Zeit ist nicht relativistisch

Wir nehmen nur wahr, was sich ändert. Diese Wahrnehmungsschwelle ist kategorisch: ein Objekt, das sich nicht von seinem Hintergrund abhebt, das keinerlei Zeigerausschlag auf welchem Meßinstrument auch immer hinterläßt, ist nicht wahrnehmbar.
Wir können über Dinge, die sich nicht ändern, nichts wissen. Es lassen sich zwar Vermutungen anstellen, aber solche sind nicht überprüfbar (weder verifizierend noch falsifizierend), da jede „Anfrage an das Ding” ohne Reaktion (= Veränderung), also unbeantwortet bleibt. Das einzige Kriterium über die Brauchbarkeit der Setzung, die ein konkretes ‘Ding der Unveränderlichkeit’ definiert, ist die Widerspruchsfreiheit zum Konzept unserer erfahrbaren Welt, der Welt der Änderungen.

Zeit ist nicht quantitativ, sondern rein qualitativ

Zeit ist etwas, das sich nicht ändert; somit gehört Zeit in die Kategorie der nicht wahrnehmbaren Dinge. Zeit kann nicht angehäuft oder vernichtet werden. Zeit fließt nicht. Zeit hat keine Farbe, keinen Geruch. Alle Spekulationen über die Zeit sind eben auch nur Spekulationen – auch die Einsteinsche Spekulation über die Existenz oder Nichtexistenz einer Absoluten Zeit.
Zeit ist am ehesten ein individuelles „Ordnungsschema”, um Dinge, die irgendwie voneinander abhängen, in eine (chrono-) logische Abfolge zu bringen (vgl. hier). Damit bezieht sich Zeit auf Qualitäten wie etwa „A geschah vor B” oder „B erfolgte nach A”. Diese Qualitäten sind nicht steigerbar (‘vor → vorer → am vorsten’) und auch nicht additiv: ‘A vor B und B vor C’ bedeutet nicht ‘A zweivor C’.
Halt! Moment, das stimmt ja gar nicht. Das Ereignis, daß zu allen anderen zeitlich „am vorsten” datiert, beweist doch wohl, daß Zeit-Qualität steigerbar ist. Diese Qualität heißt zwar etwas anders, nämlich ‘zu(aller)erst’, gibt aber der Zeit einen Wert (etwa t = 0) und somit auch Quantität. Schön wär’s. Eine solche Nullpunktsetzung ist eben nur eine Setzung, empirisch greifbar ist dieser Punkt nicht. Zudem trennt dieser Punkt die Welt ohne Veränderungen von der Welt mit Veränderungen, indem die allererste Veränderung den „zuerst”-Zeitpunkt definiert. Das wäre aber eine Wirkung ohne Ursache(n), also ein deftiger Widerspruch zu unserem – wie oben bereits erwähnt – Weltkonzept.

Zeit ist zugleich universell und punktuell

Den ersten Satz im vorigen Abschnitt straft doch wohl die Empirie Lügen. Jedes Ticken einer Uhr ist eine Widerlegung! Ist es so? Die Abläufe ‘A vor B’ an diesem und ‘C vor D’ an jenem Ort sind nicht quantifizierbar, wenn Zeit ein Nacheinander (im Gegensatz zum Raum mit seinem Nebeneinander) von Ereignissen beschreibt. Zumindest ist die Zeit nicht direkt, also aus sich heraus, quantifizierbar. Doch die Findigkeit menschlichen Ingenieurs­wesens scheint unbegrenzt: es lassen sich periodisch ablaufende Maschinen und Vorrichtungen erfinden oder natürliche Prozesse aufspüren, deren empirisch empfundene Regelmäßigkeit ausgenutzt werden kann, um der abstrakten Zeit ein Gesicht zu verleihen. Die Rotation der Erde [→ Tag], der Umlauf des Mondes um die Erde [→ Monat] oder der Erde um die Sonne [→ Jahr] sind astronomische Beispiele für die Nutzung turnusmäßig ablaufender Prozesse zur Schaffung einer abstrakten (aber an der Empirie geeichten) Maßzahl, die man „empirischen Zeittakt” nennen könnte. Dieser empirische Zeittakt ist nicht die Zeit selbst und ist auch keine physikalische Größe. Er ist ein Abstraktum, das sich als praktisch erwiesen hat im zwischenmenschlichen Mit- bzw. Gegeneinander.
Die Zeit kann man ohne viel Bauchgrimmen als universell ansehen, den Zeittakt nicht. Bei diesem ist es eher rational, ihn von Ort zu Ort, von Beobachter zu Beobachter variabel anzusehen. Einsteins Relativitätstheorie ist ein Versuch, individuelle Zeittakte untereinander vergleichbar zu machen. Aber aus bilateralen Umrechnungsvorschriften, die gültig für die Beobachter X und Y sind, auf die universelle Zeit zu schließen, ist im höchsten Maße fragwürdig.

Wir nehmen nur wahr, was sich ändert. Der „statische Untergrund”, vor dem wir uns bewegen, ist für uns nicht wahrnehmbar, aber er gibt die Randbedingungen vor, die gewissermaßen unsere Naturkonstanten eichen. Der Blick in die Tiefe des Alls läßt uns nur die Dinge wahrnehmen, die sich ändern (nicht nur, aber im wesentlichen das Pulsen elektromagnetischer Wellen, also Licht-, Radio- und Röntgenstrahlung etc.), ohne den dortigen, auch dort unveränderlichen Untergrund erfassen zu können, und doch übertragen wir unser begrenztes Wissen – begrenzt durch die selektive Wahrnehmung eines sehr eingeschränkten Ausschnittes der Welt – auf alle Zeiten (genauer: Zeittakte) und alle Räume.
Ist es nicht bedauerlich, daß die Einsicht: „Ich weiß, daß ich nicht weiß” heutzutage nicht mehr als Leitmotiv dient…

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Über ausgesucht

…desillusioniert
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12 Antworten zu Zeit ist nicht relativistisch

  1. Luckyfree schreibt:

    Wow und das in der Mittagspause! Muss ich erstmal verarbeiten. 😊

  2. lawgunsandfreedom schreibt:

    Zeit ist tickende Intersubjektivität

    • ausgesucht schreibt:

      … gefällt mir! Aber ist es nicht ungerecht: wo ich 686 Wörter gebraucht habe, kommst Du mit gerade einmal mit vieren aus *seufz* 🙂

      • lawgunsandfreedom schreibt:

        Das ist meine Kunst, die Dinge auf den Punkt zu bringen (so ich sie denn vorher verstanden habe). 😉

        Aber ist es nicht die Kunst der Philosophie und auch der Wissenschaft, eine Tatsache in allgemeinverständliche und nachvollziehbare Form zu bringen? (Ok – Philosophen könnte man einschränken).

        Ohne Deine Vorarbeit wäre mein „Punkt“ doch nur ein Aphorismus, ohne klaren Bezug zu einem ausgearbeiteten Gedanken.

        • ausgesucht schreibt:

          … welch ein Glück, Zufall (oder doch nur Koinzidenz), daß ich vor ziemlich genau einem Jahr ein paar Wörter (fünfzehn, um korrekt zu sein) über das sozusagen „Eindampfen von Buchstabensuppen” verloren habe, nämlich diese. ^_^

  3. der einsiedler schreibt:

    es ist nicht die zeit, die sich ändert, es sind immer nur die menschen, die sich ändern.
    ist das, was wir wahrnehmen, nicht alles nur eine illusion? lebt nicht die mehrheit der menschen in der vergangenheit und in der zukunft? zwischen gestern und morgen sollten wir im hier und jetzt leben, denn heute ist der erste tag vom rest deines lebens.

    • ausgesucht schreibt:

      Ein interessanter Kommentar, so recht herausfordernd. ^_^
      Ja, ich stimme zu, die Zeit ändert sich nicht – Nein, ich widerspreche, die Menschen ändern sich nicht. Wahrscheinlich ändert sich nur die Perfidität, mit der sie ihrem Egoismus frönen…

      Und ist, wenn »alles nur eine illusion« ist, der Glaube, daß »heute der erste tag vom rest des lebens« sei, nicht auch nur eine Illusion? ^_^

  4. Anonymous schreibt:

    Zeit und Nichtzeit, Kausalität und Nichtkausalität, sind mögliche Phänomene (die mich beschäftigen, insofern existieren schon mal beide/alle, im Denken). Diese (materiellen und/oder gedanklichen) Phänomene sind vielleicht gleichzeitig (=nichtzeitig) von selbstverständlich über leicht und schwer bis gar nicht zu fassen. Wir können aber als Menschen darüber reden und schreiben, das ist interessant.
    Zeit als Raum, Zeit als Dimension(en) ([selbst] dimensionslos*), oder Zeit als emergentes Phänomen oder Kreation der menschlichen Ordnungs-Eigenschaft** (in einem entropischen Universum). Entstehend durch, oder im, menschlichen Denken und Interpretieren/Konstruieren. Oder als ontologische Phänomene des (tatsächlich, aber vielleicht ohne Zeit/ohne Tat) Existierenden, oder unseres Universums in dieser spezifischen Erscheinungsform oder Form.

    * In welcher Dimension existieren Zeit und Raum?
    ** Diese Eigenschaft des Ordnens von Dingen (die auch alle [anderen] Tiere – in qualitativ oder eher quantitativ unterschiedlicher Form – haben, vermute ich) brauchen wir zum Überleben. Aber warum ist das so? Es könnte ein Nachhall (zeitlich) oder eine Eigenschaft (gleichzeitlich/nichtzeitlich) unseres Entstammens aus vor-/nichtentropischem Zustand sein. Wir wären in diesem Bild (teilweise?, ganz?) anti- oder nichtentropisch eingestellt, weil wir nicht nur aus den Eigenschaften dieses Universums zusammengesetzt sind. Bzw. nicht nur aus dieser spezifischen (Erscheinungs- oder Seins-)Form des (unsrigen jetzigen) Universums (das sich uns zeitlich vermittelt zeigt [als Erscheinung] oder selbst [für sich?] auch zeitlich ist [an sich]). Mit (s)einem Ablauf u.a. der (und/oder erzeugt/erscheinend durch) Entropie.
    So dass wir in diesem Bild ganz oder teilweise Aspekte oder Anteile aus einer anderen („- oder „-)Form der Existenz haben, u.a. einen nichtentropischen Anteil oder Ausrichtung (als z.B. der Wille zur Ordnung in Abwandlung Schopenhauers?). Aber in welcher Dimension fände diese Ausrichtung des Menschen statt?

    • ausgesucht schreibt:

      … das ist ja ein interessanter Exkurs durch Gefilde der Philosophie, die aus der Ferne als liebliche Landschaften erscheinen mögen, sich in der Nähe als schroff und genickbrecherisch erweisen. So frage ich mich, was Nichtzeit sein soll? Wozu ist sie gedanklich ins Leben gerufen, was soll sie bewirken/erklären?

      Apropos ‘gedanklich ins Leben rufen’ – das letzte Mal las ich bei M. Gabriel von dem Versuch, als existent das anzusehen, das vorstellbar ist. Allerdings stelle ich mir nicht erst seitdem vor, daß das unbrauchbares, weil unausgegorenes Zeugs ist (siehe hier).

      Ach, und weil wir gerade dabei sind: »Zeit als emergentes Phänomen«. Auf welchem empirischen Befund basiert die unterstellte Emergenz der Zeit? Oder, falls sie objektiv nicht nachweisbar sein sollte, welchem Gedankenkonstrukt verdankt sie ihre lehrgebäudestützende Notwendigkeit? Nicht zu vergessen: keine(!) unserer Größen, mit denen wir die Welt vermessen, ist objektiv vorhanden – sie sind allesamt Konstrukte der Spezies Mensch. Ihr „Erscheinen” einzig auf der kleinen blauen Kugel, die irgendwo da draußen in irgendeinem Nebenarm der Galaxie die Sonne umkreist, ist eine Laune des Zufalls (d. h. für den „Rest” des Universums also Emergenz pur), die von ihr angegebenen Quantitäten sind es allemal (man denke nur an Meter und Meile, Liter und Gallone etc.).

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