völkische Sprechchöre im Jahr 1989

Ach, so liebe ich das! Mit unhaltbaren Parolen soll mir ohne jede Möglichkeit zu geistigem Widerstand in den Schädel gehämmert werden, was Recht und Ordnung ist: »Enthemmte Demonstranten haben in Dresden Parolen skandiert, wie wir sie aus dem Dritten Reich kennen. Ihr völkisches Denken ist unvereinbar mit Rechtsstaat, Demokratie und Menschenwürde« (Quelle: Welt.n24).
Ich habe in Reportagen und Kameraübertragungen Menschen gesehen, die ihr Recht auf freie Meinungsäußerung geltend gemacht haben. ‘Enthemmt’ waren die meisten von ihnen höchstens in dem Sinn, daß sie die staatsdemagogischen Scheuklappen nicht tragen wollen. Keinem war etwas anzusehen, das „völkisches Denken” anzeigt. Aber gerade der Begriff ‘völkisch’ ist aktuell ja wieder sehr in Mode gekommen – nein, nicht am braunen Rand der Gesellschaft, von dem ich mich strikt distanziere. Der ‘völkisch’-Begriff wird neuerdings gerade von den Gut- und Bessermenschen verwendet, um nonkonforme Menschen (jeglicher(!) politischer Couleur) zu diskreditieren und politisch unmöglich zu machen. Und dann ist es leicht, jeden Dialog mit derartig ‘politisch unmöglichen’ Leuten abzubügeln (vgl. hier), nicht ohne zugleich die Impertinenz zu besitzen, diesen(!) Leuten mangelnde Dialogbereitschaft zu unterstellen und vorzuwerfen.
Vielleicht sollte man gar nicht so sehr die Jahre von 1936 bis 1945 ins Visier nehmen, sondern das Jahr 1989? Drinnen ließ sich eine weltfremd gewordene und den politischen Wahrheiten entrückte Gesellschaft gegenseitig hochleben, während sich draußen politische Veränderungen mit Sprechchören(!) ankündigten…

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Über ausgesucht

…desillusioniert
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4 Antworten zu völkische Sprechchöre im Jahr 1989

  1. Marcello Francé schreibt:

    „Keinem war etwas anzusehen, das „völkisches Denken” anzeigt“

    Anzusehen? Wie sieht man das? frei nach dem Motto: Blond wie Hitler, schlank wie Göring, groß wie Göbbels?
    Ich denke, du machst da ein paar Rechtsextreme sehr unglücklich

    1989 – Seit aus einem Volk DAS (vollkommene?) Volk wurde, schon an dem Übergang zum völkischen. Und „während sich draußen politische Veränderungen mit Sprechchören(!) ankündigten“, wie vor paar Jahren – beim EM-Quali Spiel Serbien-Albanien das „Tötet, tötet die Albaner!“ Das war auch das Volk. Ok, ein anderes Volk, aber who cares? Außerdem war da ja noch was mit der Flagge – Bezug zu Wirmer- und Reichskriegsflagge nicht ganz ausgeschlossen. Hat schon jemand an 1932 gedacht?

    • ausgesucht schreibt:

      Ich sag mal so: meine Aufgabe ist es ganz sicher nicht, ‘ein paar Rechtsextreme’ glücklich zu machen. Und meine Absicht war es schon lange nicht. 🙂

      Was jetzt kommt, könnte ein wenig nach Schulterschlußfrage klingen, ist aber keinesfalls so gemeint. Können wir uns darauf einigen, daß das Reduzieren der komplexen Welt auf 1-Fakt-Wahrheiten (vgl. hier) praktisch ausnahmslos dumm ist? Ich habe noch keine Definition für „1-Fakt-Wahrheiten”, aber ich habe Beispiele: »Wir sind das Volk!« oder »Wer sich um die Zukunft der Nation sorgt, ist völkisch« oder »Nicht diesen, sondern Barabbas!«.

      • Marcello Francé schreibt:

        “Wer sich um die Zukunft der Nation sorgt, ist völkisch“ Dieser Satz kann nur gelten, wenn das Wort “deutsch“ drinsteht. “Völkisch“ ist ein genuin deutscher Begriff, deshalb wird er in Fremdsprachen ja auch nicht übersetzt: “Völkisch movement“ “Völkisch Observer“. Das heißt zwar nicht, dass es in anderen Ländern keine ähnlichen Konzepte gegeben hätte, man denke nur an das italienische “spazio vitale“, das dem “Lebensraum“-Konzept sehr nahe kommt. Wer disen Begriff positiv besetzen will, muss entweder dumm oder gefährlich sein.

        Wer sich um die Zukunft der Nation sorgt, weil die Abhängigkeiten vom Ausland steigen, wir mit unseren Waffen die Welt destabilisieren, Extremisten jeder Couleur an Einfluss gewinnen, ist nicht völkisch. Wer dagegen sagt, die überlegene deutsche Rasse (obwohl; der Begriff ist aus der Mode geraten, wohl eher “Identität“ oder so etwas abstraktes) werde durch eine “Umvolkung“ dezimiert: http://www.huffingtonpost.de/2016/09/24/bettina-kudla-angela-merkel-umvolkung-_n_12166254.html oder gar willentlich durch “Invasoren“ http://www.huffingtonpost.de/2016/06/04/steinbach-invasion-tweet_n_10298398.html vernichtet, ist es in meinem Verständnis schon.
        Im Grunde genommen ist das als nichts anderes als ein Aufruf zum Rassenkampf. Ob dabei das Wort völkisch oder Rasse verwendet wird, ist nicht relevant, wie man an Ruanda sehen kann.

        Ach ja, die Matthäuspassion von Bach. Die ist toll. Pilatus sprach zu ihnen: “Was soll ich denn machen mit Jesu, von dem gesagt wird, er sei Christus?“ Sie sprachen alle: “Laß ihn kreuzigen!“ Der Landpfleger sagte: “Was hat er denn Übels getan?“

        [Hier irgendwelche substanzlose Anschuldigungen radikaler Hassprediger jeglicher Art einfügen, Rezitativ und Arie des Soprans werden sowieso niedergeschrien]
        Sie schrieen aber noch mehr und sprachen:

        “Laß ihn kreuzigen!“

        • ausgesucht schreibt:

          Naja, den „kleinen Exkurs” zu Deiner Sicht des „völkisch”-Begriffes unterstüze ich. Nur geht es in dem Artikel doch eher um etwas kleinwenig anderes. Gut, zugegeben, mein Satz ist mißverständlich und hätte viel unübersichtlicher daherkommen müssen. Nicht nur: „Wer sich um die Zukunft der Nation sorgt, ist völkisch”, sondern vielleicht: „Wer sich ohne chauvinistische, rassistische oder nationale Überheblichkeit um die Zukunft der Nation (im Sinne zukünftiger Stabilität und Prosperität) sorgt, wird neuerdings als völkisch denkend verunglimpft”. Und in diesem Zusammenhang meine ich, daß es sehr wohl relevant ist, ob das Wort „völkisch” an sich verwendet wird, denn es ist ohne jeden Zweifel negativ konnotiert. Dieses Wort dann jedoch zu benutzen, um Mitbürger, die keine(!) unlauteren politischen Ziele verfolgen [und die deshalb noch lange nicht frei von Irrtümern sind, nur den einen, nämlich sich als Übermenschen gerieren zu wollen, eben nicht haben] zu verunglimpfen und zu verleumden, ist Demagogie vom feinsten…

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