt ansehen, aber es ist lediglich eine formale. Sie ist weitgehend wertlos, weil die vielen, vielen Meinungs-„Meme” mehrheitlich nicht unabhängig sind. Sie ist aber trotz der unabhängigen Meinungen, die sich in Internet und den Zwitschermedien durchaus finden lassen und die zudem noch fundiert sind, weitgehend wertlos, weil es praktisch keinen Weg gibt, sie gezielt anzusteuern. Wie bei einem Schiffbrüchigen, der mit jeder Insel, die er irgendwie erreichen kann, vorliebnimmt, ohne das lebensrettende Eiland vorher einer wissenschaftlichen Analyse zu unterwerfen, kann die (verzweifelte) Suche nach unabhängigen, fundierten Meinungen nicht den gesamten Ozean (sprich das gesamte www) umfassen. Ob man verweilt oder weitersucht, hängt sicherlich auch davon ab, ob man sich heimisch fühlt oder eher nicht. Solche Bewertungen sind aber subjektiv; die Suche wird tendenziell beendet, wenn das subjektive Bewertungsschema befriedigt und selten(st), wenn der Beweis für die Unabhängigkeit einer Meinung erbracht ist.

Durch die unüberschaubare Anzahl von Meinungen, die nicht fundiert oder nicht unabhängig sind, fehlt der direkte Weg hin zu Meinungen, die fundiert und unabhängig sind. Die Wahrscheinlichkeit, solche nicht einfältigen Meinungen zu finden, ist gering. Die Wahrschein­lichkeit kann zwar erhöht werden, indem sich einschlägig Interessierte den Weg zu den fundierten Meinungen gegenseitig „zeigen” (›ich schick‘ dir mal ’nen Link‹ oder re-blog), aber der Preis dafür ist eine Verringerung des Meinungspluralismus‘.
Kurz: Internet und Zwitschermedien stehen diametral zu einer Vielfalt fundierter und unabhängiger Meinungen und damit zum Meinungspluralismus. Dieser hat nicht nur den „diktatorischen Aspekt” (= Begrenzung durch äußere Gewalt), sondern auch endogene Aspekte (= Freiheitsgrade/Bindungen).

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18 Antworten zu Internet vs. Meinungspluralismus

  1. lawgunsandfreedom schreibt:

    Ich weiß nicht, was Du hast. Jede Meinung ist möglich und richtig, wenn sie politisch korrekt ist und der herrschenden Meinung der moralischen Majorität und lauten Minoritäten entspricht. Alles andere ist keine Meinung, sondern abscheulich. :mrgreen:

    • ausgesucht schreibt:

      … und gerade unter den „abscheulichen Äußerungen” finden sich die meisten Meinungen(!) die von höherem Interesse sind. Die „Meinungen”, wie Du sie majo- und minoritisch definiert hast, sind zwar auch interessant, allerdings höchstens im Sinne von Sozialstudien. ^_^

      • lawgunsandfreedom schreibt:

        Da kann ich nur vollsten Herzens zustimmen. ^_^

        Deshalb sind diese Meinungen den Meinungsmachern so unangenehm, daß sie sie verbieten wollen – weil damit ihre eingebildete Meinungshoheit und Pseudo-Expertise angegriffen werden.

        • ausgesucht schreibt:

          Das Thema „verbieten von fundierten unabhängigen Meinungen” hatten wir bereits: ist aber in meinen Augen „finsterstes Mittelalter”. ^_^
          Qua Spieltheorie, Psychologie, Soziologie kann Meinungsdiktatur heutzutage sehr subtil und viel, viel, viiiiiiiiiiiiiiel effizienter stattfinden als durch brachiales Verbieten…

  2. YDU schreibt:

    Die Linkschickerei klingt gut, aber damit ist die Unabhängigkeit automatisch auch dahin. Wenn ich daran denke, was alles als fundiert vertickt wird, dann wird es erst recht schwierig, da man sich vor lauter Meinungen gar keine Meinung mehr bilden kann …

    • ausgesucht schreibt:

      Ja, vielleicht hätte ich es so sagen sollen? ^_^

    • lawgunsandfreedom schreibt:

      Es bleibt nichts anderes mehr übrig als alles selbst nachzuprüfen. Das schafft man natürlich nicht bei allen Themen, aber doch bei vielen wichtigen. Da bildet sich mit der Zeit ein Muster raus, wem und welchen Infos man trauen kann, und welchen nicht. Man wird bisweilen trotzdem falsch liegen … aber damit muß man halt leben.

      Schade nur, daß wir Menschen „Geschichtenerzähler“ sind und Geschichten werden gerne blind geglaubt. Vor allem, wenn man sie mit irgendwelchen eindrucksvoll klingenden „Zahlen“ und „Fakten“ unterfüttert oder ordentlich Emotionen reinpackt.

      Ich hätte ja gerne in der Schule ein Jahr lang nur Statistik und wissenschaftliche Methodik als Pflichtfach eingeführt um den Schülern beizubringen, was es für einen Spaß machen kann, Infos sachlich und methodisch korrekt zu zerpflücken. (Das dürfte eine Horrorvorstellung für Politiker, Pseudo-Wissenschaftler, Journalisten und Philosophen sein).

      • ausgesucht schreibt:

        … laßt Euch bitte in Eurem Dialog nicht stören, aber der letztgenannte Satz (der in Klammern) findet meinen ungeteilten Applaus! Bravo!! Genau deshalb, weil die Politiker-Darsteller den mündigen, also auch klugen, analytischen Bürger fürchten (wenngleich sie pausenlos vom „mündigen Bürger” schwätzen), werden sie einen Teufel tun, den Bürger tatsächlich zu einem mündigen zu machen. 😦

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