Amok

Ich weiß es nicht! Ganz freimütig gebe ich es zu: mit dem Thema „Amok” bin ich irgendwie noch nicht durch (vgl. hier oder hier). Wenn Tante Wiki richtigliegt, geht Amok auf das malaiische Wort ‘amuk’ zurück, was wohl „wütend/rasend” bedeutet, also einen „psy­chischen Ausnahmezustand mit blindwütig zerstörerischem Verhalten einer Person” (Quelle: wiki). An dieser Wortquelle beeindruckt mich die exakte Beobachtung: jenseits jeder „wissenschaftlichen” Überfrachtung wird ein besonderer Zustand konstatiert, ohne sich in Spekulationen über seinen Entstehungsprozeß zu ergehen.
Da ist die „aufgeklärte” abendländische Wissenschaft schon weiter, glaubt sie zumindest wohl irgendwie: hier ist das Resultat (= das „Fallen eines Relais”) eher bedeutungslos gegenüber der wüsten Spekulation über seinen Entstehungsprozeß. Dabei ist allein das Hauptargument an sich schon fragwürdig, nämlich die mitunter akribische Vorbereitung auf einen später einmal (oder auch nicht) stattfindenden Amoklauf. Würden nicht, wenn man dieser „Logik” konsequent folgte, alle Zeitgenossen, die sich mit Testament, Patientenverfügung und anderen Regulierungen für den Fall ihres Ablebens befassen, als potentielle Selbstmörder eingestuft werden müssen?
Es erweckt durchaus den Eindruck, daß eine Definition konsensfähig geworden ist, die die Verantwortung der Gesellschaft (aller!, nicht nur des Staates, sondern von Partner über Familie über Kollegen über Vereins- oder Interessengenossen etc.) bis zur Nichtigkeit zu schmälern sucht; das ist so ähnlich wie bei der Depression. Und beim Amok drückt sich, scheint’s, die Gesellschaft nicht nur vor ihrem Teil der Verantwortung, sondern speziell die Obrigkeitskaste setzt alles daran, eine Kriminalisierung vorzunehmen, um nach ihrem Gusto Einzelfälle, die jeder für sich horrend und tragisch sind, also untypische Einzelfälle bzw. statistische  Ausreißer für ihre Interessen zu instrumentalisieren…

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Über ausgesucht

…desillusioniert
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10 Antworten zu Amok

  1. Der Revisor schreibt:

    Ich habe mich ja in den letzten Wochen damit abfinden müssen, dass das Wort „Amok“ im medialen Sprachgebrauch mal einfach immer falsch gebraucht wurde – und dadurch in dieser falsche Gebrauch in die Umgangssprache übergegangen ist, im Englischen wird hier deutlich feiner zwischen akribisch geplanten Taten und „echten“ Amoktaten, die eben tatsächlich eine gewisse Raserei – ein Ausklingen, einen unerklärbaren Ausnahmezustand – darstellen. Was dagegen volkstümlich als Amoklauf beschrieben wird, ist oft keineswegs unerklärbar, sondern Folge eines langwierigen psychischen Prozesses, der in einer – akribisch geplanten – Explosion der Gewalt ausufert. Sprache schafft Realität, insofern könnte etwas dran sein, dass mit dem Wort „Amok“ durch bewusste Implizierte Unvorhersagbarkeit die gesellschaftliche Verantwortung gemildert wird – nicht zufällig wird schließlich bei School Shootings selten die elterliche Verantwortung angesprochen.

    Viel gravierender ist die mediale Vermischung politischer und nonpolitischer Taten, die mal als Terror, mal als Amoklauf, mal anders bezeichnet werden, wodurch die Terrorangst weiter aufgebauscht wird, während über den belegten Effekt von medialer Sensationsberichterstattung bei Amokläufen/Massengewaltverbrechen – nämlich, dass diese zu einer Zunahme solcher Taten führt – überhaupt nicht gesprochen wird.

    • ausgesucht schreibt:

      D’accord! Speziell zu Deinem abschließenden Satz hatte ich hier auch schon ein paar Gedanken niedergeschrieben…

      • Der Revisor schreibt:

        Grausame Welt…

        • ausgesucht schreibt:

          Hmm, wollen wir nicht vergessen, daß es – sofern Leibniz sich nicht vertan hat – die beste aller möglichen Welten ist. Wem diese Last zu schwer auf den Schultern liegt, der mag sich in Religionen oder ins anthropische Prinzip flüchten, je nach Temperament… ^_^

          • Der Revisor schreibt:

            Dem Gedanken folgend, dass es unendlich viele mögliche Welten – oder Realitäten – gibt. Steht das jedenfalls zu bezweifeln…

            • ausgesucht schreibt:

              Ich stimme zu, hundertpro! Aber wahrscheinlich aus einem ganz anderen Grund. Es ist jedenfalls so zumindest nicht von der Hand zu weisen, daß… …
              Upps, da sind die Pferde mit mir durchgegangen: ich habe da eine Idee zu Paralleluniversen und ich werde sie hier (wahrscheinlich) auch dereinst publizieren, aber ich habe sie noch nicht soweit aufbereitet, daß ich sie in verständlicher Weise jetzt darlegen könnte, so sorry …

  2. lawgunsandfreedom schreibt:

    Was unsere Lohnschreiber nicht können: differenzieren. Die Amis sind da besser. „Amok“ kommt bei denen nicht vor. Die haben „mass killings“, „shooting spree“, „mass shooting“, „school shooting“, usw.

    Aber wir haben im Deutschen ja sowieso derzeit einen grassierenden Amoklauf, was Sprach- und Wortverwendung angeht. Braucht man sich nur die #NoHateSpeech-Kampagne anzusehen. Orwell hätte angesichts des galoppierenden „NewSpeak“ seine Freude gehabt.

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