Sprechpuppen

Kaum versuchen die Politiker-Darsteller der Bunten Republik eine diplomatische Dusseligkeit durch eine andere zu „verbessern”, springen auch schon Kenner der Materie klärend in die Bresche. Es handele sich nämlich keineswegs um politische Fragwürdigkeiten, sondern um hohe Politik.

»Im Juni hatte der Bundestag mit überwältigender Mehrheit nach jahrelanger Debatte eine Resolution verabschiedet, die den Völkermord an den Armeniern in der Türkei vor 101 Jahren als Völkermord bezeichnete. Die türkische Regierung war deshalb außer sich« (Quelle: welt.de). Und dann müsse, so ist an gleicher Stelle zu erfahren, sehr wohl unterschieden werden, ob Regierungs­sprecher Seibert eine politische Aussage getätigt habe oder Frau ◊Kanzler. Zudem sei, egal wessen Meinung denn nun durch den Regierungssprecher verkündet wurde, ja längst nichts Verbindliches gesagt worden…

Der Bundestag fand es im Juni offenbar diplomatisch außerordentlich geschickt, einem politischen Verbündeten öffentlich auf die Füße zu treten. Der Nutzen ist zwar nicht ohne weiteres einsichtig (siehe hier), aber Diplomatie ist eh die Kunst, dem anderen auf die Füße zu treten und ihm dafür auch noch Schuldgefühle einzureden.
Ein paar Tage später dämmerte es dem einen oder anderen (siehe hier), daß politische Entscheidungen, die in den Höhen eines Elfenbeinturms gefällt werden, einem trotzdem ein wenig schmerzhaft auf die eigen Füße zurückfallen können.
Die billigste Variante, die Mißlichkeit aus der Welt zu schaffen, ist zugleich auch die naivste: „Nie gesagt!” oder, wenn Leugnen partout unmöglich ist, „Zwar gesagt, aber ganz anders gemeint!” Indem ein Regierungssprecher einen verbalen Eiertanz verkündet (sinngemäß: es ist zwar die politische Auffassung, aber sie ist nicht rechtsverbindlich), deinstalliert er en passant die politische Mündigkeit des Bundestages, oder etwa nicht? Und dabei ist es gleichgültig, ob ein Regierungssprecher oder durch ihn die Regierungsspitze spricht…

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…desillusioniert
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2 Antworten zu Sprechpuppen

  1. lawgunsandfreedom schreibt:

    Diese politischen Empfindlichkeiten gegenüber offensichtlichen und bewiesenen Tatsachen begreife ich nicht. Ich verstehe schlicht und einfach nicht, wieso man eine Tatsache nicht feststellen darf und Rücksicht auf Ehrgefühl und Selbstbild der Täter nehmen muß.

    Sehe ich mir umgekehrt die türkischen Medien und politischen Aussagen diverser Regierungsvertreter an, dann sind die weit heftiger und beleidigender. Vor allem, weil viele davon auf offenkundigen Lügen und Unterstellungen basieren.

    Die Bundespressekonferenz sehe ich mir schon lange nicht mehr an. Da gab’s früher noch ein paar lustig-peinliche Momente, wenn Thilo Jung die manchmal fassungslosen Reg-Sprecher dazu brachte, um Worte zu ringen. Aber das ändert ja auch nichts.

    • ausgesucht schreibt:

      Ich vermute, daß ein nicht unbedeutender Anteil zur Klärung Deines Anfangssatzes: »Diese politischen Empfindlichkeiten gegenüber offensichtlichen und bewiesenen Tatsachen begreife ich nicht« auf psychologischer Ebene mit einer sehr verzerrten Selbstsicht verbunden ist. Götter wähnen sich nun mal als unfehlbar…

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