Buch 88 – Babylon

Cover_ThiemeyerNeulich kam die Rede auf den Roman Babylon von Thomas Thiemeyer. Das enthusiastische Mußt-du-lesen erinnerte mich an einen Artikel, der mir ein paar Tage vorher – seltsame Koinzidenz! – über „den Weg gelaufen” war: »Nun zeigt eine erneute Analyse des Mechanismus durch James Evans […] und seinen Kollegen, dass der archäologische Fund offen­sichtlich noch älter ist als bislang gedacht. Demnach stammt das mechanische Messgerät [=Antikythera-Mechanismus] […] aus einer Zeit um 205 v. Chr. und entstand damit 50 bis 100 Jahre früher als bisherige Datierungen veranschlagten. […] Damit bestätigen sie frühere Vermutungen, dass das Werk nicht auf griechischer Trigonometrie basierte – die zu diesem Zeitpunkt noch nicht existierte –, sondern stattdessen auf babylonischer Arithmetik« (Quelle: pravda-tv). Es sei betont, daß ich weder der Quelle noch dem konkreten Artikel sonderlich viel Vertrauen entgegenbringe, dennoch entstand nach dem Lesen der Nachricht in mir die Idee, daß man daraus einen niedlichen kleinen Roman machen könnte. Ich habe nicht die Spur einer Idee, was Thiemeyer angetrieben haben könnte, aber er schrieb einen solchen Roman.
Der Handlungsrahmen ist schnell umrissen: Im Zweistromland sucht ein von seinen Kollegen verlachter Archäologieprofessor, gesponsert von einem milliardenschweren Kunstsammler, nach Spuren des Turmbaus zu Babel. Er wird fündig, kann aber die Fundstelle nicht erschließen, weshalb der Milliardär alles daransetzt, die Früchte der jahrelangen Suche doch noch zu ernten. Und da die Gegend politisch brisant ist, treffen nicht nur die (neue) Archäologin mit ihrem Anhang, sondern auch IS-Kämpfer mit ihrem Führungs­offizier nebst Imam, ein paar Beduinen, unvermeidliche Reporter und, last but ever first, das US-Militär am Ort des Geschehens zusammen. Dieser Ort ist eine unterirdische Anlage der geheimnisvollsten Art. Bis hierhin ist es spannend, dann entfalten über reichlich 500 Seiten hin schrecklich plakative Figuren gähnende Langeweile.
Im Ansatz ist die Idee des Romans ganz passabel, da gibt es nicht viel zu deuteln. Aber die Umsetzung! Die Anlage wurde gebaut, um das Böse, das Zwietracht-Säende für alle Zeit zu verschließen. Aber warum hat es ein Tor, das mit dem richtigen „Schlüssel” geöffnet werden kann? Der Autor macht sich nicht die Mühe zu erhellen, warum nun gerade der Antikythera-Mechanismus dieser Schlüssel sein soll, aber er unterstellt, daß der Mechanismus einerseits so eine Art Fallstifte (ähnlich wie ein Sicherheitsschloß) besessen und andererseits wie ein Kurzzeitwecker funktioniert haben soll, d. h. Zeit einstellen und das Werk ablaufen lassen. Eine mutige Neuinterpretation der archäologischen Befunde, die aber die Handlung nicht voranbringt – also wozu?
Anderes Beispiel: Das US-Militär ist wegen komplett unerklärlicher Vorgänge in einem exakt lokalisierbaren Wüstengebiet, die Drohnen abstürzen lassen und die Elektrik bzw. Elektronik beliebiger Geräte außerkraft setzen können, aufs höchste alarmiert. Das umso mehr, als die beobachteten Effekte eigentlich nur von einem EMP herrühren können, aber keine sonstigen Spuren eines Atomwaffeneinsatzes nachweisbar sind. Also wird eine Militärpatrouillie entsandt. Dort, im Inneren eines ohnehin schon brisanten Krisengebietes, hat man nichts Eiligeres zu tun, als 3 Black Hawks durch eine unangemessene Bewachung in die Hände des IS fallen zu lassen.
Oder wie wär’s mit diesem Beispiel: Die von den Archäologen entdeckte Anlage erweist sich als etwas, wie es von Dante in seiner „Göttlichen Komödie” beschrieben wurde. Neun separate „Abteilungen”, in denen Sünder büßen müssen (vgl. hier). Seltsamerweise sind die neun Ebenen bei Thiemeyer von den sieben Todsünden vereinnahmt.
Nicht nur wegen der seltsamen logischen Sprünge – es sind mehr als die drei beispielhaft genannten – hält sich das Lesevergnügen sehr in Grenzen. Speziell die „Auflösung” der wunderlichen Geschichte ist unbefriedigend. Da braucht es dann jemanden, der „übersinnlich geimpft” ist, also jemanden, der, ähnlich wie im Roman Herr aller Dinge, durch Berühren eines außerirdischen „Objektes” sowas wie magische Fähigkeiten bekommt *gähn*. Aber auch dieser Superheld erlebt wie die übrigen Normalmenschen sowieso ihre inneren Affekte durch eine Art Telepathie als individuelle Realität. Hmm! Da wäre ein klärendes Wort des Autoren sicherlich hilfreich, wie einerseits jemand telepa­thisch Gesteuertes im Verbund mit anderen Menschen (welchen anderen??) agieren können soll und wie andererseits die Erdbeben, die weit außerhalb der archäologischen Anlage die Zahl der noch Lebenden künden, objektiv registriert werden können. Oder wie, drittens, die durch Telepathie induzierte Vorstellung einer rächenden Figur, die den IS-Offizier seinem Schicksal zuführt, ein eigenes(!) Bewußtsein entwickeln kann, das neben dem des Opfers und dem seiner Projektionsfläche in Erscheinung tritt. Hier könnte der Roman philosophisch werden (von wegen Erkennbarkeit der Welt), aber keine Bange, das wird er am allerwenigsten.

Und hier noch die Wertung: Wertung_0Stern

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Über ausgesucht

…desillusioniert
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2 Antworten zu Buch 88 – Babylon

  1. YDU schreibt:

    Im Prinzip müsstest du das Buch vor dem Kauf mal kurz durchlesen, um Klarheit zu bekommen, ob es lesenswert ist und damit der Kauf Sinn macht. Nur so eine Idee, die so manche Enttäuschung verhindern könnte. Vielleicht solltest du öfter fern sehen, die eine oder andere Serie, dann würdest du das angesprochene Buch beinahe als philosophisches Werk einstufen. Wenn ich es mir recht überlege: Was wäre so ein Büchlein ohne die klitzekleinen Ungereimtheiten? Lebensfremd …

    • ausgesucht schreibt:

      … wo bliebe der Spaß am Lesen, wenn man nur vorgekauten Brei zu lesen bekäme (selbst wenn man selbst das Vorkauen unternommen hätte)? ^^

      Da fällt mir ein, daß Deine zuletzt gestellte Frage das Potential zu einem belletristischen Tsunami hat! Wäre so ein Büchlich nicht dann nicht lebensfremd, wenn es kolossale Ungereimtheiten statt klitzekleiner aufwiese??? Aber dann könnte ich doch gleich die mediale Hofberichterstattung der Obrigkeitskaste konsumieren (Zeitung, TV-News & -reportagen), oder wie oder was?! ^_^

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