2 sind mehr als 3

Die Koalitionsgespräche in Mecklenburg-Vorpommern, mit denen der in der Landtagswahl 2016 geäußerte Wählerwille in Obrigkeitsstrukturen übersetzt wird, beweisen nicht, daß das Parteienmodell in der Bunten Republik längst obsolet ist. Aber sie zeigen überdeutlich, daß die zugrundeliegende Logik schlichtweg hanebüchen ist.
wahl_mv2016Bei einer Wahlbeteiligung von 61 % sind Zahlen ausgekegelt worden, die in allen Medien (u. a. hier) nachlesbar sind. Und natürlich ist damit das Arsenal reich gefüllt, damit sich ein jeder Politiker-Darsteller seine moralische Keule heraussuchen kann, mit der auf die anderen losgedroschen wird (wie gesagt: Nachrichten lassen sich z. Z. kaum anhören, ohne einen seelischen Schaden zu riskieren). Doch die Zahlen lassen sich auch auf eine ganz andere Weise lesen.
Von 1000 willkürlich herausgegriffenen MV-Wahlberechtigten haben 390 erst gar nicht gewählt. 187 Wahlberechtigte haben die Stimme für die SPD abgegeben, die durch diesen Vertrauensbeweis als Wahlsieger angesehen wird – nun gut, es ist zwar idiotisch, daß 187 > 390 sein soll, aber so ist nun mal das System. Die Partei, von der 81,3 % aller Wahlberechtigten meinen: »Ich habe kein Vertrauen darin, daß diese Partei das Beste für die Zukunft des Landes sein wird«, darf also die Koalitionsverhandlungen führen!?
Und wie werden die Koalitionsverhandlungen geführt? Richtig, nach Gutsherrenart! Es wird nicht etwa der Wählerwille respektiert, bei dem die beiden stärksten(!) Parteien zusammen, nach 5%-Hürde etc., auf etwa 61,5% kommen würden, sondern lieber um die Partei mit der schlechtesten (halt im Landtag gerade noch vertretenen) Prozentzahl liebäugelt oder mit der zweitschlechtesten. Das ist wie beim Eierkaufen. Wenn in einer 10-er-Packung  XL-Eier, durch welchen dummen Zufall auch immer, eines fehlt, wird die Packung logischerweise nicht etwa mit einem L-Ei, sondern mit dem kleinsten oder zweitkleinsten Format aufgefüllt, das sich finden läßt.
Im realen Leben würde unter diesen Umständen bis auf die Knochen gestritten werden, wenn es sein muß (und die Rechtschutzversicherung es hergibt), durch alle Instanzen. Aber das Ringelreihen der Obrigkeitskaste (die Feder sträubt sich, dafür das Wort Politik zu schreiben) ist für einen durchschnittlichen Wahlberechtigten halt irreal.

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Über ausgesucht

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6 Antworten zu 2 sind mehr als 3

  1. YDU schreibt:

    Die Nichtwähler haben ganz eindeutig den Sieg davon getragen, nun muss man nur mehr herausfinden, wer sie vertritt? Möglicherweise wollen sie gar nicht Zertreten werden, was aber durch diese Vorgangsweise in jedem Fall eintreten wird. Die klaren Sieger haben mit wehenden Fahnen verloren: Das ist ja schlimmer als Fußball! 😉

    • ausgesucht schreibt:

      Das Schöne an den Nichtwählern ist: weil sie nicht antreten, können sie weder abtreten noch zurücktreten. Und das ist irgendwie humaner als beim Fußball (wo ein Zurücktreten kaum möglich/nötig ist, weil die Aktion des Vortreters mit höchstem schauspielerischen Einsatz in einen Freistoß umgemünzt wurde…). 😉

  2. Marcello Francé schreibt:

    Im Grunde genommen ist ein Wahlpflicht wie in Australien eine gute Idee – eigentlich bin ich zwar kein Fan von staatlicher Bevormundung, aber das würde die demokratische Legitimität doch sehr erhöhen. Die Ansicht, dass dadurch (aus Protest) radikale Parteien schnell an Einfluss gewinnen, halte ich für langfristig nicht sehr wahrscheinlich, wie Länder mit Wahlpflicht zeigen. Wenn jemanden dann die Parteien nicht passen, soll derjenige dann halt net rummosern, sondern selbst aktiv werden. Klar muss man keine Partei toll finden, aber sich der Entscheidung entziehen ist genauso wie sich nicht impfen zu lassen, weil die Spritze 💉 unangenehm ist. Erstaunlich auch, wer wo wie gewählt hat- insbesondere in Schwerin und an der Grenze zu Polen- Apropos Polen, da wurde die PiS ja auch überwiegend im ehemals russischen Teil des Landes gewählt.

    • ausgesucht schreibt:

      Es gibt in der Tat durchaus einige Punkte, die bei einer Wahlpflicht positiv zu Buche schlagen könnten. Und falls das mit der Pflicht zu weit vom Demokratie-Ideal abweicht, das ohnehin nicht das beste aller Konzepte ist bzw. sein kann (aber das wäre eine ganz andere Geschichte), gäbe es ja durchaus Umsetzungsmöglichkeiten mit deutlich weniger Bevormundungspotential (siehe hier: Waufe)… ^^

      • Marcello Francé schreibt:

        Kleine Anmerkung zu deiner Grafik der Nichtwähler-Argumente, vermutlich das Bedeutenste Argument überhaupt: https://www.youtube.com/watch?v=xvcpy4WjZMs
        “keine Wa(h)l? Is‘ mir egal“

        In Italien ist sowas auch Kulturgut:
        http://www.mein-italien.info/wissenswertes/menefreghismo.htm
        insofern gut zu wissen, dass das auch in Deutschland “wieder positiv besetzt wird“

        “Ich kenne hier niemanden, welche Fratze soll ich wählen“ könnte vllt. Fakultäts- und Hochschulsenatswahl Beteiligungen bei uns zum Teil erklären. Beteiligung bei uns jedes Mal so safe um die 10-20%, wenn überhaupt, selten über 30%.

        • ausgesucht schreibt:

          Ich würde es sofort glauben, daß „Ist mir egal!” auch in politischen Fragen ein markantes Argument ist, wenn es nicht Tausende von z. B. Bloggern und sonstigen Zwitscherern gäbe, denen das politische Geschehen eben nicht egal ist. Dabei würde mich freilich besonders interessieren, wie die Aufteilung solcher „Politaktivisten” auf die Gruppe der Nichtwähler und die jeweiligen Parteianhänger ausfällt.

          Für meinen Geschmack schlägt das Pendel im Moment zu weit in Richtung „Ist mir egal!” aus. Der andere Umkehrpunkt des Pendels ist auch nicht erstrebenswert: das kleinliche Überwachen eines jeden auch noch so kleinen Furzes. Vielleicht liegt die Wahrheit einmal mehr etwa in der Mitte (siehe hier). ^^

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