[WdW] gefälschte Erinnerungen

Ich bin außer mir! Da leiste ich mir nach monatelanger Abstinenz endlich mal einen Luxusartikel – nein, kein Blogartikel; die konnte ich noch nie mit dem Glamour des Luxeriösen umgeben! – und nicht nur einen Luxusartikel (= Gegenstand mit einem absurden Kosten-Nutzen-Verhältnis), sondern auch noch ein Druckerzeugnis – nein, kein Buch; das gibt das Budget schon lange nicht mehr her! –, um einmal mehr festzustellen, daß Blendwerk nicht sättigt. Dabei hätte ich doch längst wissen müssen (siehe hier oder hier), daß so manche Zeitschrift den Wissendurst nicht stillen kann…
Aber so ist das wohl mit der Erinnerung: sie ist oftmals unzuverlässig und trügerisch. Womit ich ja – apropos ‚Erinnerung‘ – auch schon beim Thema wäre.WW_2016_03 Reißerische Ankündigung eines Artikels (Seiten 62 bis 67): »Gehirnforscher behaupten: Mehr als 50% unserer Erinnerungen sind gefälscht!« Ganz nebenbei würde mich schon mal interessieren, warum mich diese marktschreierische Art an eine Zeitung erinnert, deren Name mit „Bi” beginnt und mit „ld” endet und ein bißchen nach „blöd” klingt.
Gehirnforscher also. Aber warum basiert der Artikel  auf den Aussagen zweier Psychologen? Über diese wird auf Seite 64 geschrieben: »[… es] gelang Julia Shaw (Universität of Bedfordshire) und Stephen Porter (University of British Columbia), in einem Experiment die Erinnerungen von 71 Prozent der Teilnehmer zu fälschen«. Hat hier jemand die deutsche Sprache mißbraucht (ja, Unwissenheit schützt vor Straftat nicht, oder wie das Sprüchlein geht) oder ist es wirklich an dem, daß in einem Experiment (Singular!?) die Erinnerungen (also alle!?) gefälscht wurden? Oder ist es womöglich so, daß in einer Serie von Experimenten versucht wurde, an der Erinnerung der Probanden Manipulationen vorzunehmen, wobei der Erfolg der Manipulation (offenbar 71 %) daran gemessen wurde, ob einzelne (neue oder gezielt veränderte) Aussagen aus der Erinnerung abrufbar waren? Es ist allerdings nicht zu erfahren, ob die „Erfolgsquote” mit einer gewissen Bereitschaft korreliert, sich geistig zu unterwerfen oder zumindest auszuliefern, wie auch Hypnose eine gewisse Bereitschaft sich hypnotisieren zu lassen erfordert.
Und dann kommt die „wissenschaftliche Fundierung”: »[…] im Hirnscan sehen echte und falsche Erinnerungen gleich aus« (S. 64). Aha! Weil im Haus nur eine Küche mit einer Kochstelle vorhanden ist, kann Gekochtes von Gebratenem nicht unterschieden werden! Hirnscans stellen fest, in welchen Regionen erhöhter Stoffwechsel stattfindet, also wo es gewissermaßen heiß hergeht. Sie sind aber um Größenordnungen zu ungenau, um zu erkennen, ob auf der linken oder der rechten Herdplatte eine Idee am Kochen ist (siehe hier).
Und weiter auf Seite 64: »Doch damit nicht genug: „Jedes Mal, wenn wir einen Gedächtnisinhalt hervorholen, verändern wir ihn wieder […]”«. Aber keine Aussage darüber, ob diese Art der Kreativität eines der Charakteristika ist, die den Menschen zum Menschen machen. Wenn dem nämlich so ist, geht es eher nicht um Fälschung, sondern möglicherweise um eine Flexibilität (des Un- oder des Unterbewußten) die die Erfolgsstory des evolutionären Experimentes, Mensch genannt, überhaupt erst ermöglicht.
Es ist, so läßt sich zumindest aus dem Artikel herauslesen, allerhöchstens gezeigt, daß sich in die Erinnerung einzelne Versatzstücke einpflanzen lassen, die objektiv keinen Bestand haben. Aber es ist nicht zu erfahren, wie beständig diese oktroyierten Versatzstücke sind. Das Vernetzen von Neuronen ist ein recht dynamischer Prozeß. Mit einem gewissen Aufwand lassen sich stabile Neurostränge „freischalten”. Die Befragungstechniken der Inquisition, die heutzutage – wenn man den Ausführungen auf Seite 66 Glauben schenken darf – in den USA noch immer (wenngleich ein wenig modifiziert) praktiziert werden, haben in diesem Zusammenhang einige Leistungen erbracht. Allerdings werden Neurostränge auch rekombiniert, wenn sie nicht mehr regelmäßig „durchlaufen” werden. Wieviel erinnert man nach Jahren und reichlich neuen Erfahrungen von den „gespeicherten” Einzelerinnerungen (auch von den falschen), die nicht zum Gros der permanent revitalisierten Erinnerungen (nämlich den Erfahrungen) passen?
Es wäre langweilig, alle Punkte aufzulisten, bei denen sich Tücke hinter Hochglanz versteckt. Ein Aspekt ist aber vielleicht dennoch erwähnenswert, weil er keine Erwähnung findet. Nämlich die philosophische Sicht. Das Falsche wird immer wieder genannt: »Könnte nicht unsere gesamte Identität aus weit mehr falschen Erinnerungen bestehen, als wir ansatzweise für möglich halten?”« (Seite 64). Falsch!? Höchstens im Sinne einer wertenden Entität außerhalb eines jeden Menschen – also falsch im Sinne Gottes. Welchen Gottes?

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Über ausgesucht

…desillusioniert
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18 Antworten zu [WdW] gefälschte Erinnerungen

  1. Chantao schreibt:

    Ich sag‘ dazu nur soviel, dass auch ich mir unlängst am Wegesrand ein Heft mit dem Inhalt „Psychologie“ erstand, weil ich auf einer halb-3/4-stündigen Wartezeit auf der Bank vor dem Supermarkt entgegenschaute … Das Heft erwirkte keine große Erinnerung an sich selbst, als ich es dann auf eben jener Bank vergaß …

    • ausgesucht schreibt:

      … und genau das war das Raffinierte: nicht die Erinnerung an das Heftchen oder einen Artikel daraus war wichtig, sondern die Erinnerung an die Bank, den Supermarkt, die Umstände und die Erinnerung – am wichtigsten vielleicht – an Dich selbst als agierendes Subjekt. Kann es Größeres für einen Verleger von Gedrucktem geben? 🙂

      • Chantao schreibt:

        Ja, selbst meine quasi-tao-philosophische Denke hat sich zurückgehalten, ja ich denke noch gerne an jene Bank zurück. Oft habe ich dort nur gesessen um achtsam zu meditieren, und ob ich dieses tat oder in dem Heft gelesen habe, der Effekt war derselbe.

        • ausgesucht schreibt:

          Siehst Du, genau das war meine Vermutung, was die Achtsamkeit angeht. Aber ist es erwiesen, daß der Effekt mit oder ohne Heft derselbe wäre? 😕

  2. lawgunsandfreedom schreibt:

    Diese „populärwissenschaftlichen“ Magazine lasse ich im Regal stehen, seitdem ich eine ähnliche Erfahrung wie Du gemacht habe. Früher waren „Spektrum der Wissenschaft“ und „Bild der Wissenschaft“ halbwegs erträglich, aber auch die haben ganz schön nachgelassen.

    • ausgesucht schreibt:

      Au ja, leider ist es so. Und dann wundern sich die Zeitschriftenverlage, daß die Auflagen beständig sinken! Ich bin allerdings nicht so recht davon überzeugt, daß das hauptsächlich – wie es immer wieder behauptet wird – an der online-Konkurrenz liegt, sondern ganz gehörig auch an der schwindenden Qualität… :/

      • lawgunsandfreedom schreibt:

        Bei populärwissenschaftlichen Magazinen ist es hauptsächlich die mangelnde Qualität – bei den Mainstreammedien dürfte ein wichtiger Punkt sein, daß sich die Leser nicht von besserwissenden Journalisten deren einseitige Meinung reindrücken lassen wollen.

        • ausgesucht schreibt:

          Du scheinst ein Optimist vom Grunde auf zu sein! Andererseits möchte ich bei den Mainstream-Lesern recht gern Sheldon Cooper (TBBT) zitieren: „Angesichts Deiner Schulbildung stelle mir soviele Fragen wie möglich”. 😛

          • lawgunsandfreedom schreibt:

            Wenn ich mir die immer spärlicher werdenden Kommentarspalten unter so manchen Mainstream-Artikeln ansehe, dann habe ich den Eindruck, daß etliche Leser gar nicht so doof sind, wie wie man gerne annimmt. Leider wird immer mehr zensiert, aber früher™ kam da häufig auch mal sehr fundierte Kritik zum Artikelinhalt und auch zum Standpunkt des Journalisten.

            Neulich habe ich eine Grafik gesehen, die 80% der Journalisten im rot-grünen mittelständischen Lager verortet. Die Artikel und die Meinungen sind entsprechend gefärbt und dieser belehrende Ton („das ist die Realität, wie wir sie beschrieben haben und wie sie ist/sein sollte“) geht immer mehr Leuten auf die Nerven.

            • ausgesucht schreibt:

              Ach, von „doof” ist doch gar keine Rede! Aber auch intellektuelle Klugheit (im Gegensatz zur Lebensklugheit oder auch Bauernschläue) kann verführt werden. Wahrscheinlich sogar viel einfacher (wenngleich auf einem ganz anderen Kanal) als eine „naive” Weltsicht (wobei naiv nicht dumm heißt, sondern nicht von Lehrsätzen polarisiert oder sogar paralysiert, sondern unbefangen).

              Was die 80% „rot-grünen oder mittelständigen” Journalisten angeht, würde ich zum einen gern wissen, in wessen Auftrag diese „Studie” entstanden (also ob sie überhaupt verläßlich) ist, und zum anderen, wie der Ursache-Wirkungsmechanismus im Detail aussieht. Ist die Leserschaft „rot-grün mittelständig” und die Printmedien bedienen – Quote ist alles! – diese Klientel oder ist die Leserschaft erst so geworden, weil ihr Brägen von einer überwiegenden „rot-grün mittelständigen”-Journaille penetriert wurde? Zumindest für letzteres spricht der allzu häufig anzutreffende nervige Oberlehrerton, der in den Mainstream-Medien angeschlagen wird.

              • lawgunsandfreedom schreibt:

                Daß man grade die Interlecktölen mit geschickten Rationalisierungen gut verführen kann, habe ich ja am eigenen Leib erlebt. Bis ich angefangen habe alles in Zweifel zu ziehen 😉

                Was die Studie über die links-grün-mittelständischen Journalisten angeht, das war eine Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung. Und mea culpa es sind keine 80% sondern etwas über 60%. Der Rest verteilt sich über andere Parteien:
                http://blog.ronniegrob.com/2011/02/07/die-politisch-ach-so-neutralen-journalisten/

              • ausgesucht schreibt:

                Die Friedrich-Ebert-Stiftung also, die sollte wohl über kleinlichen Zweifeleien und/oder Anfeindungen stehen, nicht wahr? Wobei ich mich allen Ernstes frage, wie man politische Orientierung mißt. Also ich könnte mir vorstellen, daß mich ein Bewertungsalgorithmus, mich ganz bescheiden als Beispiel nehmend, punktgenau und trennscharf link-mitte-rechts-radikal-sozial-anarchistisch-demokratisch-national taxieren könnte… 😛

              • lawgunsandfreedom schreibt:

                Umfragen von Stiftungen sind genau so verlogen, wie die von Umfrageinstituten. Eine echte wissenschaftliche Studie hätte ich auch lieber.

                Und seit wann könnte man Dich in ein Raster pressen? Links/Rechts konnte man vielleicht noch in den 70/80ern einigermaßen als Positionierung verwenden. Inzwischen braucht man dazu noch Autoritär/Freiheitlich als zusätzlichen Bezugspunkt. Etwa so wie hier:
                http://www.politicalcompass.org
                Allerdings stoßen mir etliche Formulierungen im Fragenkatalog sauer auf. Das ist zu simpel und oberflächlich. Aber die Idee, eine zusätzliche Bewertungsdimension hinzuzufügen finde ich gut.

              • ausgesucht schreibt:

                Du hast vollkommen recht, die Fragen sind einigermaßen grobschlächtig. ^_^

                Aber immerhin scheint sich meine schon erwähnte politische „Wischi-Waschi”-Ausrichtung im Testergebnis wiederzufinden: PoliticalCompass
                Oder sollte ich mir jetzt Sorgen machen, daß ich irgendwie das politische Spiegelbild(!) eines Mitteldings aus Hitler und Friedman bin?? ❓

              • lawgunsandfreedom schreibt:

                Wenn Du Deinen roten Punkt noch eine Position nach rechts und dann kräftig Richtung Libertarian/Anarchie schiebst, dann hast Du mein Ergebnis ^_^

                Aber warum solltest Du Dir Sorgen wegen eines imaginären Spiegelbildes machen? Alice hinter den Spiegeln? 😀

              • ausgesucht schreibt:

                Alice hinter den Spiegeln??? Das gefällt mir! 🙂

                Aber ist es nicht so, daß sich nur die (richtig) Schönen Sorgen vor ihrem Spiegelbild machen müssen – Schönheit ist nun einmal vergänglich. Die vollendete Häßlichkeit stört sich an keinem Spiegel. Und bezüglich dieser beiden Extrema liegt mein roter Punkt etwa „mitte-rechts”. Fragt sich nur, ob der „rechts”-Anteil sich auf vor oder hinter den Spiegeln bezieht… ^_^

              • lawgunsandfreedom schreibt:

                Schöne Sorgen? Die möchte ich auch gerne mal haben. So nach dem Motto: „Was fange ich jetzt mit den 16 Millionen Lottogewinn an?“ 🙂

              • ausgesucht schreibt:

                Ist schon so: nicht nur Geld und Wohlstand sind ungerecht verteilt, sondern auch die Sorgen. Wie sagte Otto seinerzeit so schön? Er tröstete dereinst einen Millionär, der sich für den unglücklichsten Mann der Welt hielt, weil ihm der Rasierpinsel ins Klo gefallen war: was soll das Gejammer, es gibt doch viele Menschen, die haben noch nicht einmal einen Bart. … Naja, meine Vermieterin zählt zumindest nicht dazu. ^_^

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