lehrreiche Sozialstudie

Öffentlicher Nahverkehr – Quell ewiger Freude! Aber immerhin eine Institution mit gleich zwei Hauptaufgaben: zum einen Leute von hier nach da bringen und zum anderen ein fortwährender Vorgeschmack auf die Hölle.

Ich hielt mich soweit es ging abseits von den Ein- und Aussteigern, die Tasche rechts bei Fuß. Als meine Station, der Hauptbahnhof, angesagt wurde, nahm ich die Tasche über die rechte Schulter und schlich wie auf Samtpfötchen vorsichtig zur Tür, da wegen der allfälligen Busverspätung nur wenig Zeit bis zum Erreichen des Zuges verbleiben würde. In der Nähe der Tür standen schon drei Personen, wahrscheinlich eine Familie. Die Kleidung sollte wohl signalisieren, wie freigeistig, tolerant und keinesfalls spießig wir, ach, doch sind. Ich stellte mich neben das Grüppchen, die Tasche wie meine Augäpfel hütend, da ich in ihr meine Lieblingskamera wußte.
Plötzlich aggressives Gebrabbel an meinem linken Ohr: Freigeist-Papa grummelte. Freigeist-Mama versuchte sich an einem unterdrückten Schmerzensruf, sie fühlte sich von der Tasche schwer getroffen. Von der Tasche, an die ich wegen ihres kostbaren Inhalts niemanden auch nur eine Handbreit heranlasse?! Sei’s drum, wahrscheinlich hat die Tasche in der Tat etwas gestreift – ein unermeßlich aufgeblasenes Ego…
Und die „wir verachten die Spießigkeit”-Eltern? Erst ganz zaghaft, nur für 3 Ohren­paare bestimmt, dann lauter und nachdrücklicher moralisierten sie über Anstand. Niemanden ansprechend, aber mich(?) meinend. Mich? Nein, kann nicht sein. Also stellte ich auf Standby, so als würde ich ihre Sprache nicht verstehen und ihr Gehabe und Getue noch weniger; soweit der „Versuchsaufbau”.
Die Laborratten fühlten sich ungestört und liefen auch prompt zur Hochform auf: da sie mich taub wähnten, wurde der Ton rauer und immer unsachlicher. Mein Pokerface hielt. Hielt trotz meines Mitleids. Welchen Druck muß solch eine Menschenhaut erleiden, die bis zum Bersten mit Gutmenschentum angefüllt ist, und nun kein Ohr findet, in das sie belehrende Sprechblasen und somit gleichsam Druck ablassen kann?

Öffentlicher Nahverkehr – Quell ewiger Freude! Ohne dich hätte ich eine so erhellende und belebende Sozialstudie wohl kaum erleben dürfen. Vielen, vielen Dank.

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…desillusioniert
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18 Antworten zu lehrreiche Sozialstudie

  1. lawgunsandfreedom schreibt:

    Tägliches Vergnügen für mich. Wo ich schon Menschenansammlungen, Körpergerüche, Lautstärke und das, was manche Leute unter „Manieren“ verstehen, normalerweise meide …

    Die Leute™ können echt froh sein, daß ich über eine exzellente Impulskontrolle verfüge.

  2. YDU schreibt:

    Das Stück kenne ich, mir fällt nur gerade nicht, wer er geschrieben hat! Du bist in eine Generalprobe geraten – so was von Glück auch! Tja, der Nahverkehr hat einiges zu bieten … 😉

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