Zeitgeist

Reklame20160823Also ganz ehrlich: ich habe keine Ahnung, wer da mit dieser bunten Reklame (siehe Abb.) wirbt.
Ob das wohl ein Hersteller für Rundstrick­nadeln ist? Mit solcher Gerätschaft lassen sich Endlosschläuche stricken – ein endloses Unterfangen, bei dem ein Neustart allemal zu denken geben sollte. Oder ist’s eher ein Hersteller für erotische Gleitmittel (wer abrutscht, darf nochmal). Oder wirbt dort ganz schnöde nur ein Vertreter der „game over”-Spieleindustrie?
Die Reklame ist, auch wenn sie großflächig auf Plakaten zu sehen ist und in praktisch allen Medien hämmert, schlecht genug, daß sie mich nicht eine Femtosekunde lang reizt, ihren Urheber zu ermitteln. Und dennoch kann sie Anregungen geben, z. B. den Anhängern der Nomízophilie.
Was genau ist gemeint mit: »noch einmal neu anfangen«? Tabula rasa? Oder lieber doch ein zweiter Versuch mit einem Rattenschwanz aus Erfahrungen aus vielen, vielen voran­gegangenen Versuchen. Das allerdings wäre kein Neuanfang, sondern sowas wie „Thema mit Variationen”. Die Suggestion eines Neuanfangs, eines echten, also eines ohne den Ballast des bisherigen Erfahrungsschatzes, ist nicht nur unseriös, sondern auch im höchsten Maße verwerflich, da der Proband mit exakt dem gleichen Rüstzeug wie beim ersten Mal antreten würde. Die Suggestion eines zweiten Versuches ist bedenklich, da eine seligmachende Alternative verhießen wird, wo eine korrigierende Auseinandersetzung mit einer unpäßlichen Situation hilfreich, erforderlich und möglich wäre. Doch genau diese letztgenannte Sicht entspricht dem Zeitgeist: Schwierigkeiten outsourcen und auf ein Wunder hoffen.

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Über ausgesucht

…desillusioniert
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10 Antworten zu Zeitgeist

  1. waehlefreude schreibt:

    Hallo.

    Da triffst Du es für mich genau auf den Punkt; diese Frage ist für mich müßig.

    Liebe Grüße,
    Frank

  2. markswellenleben schreibt:

    Super geschrieben und absolut auf den Punkt! Danke!

  3. thomasfaberblog schreibt:

    Danke für die Gedanken. 🙂
    Erinnert mich an Milan Kundera. Er hat das Thema in seinem Roman „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ so gefasst:

    „Man kann nie wissen, was man wollen soll, weil man nur ein Leben hat, das man weder mit früheren Leben vergleichen noch in späteren korrigieren kann.
    Es ist unmöglich zu überprüfen, welche Entscheidung die richtige ist, weil es keine Vergleiche gibt. Man erlebt alles unmittelbar, zum ersten Mal und ohne Vorbereitung.“

    • ausgesucht schreibt:

      Danke für den Kommentar. 🙂

      Jetzt, wo Du davon schreibst, erinnere ich mich wieder an die „Unerträgliche Leichtigkeit…” und auch daran, daß mich das Buch ein bißchen enttäuscht hatte. Nur mal so als Beispiel: Das Zitat, das Du vorgebracht hast, enthält richtig kluge Gedanken – aber hat uns ein „mentales Nachbeben” aus diesen Worten erreicht? Ich meine nicht einzelne Genießer, sondern die breite Mehrheit…

      • thomasfaberblog schreibt:

        Ich bin mir nicht sicher, welche Reichweite gute Literatur noch hat oder ob man deren „Erfolg“ an der Masse ablesen kann. Zum Glück ist Papier geduldig und kann immer wieder entdeckt werden. 🙂

        • ausgesucht schreibt:

          … da stimme ich vollkommen zu: „Reichweite” oder Massenwirksamkeit sind keine Kriterien mehr, die das Wesen von Literatur bestimmen würden. Da scheint mir ein Paradigmenwechsel erfolgt zu sein. Bildungsromane oder sowas werden nicht mehr geschrieben und „altgediente” Romane dieser Kategorie nicht mehr gelesen, zumindest mehrheitlich. Wobei ich diesen Gedanken sehr gern noch weitertreiben möchte: in extremo wird heute überhaupt keine Literatur mehr erstellt, hmmm. ^^

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