Buch 87 – Karamasow

Cover_DostojewskijIn den Jahren 1879-1880 erschien der Roman Die Brüder Karamasow, in dem Fjodor Michailowitsch Dostojewskij (* 1821, † 1881) gewisser­maßen die Summe seines dichterischen Schaffens zog.
Es ist schon „ein paar Tage” her^^, daß ich den Roman zum ersten Mal las. Und nun interessierte mich, ob sich wohl Ansatzpunkte finden lassen würden, die der „Generation Klick” einen Zugang zum Roman eröffnen könnten, und ob sich Nützliches für unsere heutige Zeit finden lassen kann.
Die Frage nach dem Nutzen ist heikel: warum liest man überhaupt? Warum muß es eine Schwarte von knapp 1100 Seiten sein? Lassen sich nicht auf einem schnöden Beipackzettel weit mehr (und vor allem nützlichere) Informationen finden als in einem Roman, der doch immer (auch) Auslegungssache ist? Oder ob die Attraktivität des Lesens gerade in der Auslegbarkeit besteht, die von Fremden Geschriebenes wie durch Magie zu einem persönlichen Gut transformiert, also zu etwas Eigenem macht? Somit dürfte nicht nur jedes einzelne Werk, sondern auch das Lesen an sich und dessen Nutzen Auslegungssache sein.
Mir gefällt zum Beispiel die Auslegung ganz und gar nicht, daß es sich im Roman um eine spannende Kriminalgeschichte und um die literarische Darstellung eines Justizirrtums handelt. Es kommen zwar ein Mord, kriminalistische Untersuchungen und auch eine Gerichtsverhandlung vor, aber doch nur als Staffage, als Kulissenstücke eines großen Bühnenbildes, in dem unterschiedlichste Charaktere ihre Auftritte haben. Um genau diese Charaktere geht es. Wie wurden sie so, wie sie sind? Was macht einen Menschen aus, was menschliche Größe? Wie ist das Zusammenspiel von Verstand, Gefühl, Emotion & Affekt, von Herz & Seele? Ist man in der Religion besser aufgehoben oder vielleicht doch lieber in der Wissenschaft?
Auf diese und noch viele andere Fragen wird im Roman gleichsam ein Schlaglicht gerichtet. Nichts soll im dunklen bleiben, möglichst alle Facetten sollen beleuchtet werden. Insofern gibt der Roman Anregungen, die sich gerade heute, da die Zeit hektisch und für philosophische Frage zu kurzatmig geworden ist, als sehr nutzbringend erweisen könnten. Wenn man doch nur die Zeit dafür hätte, die fürs Lesen und, in noch viel größerem Umfange, die Zeit für die inwendige Transformationsarbeit am Gelesenen… ^_^


Und hier noch ein paar Fragen an die akribischen Leser:

  • Warum ist die vermeintliche Mordwaffe, die auf Seite 524 ein „Stößel aus Messing” ist,
    auf Seite 934 aus Kupfer?
  • Warum treten auf Seite 577 „Juden mit ihren Geigen und Zithern [= Zupfinstrument]” auf, wo auf den Seiten 556 und 569 „Juden mit Zimbeln [= Hackbrett, Schlaginstrument] und Geigen” angekündigt werden?
  • Warum ist Iwan Fjodorowitsch auf Seite 935 „der ältere Bruder des Angeklagten [= Dmitrij Fjodorowitsch]” und nicht der ältere der beiden jüngeren Brüder des Angeklagten?
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Über ausgesucht

…desillusioniert
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