Buch 90 – Ulysses

cover_joyceHa! Wieder mal ein Tausender bezwungen! Ich hätte wahrlich zählen sollen, der wievielte das war. Warum nimmt man solche Mühen überhaupt auf sich? Um der hübschen Aussicht willen, die man am Gipfel erwarten darf? Oder doch eher nur aus sportlichen Ehrgeiz, um dem inneren Schweinehund mal zu zeigen, wo es langgeht (und das im wahrsten Wortsinn)?
Nun gut, das Faksimile hier links hat es ja längst verraten: es geht ja gar nicht um das Bekraxeln von Bergen. Dennoch ist der Vergleich nicht allzu abwegig. Am liebsten lese ich Bücher, wenn mich der Autor „abholt”, ans Händchen nimmt und mit in lichte Gefilde hinanführt, die anmutige Ein- und Übersichten erlauben, welche ich ohne die sanfte Führung wahrscheinlich nicht erkundet hätte. Das Lesen des Romans Ulysses von James Joyce entsprang hingegen einer ganz anderen Motivation: ich wollte herausfinden, ob ich die Energie aufbringen würde, mich diesem Höllenritt zu stellen. Und ja, ich habe dieses Dingens bezwungen. Doch nein, weder auf dem Weg noch am Endpunkt, der „schon” nach 988 Seiten erreicht ist (in der Tat, es ist ja gar kein Tausender!), gelingen packende Einsichten – man stapft durch eine Buchstabenwüste und ahnt, daß weniger das Cerebrum als vielmehr die Wadenmuskulatur (durch das Wandern in der Wüste) gestärkt werden könnte, und wird.
Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, daß dieses Dingens nicht für Leser geschrieben wurde, sondern für Schreibkollegen (besser wohl: Konkurrenten), für Literaturkritiker, für Sprachforscher.
Aber es verwundert schon, warum Teile der Handlung [der deutschen Übersetzung] in Mittelhochdeutsch und Neuhochdeutsch verfaßt sind, wo doch längst schon, nämlich immerhin auf Seite 310, verraten worden ist, auf welches Datum sich die Handlung bezieht: 16. Juni 1904, genauer auf die Zeitspanne – wie sich später herausstellen soll – von Tagesanbruch des 16. bis Tagesanbruch des 17. Juni 1904. Und dann wundert’s wieder nicht, denn, um die oben genannte Vermutung zu relativieren, Joyce scheint sehr wohl für Leser zu schreiben, indem er a priori mindestens drei Ellen hoch über den Kopf eines jeden potentiellen Lesers hinaus zielt (ihn also als tumben Narren ansieht). Fremdwörter, wohin das Auge blickt. Ganze 73 Seiten ohne jeden Punkt, jedes Komma oder Absätze (gab es dafür eigentlich einen Eintrag im Guiness-Buch der Rekorde?). Die Zerbröselung eines Textes in eine Folge von etwa vierhundert Kleinstabsätzen, die fast ausnahmslos mit einer Frage (manchmal auch nur einem einzelnen Fragewort) beginnen, die mehr oder weniger stringent mit den vorigen Absätzen zu tun haben. Manchmal erfährt man etwas über den (vermutlichen!) Protagonisten, Leopold Bloom, manchmal auch nur enzyklopädische Versatzstücke. Und darin gefällt sich Joyce: den Nimbus der Allwissenheit zu pflegen.
Wie ein überstolzer Pfau spreizt er sich und gockelt über die Buchseiten. Aber nicht die handelnden oder auch nur stichwortgebenden Personen bringt er näher, sondern seine immense Gelahrtheit. Da stimmt es ja beinahe schon versöhnlich, neben ein paar satztechnischen Stolperern (die mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht als gewollte Kniffe deklarierbar sind) auch einen bösen, bösen inhaltlichen Fehler ausmachen zu können. Auf Seite 913 findet man im Frage-Antwort-Bröselkapitel den Abschnitt: »In welchen Richtungen lagen Zuhörerin und Erzähler?
Zuhörerin Ost-Südost: Erzähler: West-Nordwest: auf dem 53. Grad nördlicher Breite und dem 6. Grad westlicher Länge: in einem Winkel von 45 Grad zum Äquator der Erde«.
ulysses_1Die nebenstehende Abbildung skizziert den im Text genannten Längenkreis (6° W) und den Breitenkreis (53° N) auf der Erdkugel. Dieser Punkt liegt in der Nähe von Wicklow (Irland), das etwa eine Autostunde süd-südöstlich von Dublin liegt. Für diesen Punkt soll es laut Text irgendwie eine Richtung geben, die mit dem Erdäquator einen Winkel von 45° einschließt.
In der Abb. ist eine Gerade skizziert, die, in der Tangentialfläche des „53°N, 6°W”-Punktes gelegen, mit der Tangente des aktuellen Breitenkreises einen solchen Winkel bildet. Der Vergleich mit dem Äquator (einem Kreis!) verbietet sich, da je nach Längengrad des jeweils betrachteten Äquatorpunktes sehr unterschiedliche Winkel zwischen jener Geraden und den Tangenten der Äquatorpunkte ermittelt werden.ulysses_2 Die neben­stehende Abb. vermittelt davon einen Eindruck.
Vielleicht hat Joyce ja den Äquator­punkt gemeint, der auf dem gleichen Längengrad wie Zuhörerin und Zuhörer liegt, aber das steht nicht im Text. Zudem sollen diese ja gegenüber der Nordrichtung in Winkeln von 112,5° (♀) bzw. 67,5° (♂) gelagert sein (und nicht mit 135° bzw. 45°). Oder soll etwa ein Neigungswinkel gegenüber der Äquator·ebene gemeint sein? Das steht so aber auch nicht im Text. Zudem hat das die Erdform beschreibende Ellipsoid im fraglichen Punkt eine Neigung von 36,8152° gegen die Äquatorebene (bei einer Kugel wären es exakt 37°). Alle Geraden aus der Tangentialebene verlaufen flacher als höchstens knapp 37°. Also meinte der Autor möglicherweise, daß die Lagerstatt von ihr und ihm irgendwie geneigt war? Das allerdings läßt sich bei derart gräßlich ungenauen Texten wohl kaum mehr feststellen.
Bliebe noch meine Wertung des Ulysses-Dingens: Wertung_0Stern

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Über ausgesucht

…desillusioniert
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22 Antworten zu Buch 90 – Ulysses

  1. finbarsgift schreibt:

    Hammerkritik aus der Ecke:
    ICH bin der Allergrößte
    hier auf Erden…

    • ausgesucht schreibt:

      … vergiß mir die Paralleluniversen nicht. 😉

      • finbarsgift schreibt:

        *hahaha*
        Deine Bescheidenheit kennt keine Grenzen, ich weiß

        • ausgesucht schreibt:

          Mit Bescheidenheit und Mauerblümchenmentalität findet man in Blogistan kaum Leser… :/

          • finbarsgift schreibt:

            Was meinst du denn, schätz mal, wie viele Leute – außer mir – deine völlig abartige Buchkritik noch lesen werden?
            Ich meine WIRKLICH LESEN, nicht anklicken!

            • ausgesucht schreibt:

              Oh, da hast Du eine große Frage gestellt. Ich kann nur raten! Leider gibt es bei WP ja nur die „angeklickt”-Statistik. Bei dieser schätze ich, daß binnen eines Quartals etwa 50 Leser geklickt haben werden (erinnere mich bitte um den 15. Dezember herum, die tatsächlich aufgelaufenen Klicks zu publizieren).
              Beim Lesen ist’s deutlich schwieriger. Ich unterstelle – bei aller Bescheidenheit! – eine „gelesen/geklickt”-Quote von etwa 5% für meine Artikel. Diese Quote sehe ich als einigermaßen unabhängig von den Attributen ab, die die jeweiligen Artikel haben: niedlich, putzig, provokativ, belehrend, fragend etc. Optimistischerweise sollten also im gerade gestarteten 3-Monatszeitraum gerade einmal 3 Lesende sich den Tort des Komplettlesens antun, also neben Dir noch max. zwei weitere.
              Und dann würde ich noch eine weitere Frage anschließen wollen: Wieviele von denen, die’s gelesen haben, sind möglichst vorurteilsfrei bereit, das Gelesene auch einwirken zu lassen? (Bonusfrage: Wieviele von denen, die’s nicht gelesen haben, geben ein vollmundiges (Vor)Urteil ab?) 🙂

  2. simonsegur schreibt:

    Ein halber Stern ist mir dann doch zu wenig – es sei denn, er bezieht sich wirklich nur auf die eigene Lesefreude. Aber geht’s bei Literatur immer nur da drum? Auch ich mag den Ulysses nicht und habe mich durchgequält. Interessanter weise fand ich den letzten Teil (Monolog der Bloom) als Hörbuch wesentlich angenehmer. Aber egal: Das Buch ist gut. Es brach die Strukturen des Romans auf. Es ist tatsächlich ein fantastischer Brocken Literatur. Aber mögen … tja, das nicht 🙂

    • ausgesucht schreibt:

      Nein, es ist keine Literatur! Ja, es ist ein Brocken. Das Phantastische daran schein mir allerdings höchstens zu sein, mit welcher Chuzpe die Leser zu Deppen herabgewürdigt werden.

      Und natürlich schreibe ich über und bewerte also auch die eigene Empfindung beim Lesen. Wie sollte ich denn wohl über die Affekte anderer schreiben können?!

  3. knipserei schreibt:

    Den „Fehler“, den Du entdeckt hast, kann ich mal in der kommentierten Ausgabe nachschauen, wie er dort ‚gelöst‘ worden ist.
    Niemand, der den „Ulysses“ das erst Mal liest, ‚kapiert‘ ihn. Und das ist absolut gut so, denn als Odysseus seine Fahrt unternahm, wußte er ja auch nicht, wohin es ihn trieb, was ihm passierte. Und Ulysses ist die „Kleinform Modern“.
    Es braucht natürlich etwas Grips um bspw. zu erkennen, dass die Teile die in mhd und nhd übersetzt worden sind (im Original komplett anders) sowie die verschiedenen Stile, die sich im Kapitel anschließen, das Werden der Sprache aufzeigen, während es im Kapiteltext um das Werden eines Menschen geht.
    „Ganze 73 Seiten ohne jeden Punkt, jedes Komma oder Absätze“ ist die absolute Neuerung in der Literaturgeschichte, der Bewußtseinsstrom, der Versuch, die wirren Gedanken, die man so beim Enschlafen hat, in Worte zu fassen.
    „Die Zerbröselung eines Textes in eine Folge von etwa vierhundert Kleinstabsätzen, die fast ausnahmslos mit einer Frage (manchmal auch nur einem einzelnen Fragewort) beginnen“ ist nichts anderes als eine Parodie auf den Katechismus.
    Joyce gefällt sicherlich nicht, den Nimbus der Allwissenheit zu pflegen, aber die Vielwissenheit schon. Ich kann die nur empfehlen bei der nächsten Lektüre auf a) die Kastanie zu achten und b) auf die Seife!

    • ausgesucht schreibt:

      O ja, den Eindruck hatte ich auch: man muß nur möglichst viele Versatzstücke möglichst nebulös sporadisch auftauchen lassen, es wird sich mit Sicherheit jemand finden, der ein phantastische Story daraus zusammenbaut und sie dem Autoren als geniale Erfindung in den Mund legt. Und niemand will sich lumpen lassen, das, was ein anderer interpretiert, nicht auch gesehen haben zu wollen und noch einiges darüberhinaus. Und doch ist der König nackt…

  4. lawgunsandfreedom schreibt:

    Mit Ulysses kämpfe ich seit rund 30 Jahren. Wird vielleicht mal wieder Zeit ihn hervorzukramen. Er steht genau neben dem „Abenteuerlichen Simplicissimus“.

    • ausgesucht schreibt:

      Mir persönlich sagt der Teutsch vom Grimmelshausen etwa zehnmal mehr zu als der joycesche Bloom. Aber das ist ja unstreitbare Geschmackssache… ^_^

      • lawgunsandfreedom schreibt:

        Der Grimmelshausen ist ja alles andere als kryptisch – Joyce dagegen ist Experte, was kryptische Vieldeutigkeit angeht. Ich finde das sowohl spannend, als auch anstrengend. ^_^

        • ausgesucht schreibt:

          Hmm, ‘alles andere als kryptisch’ mag ich so nicht gelten lassen…

          Aber das Konstrukt ‘kryptische Vieldeutigkeit’ finde ich außerordentlich kryptisch (ohne allzu anstrengend zu sein). ^_^

  5. YDU schreibt:

    Nach eingehendem Studium des Beitrags und der Kommentare komme ich zum Schluss, dass Asterix und Obelix … Ok, ich lasse es bleiben, aber trotzdem stehe ich dazu, dass sozusagen alle Ausgaben durch die tragende Gestalt des Obelix zur „schweren“ Literatur gerechnet werden müssten, aber kaum ausgesprochen wird man von selbsternannten Experten belächelt, die vermutlich einfach nur die falschen Titelseiten überflogen haben … Auch geografisch wird der Leser äußerst intensiv gefordert, über die minutiöse Darstellung historischer Schlüsselereignisse will erst gar nicht sprechen! Ob der liebe Joyce über meine Gegenüberstellung sehr enjoyed sein würde, wage ich zu bezweifeln. Zum Schluss sei noch ganz klar gesagt, wer die Tausendergrenze nicht eindeutig zu überschreiten vermag, kann mich persönlich nicht reizen! In diesem Sinne bekommt der liebe James von mir zwei Sterne, um sein Bemühen zu belohnen. So großzügig war ich schon lange nicht mehr, liegt wohl an der intensiven Sauerstoffzufuhr der letzten halben Stunde … 😉

    • ausgesucht schreibt:

      Hach, der Kommentar gefällt mir, denn er bringt mich zum Lächeln (und das keineswegs als ‘selbsternannten Experten’). 🙂

      Soso: »wer die Tausendergrenze nicht eindeutig zu überschreiten vermag, kann mich persönlich nicht reizen«? Ja ist’s denn meine Schuld?! Hätte James sich nicht gescheut, noch ein paar mehr Buchstabensuppen zu kaufen, hätte er doch die Tausendermarke spielend überschreiten können. So aber muß man auf der Höhe des Buchstabensalates feststellen, daß dort hinten am Horizont die nächste spannende Herausforderung wartet… 😉

      • YDU schreibt:

        Vielleicht im nächsten Leben! Fragt sich nur, woran ich ihn erkennen soll, falls er nicht mehr James heißen sollte … 😉

        • ausgesucht schreibt:

          Wieso denn erst im nächsten Leben? Mir wär’s zu riskant, mich darauf zu verlassen – vielleicht werde ich ja als Blind·schleiche wiedergeboren, dann hat es sich was mit Lesen…
          Und da Namen eh nur Schall & Rauch sind, würde ich eh nicht auf James warten. Möglicherweise versteckt sich Sam J. E. pseudonymisch hinter James? Kann man’s wissen? 😉

  6. alltagsfreak schreibt:

    Um diese Uhrzeit ließt sich das besonders leicht 🙂 Mein damaliger Mathe Prof. sah aus wie Kurt Felix. Nur bei ihm hieß es nicht: „Verstehen Sie Spaß?“ sondern eher: „Verstehen Sie Mathe?“

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