Buch 89 – Jacques der Fatalist

Cover_DiderotIn der überwiegenden Zahl der Fälle (nein, es muß anders heißen: praktisch immer) erntet man zumindest Unbehagen, wenn nicht gar Unverständnis und tiefe Abscheu, wenn man in einem Gespräch seinem Gegenüber offenbart, daß man fatalistisch eingestellt ist. Da in den vorurteilsverkleisterten Augen dieser Art von Gesprächs­partnern Schicksalergebenheit irgendwie mit, wie es scheint, debilem Zombietum verwechselt wird, wollte ich wenigstens für mich – man kann niemanden zum Gegenteil bisheriger Vorurteile überzeugen, nur neue Vorurteile injizieren – ein Fachbuch *ironie* zu diesem Thema lesen: Jacques der Fatalist [1765–84] von Denis Diderot (*5.10.1713, †31.07.1784).

Die Schwarte (etwa 350 Seiten) gilt als philosophischer Roman. Muß wohl! Goethe konnte sich offenbar nicht daran sattfressen: »Den 3. von 6 Uhr bis halb 12 Diderots ‘Jacques le fataliste’ in der Folge durchgelesen, mich wie der Bel zu Babel an einem solchen unge­heuren Mahle ergötzt und Gott gedankt, daß ich so eine Portion mit dem größten Appetit auf einmal, als wär’s ein Glas Wasser, und doch mit unbeschreiblicher Wollust verschlingen kann” (Quelle: Goethes Tagebuch, 3.04.1780). Muß wirklich, schließlich soll Hegel von der Dialektik der Diderotschen Dialoge inspiriert worden sein. Zudem nahm Diderot die Beschreibung von Klassenunterschieden vorweg, die einhundert Jahre später von Marx und Engels wissenschaftlich analysiert wurden (vgl. Nachwort, S. 358)…
Und doch ist es wohl weniger ein philosophischer Roman, sondern eher einer, der von einem Enzyklopädisten für ein philosophisch interessiertes Publikum geschrieben wurde. Aber ein Beleg, ein Beweis gar, daß das fatalistische Konzept in irgendeiner Form einen Vorteil, vielleicht sogar eine Überlegenheit gegenüber anderen Weltanschauungen hat, ist nicht zu finden. Wozu auch! Wenn das geschieht, was irgendwo „da oben” festgeschrieben steht, dann hat man keine Wahl einer nützlichen zugunsten unpraktischer Weltsichten, denn auch diese Rolle ist ja vorbestimmt und festgeschrieben.

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Über ausgesucht

…desillusioniert
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14 Antworten zu Buch 89 – Jacques der Fatalist

  1. lawgunsandfreedom schreibt:

    Fatalismus ist ja so bequem – und vor allem … immer sind die Anderen (bzw. „die Umstände“ schuld ^_^

    • ausgesucht schreibt:

      Aber nein! Fatalismus ist alles andere als bequem. Wäre er einerseits es, würden sich bedeutend mehr Leute in genau diese Bequemlichkeit flüchten, und versuche es andererseits doch mal selbst, einen „Schicksalsschlag” vollkommen gelassen ohne jedes Zucken oder Murren hinzunehmen… ^^

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