Narrenhagen.019

Nachher gleich beginnen die restlichen 20 % der Beschäftigungstherapie, die von der Bundesagentur für Arbeit etwas euphemistisch „Maßnahme” genannt wird. Ich habe eine Lust darauf wie eine Kuh zum Stabhochsprung…
Na klar, bei der Einstellung kann das ja sowieso nichts werden! Höre ich nicht nur den Kursleiter sagen, sondern unisono auch die übrigen Kursteilnehmer. Ach ja? Woraus leitet ihr denn eigentlich eure Legitimation zu solch vollmundigen Bekundungen ab? Höchst­wahrscheinlich wohl von eurem eigenen Versagen am Arbeitsmarkt, das euch geradewegs in diesen erlauchten Kreis der Schulungsmaßnahme getrieben hat?!
Dabei ist an der „Maßnahme” doch gar nichts auszusetzen. Sie baut sogar auf wissenschaftlichen Erkenntnissen auf: »[…] anhand der Grafik können Sie erkennen, wie wichtig die nonverbale Kommunikation ist. Lediglich 7% macht das Wort, 38% die Stimme und 55% die Körpersprache. Die prozentualen Angaben gehen auf […] A. Mehrabian zurück, der die 7-38-55-Regel 1971 formulierte« (Quelle: Schulungsunterlagen).
So ist das also: Sieben und nicht etwa acht Prozent gehen auf die Wortwahl zurück und 55 Prozent auf die Körperhaltung. Pseudogenauigkeiten sollen Wissenschaftlichkeit suggerieren. Allerdings frage ich mich, warum – wenn der entschieden größte Anteil der Kommunikation auf die Körperhaltung zurückgeht – nicht die sieben letzten Zuckungen, sondern die sieben letzten Worte jenes Gekreuzigten überliefert sind? Oder warum man zwar das „Hier stehe ich […]”, nicht aber die Körperhaltung jenes Mönches kennt?
Ob wohl die Gewichtungen von Wort, Stimme und Körperhaltung situationsabhängig variieren können! Und das sogar stark? Ob wohl ein ganz entscheidender Informations­kanal schlichtweg „übersehen” wurde? Oder wurde er vielleicht zwar nicht angesprochen (vgl. 7%), sondern beim Verfassen der 1971-er Studie mit dramatischer Körperhaltung (vgl. 55%) lediglich hineingestikuliert? Nämlich die Voreingenommenheit!
Hahahh!! Der Vergleich mit der stabhochspringenden Kuh wird automatisch als Faulheit und Lustlosigkeit interpretiert, weil kein Personaler je auf die Idee kommen würde, einer Kuh (bzw. mir) eine Chance geben zu wollen. Und so kann er nicht wissen noch erfahren, wie leidenschaftlich gern…

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Über ausgesucht

…desillusioniert
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18 Antworten zu Narrenhagen.019

  1. lawgunsandfreedom schreibt:

    Ich fühle mit Dir. In der Maßnahme in der ich stecke, hat’s zwar weniger so hahnebüchene Themen, dafür aber Dozenten ohne Didaktik, dafür mit zweifelhaftem Fachwissen. So was killt die evtl. noch vorhandene Motivation doch ziemlich schnell …

    • ausgesucht schreibt:

      Ach ja, wenn so ein Dozent nicht wirklich was zu sagen hat, wozu sollte er dann wissen, wie man das unters Volk streut, sich also mit Didaktik befassen? ^_^

      • lawgunsandfreedom schreibt:

        Tjä. Nur hätte dieser Dozent wirklich was zu sagen, bzw. er soll Leuten ja was beibringen. Wenn er’s vielleicht selber kann, aber nicht vermitteln kann, dann ist das nicht hilfreich. Wenn er auch noch seinen eigenen Stoff mit Fehlern spickt, dann ist das für die Zwangsbeglückten eine Katastrophe.

        • ausgesucht schreibt:

          Doch, ja, ich hatte das schon richtig verstanden. ^_^
          Wie Du es schon selbst umschrieben hast: ein Lehrender, der sein Wissen nicht an die nach Wissen Dürstenden abzugeben vermag, ist möglicherweise dem Auftrag nach, aber ansonsten nicht wirklich ein Lehrer. Und ja, das ist für Lernwillige irgendwas zwischen Katastrophe und Zumutung… ^^

  2. waehlefreude schreibt:

    Guten Morgen.
    Es gibt ein hübsches Buch von Samy Molcho, das sich mit Körpersprache beschäftigt und dieser Fachmann räumt ein, daß es immer auch Ausnahmen gibt, wenn Körpersprache interpretiert wird und das man sich auch hierbei total irren kann… Und wer für die „Arbeitsagentur“… Dieser Dozent müßte sich für mich schon sehr authentisch outen, wenn er bei mir…

    Übrigens ist ein wesentlicher Sinn der Natur der Geruchssinn… Ob die „Agentur“ da nicht….??? :)))

    Und „Maßnahme“… Wenn jemand „maßgenommen“ werden soll, dann… 😉 Und Didaktik? Ich habe selbst Kurse in „Maßnahmen“ angeboten und war sogar einmal „Fachleiter“…

    Doch ich bin eben die Marke „Ich“…Didaktik ist für mich „mathebehaftet“ und „Mathe“ mag ich nicht. Und „Pauker“?… Irgendwie hat mir das auch wenig gelegen. Irgendwie waren es „Events“, wenn ich so etwas gemacht habe und, innerlich von mir gefühlt, nie etwas von Dauer.

    Einiges an Lob habe ich aus meiner Therapeuten – Dozenten- und Paukerzeit mitgenommen und schmunzele beim Erinnern…

    „Ihr, von der Gruppe Schwalbe spinnt doch alle!“ – Das habe ich vom Büro aus einmal gehört, als draußen „Arbeitstherapie“ stattfand. – Und was für eine tolle Antwort da kam: „Na und, wenn es uns hilft!“ – „Ja, meine Gruppe!“ Das habe ich gedacht. – Und wie ich dann irgendwann mit Burnout zuhause klebte und es klingelte und die geamte Gruppe vor der Tür stand und meinte: “ Wir wollen bei Ihnen tapezieren, damit sie bald wiederkommen; diese „Mickymausvertretung“, die wir jetzt haben, ist unmöglich!“ Tja, das war ganz am Anfang meiner Berufskarriere.

    Und so zum Schluss: „Sind Sie Entertainer? Es ist immer so toll bei Ihnen.“ Das war so eine „Maßnahme“ in Berlin, wo wir unglaublich viel gelacht haben und Spass hatten…

    Nimm´ den Quatsch also nicht so ernst… Du sparst Heizung und vielleicht… 😉

    Liebe Grüße,
    Frank

    • ausgesucht schreibt:

      Vielen Dank für die offenen Worte; besonders ergreifend finde ich die „Geschichte mit der Heimsuchung” ^_^

      Und ja, vollkommen richtig: die olfaktorische Komponente ist ja noch gar nicht bis in mein limbisches System vorgedrungen (Na, da habe ich ja ein ganz brühwarmes Beispiel, um über meine Defizite zu referieren ^^).

      Und nein, „den Quatsch nehme ich nicht ernst”, mich reuen nur die verlorenen Stunden. Andererseits sind sie ja nicht wirklich verloren; ich fülle sie mit Sozialstudien, was spannende Einsichten erlaubt…

      • waehlefreude schreibt:

        Grins.

        Ich war ja auch öfter in der Riege der „Teilnehmer“ und habe „Anteil“ genommen. Verloren war diese Zeit nur, wenn ich sie nicht mit eigenem füllen konnte und es überall nach Disziplinierung gestunken hat. Einmal habe ich gefragt, wo denn der Gefängnishof sei… Überdies kann man sich krankschreiben lassen, wenn man gekränkt wird… 😉

        Liebe Grüße,
        Frank

        • ausgesucht schreibt:

          Da die heutige Runde die letzte des aktuell verschriebenen Schulungsrezepts war (und der Coach sich durch phänomenale Unvorbereitetheit auszeichnete), habe ich mal dem Affen Zucker gegeben und ein wenig wider den Stachel gelöckt. Verblüffende Erkenntnis: der Coach war binnen weniger Sekunden aus seinem Wohlfühlwinkel verdrängt, hörte auf zu salbadern und „rette” sich in ein Ignorieren meiner Anfragen. Dabei wollte ich gar nicht nach dem Gefängnishof fragen (wenngleich mich diese Deine Idee köstlich amüsiert^^), sondern nur danach, wie Personaler denn eigentlich Persönlichkeiten (was nicht unbedingt ’nicht teamfähig‘ heißen muß/soll) mit Alleinstellungsmerkmal ausfindig machen wollen, wenn der Selektionsprozeß exakt auf den Durchschnitt ausgerichtet ist… ^_^

          • waehlefreude schreibt:

            …Ein Personaler vermittelt Personal… Und da die Arbeitsagentur aus Sicht des Personalers „Kunde“ ist, vermittelt er entsprechend. 😉 Ich habe auch einmal eine Ausbildung zum privaten Personal- und Arbeitsvermittler genossen und ebenso eine zum Bewerbungscoach bei Hesse. – Hesse hat mir damals einen Cappuccino spendiert. 😉 Er wußte wohl warum. 😉

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