[Müller-Ullrich] Vinyl – zurück in die Zukunft

Auf kulturradiorbb wurde heute um 7:10 Uhr ein außerordentlich hörenswerter Kommentar von Burkhard Müller-Ullrich ausgestrahlt. In der Mediathek sind Müller-Ullrichs Gedanken zum Thema „Vinyl – zurück in die Zukunft” noch bis zum 8.11.2016 hörbar (Mediathek-Link, ab 47. Sekunde). Diese Gedanken sind zweifelsohne spannend genug, um sie auch später noch einmal nachlesen zu können:

»Der Mensch hat zwar nur fünf Sinne, aber die Palette unserer Wahrnehmungen ist so gut wie unbegrenzt. Schon die Anzahl möglicher Geschmacksnuancen läßt sich auf keine Weise festlegen. Es gibt immer noch eine Schattierung, noch ein Aroma mehr. Und es gibt Gaumenkünstler, die solche subtilen Unterschiede besser herausschmecken als der Durchschnittsmensch. Dazu gehört natürlich Übung.
Unsere Sinne lassen sich durch Training schärfen. Manche Weinkenner können bei Blindverkostungen einen alten Bordeaux jahrgangsgenau bestimmen. Oder ist das bloß Mythos und Mumpitz? In Filmen und Romanen werden solche zirzensischen Fähigkeiten ja gern als Lug und Trug dargestellt, einfach weil sie so unglaublich sind. Aber Messerwerfer treffen im Regelfall auch hundertprozentig, obwohl wir uns nicht vorstellen können, wie soetwas möglich ist. Genauso gibt es Menschen, die bessere Ohren haben als andere, vielleicht sogar das absolute Gehör. Und es gibt solche, die einen Hifi-Kult betreiben, daß man an ihrem Verstand zweifeln möchte. Sie brauchen Stereoanlagen mit 1000 W-Lautsprechern und Röhrenverstärker, deren Bauteile von einem Erleuchteten in Monaten ohne „r” mundgeblasen werden. Und sie stellen sich das in ihrem Wohnzimmer auf, um von ihren Gästen danach gefragt zu werden.
Die Renaissance der Vinyl-Schallplatte ist etwas für solche Leute. Sie ist zur Hälfte Kulturgeschichte und zur Hälfte Hokuspokus. Um den Klang einer analogen Schallplatte vom Klang eines digitalen Tonträgers zu unterscheiden, bräuchte man Ohren, mit denen man auch einen alten Bordeaux am Geräusch im Glas erkennen kann. Trotzdem darf man Schallplatten als solche lieben. Sie sind ja schöne mit Erinnerung und Überlieferung aufgeladene Gegenstände. Und da Sinneseindrücke nie für sich alleine stehen, sondern stets mit anderen gemischt und von ihnen überlagert werden, mag mancher Schallplattenhörer finden, die Aufnahme klinge wärmer und voller als eine Computerdatei. Beim Essen genießt ja auch das Auge mit. Und eine kunstvoll angerichtete Platte schmeckt ganz anders als dieselbe Mahlzeit, lieblos auf den Teller geklatscht.
Das Marketing von Schallplatten beruht also auf einem etwas frivolen Spiel mit biologisch-physikalischen Gegebenheiten respektive Unmöglichkeiten. Aber welches Marketing versucht uns nicht bei unseren Wahnvorstellungen zu packen und diese zu bewirtschaften? Und beruht nicht jede Reproduktion irgendwie auf Sinnestäuschung? Die Bewegung des Kinofilms entsteht durch unser Unvermögen, 30 Bilder pro Sekunde zu erfassen und zu unterscheiden. Auch in der Musik ist die technische Reproduktion notwendig ein Akt der Reduktion. Es sind eben nicht mehr Flöten, Geigen und Hörner, welche die Luft vibrieren lassen und den Schall erzeugen, sondern es sind Lautsprecher mit Pappmembranen.
Weil wir das als Verlust empfinden, sind wir so empfänglich für die Vorstellung, es gäbe Mittel und Wege, die wahre und totale Fülle der Töne zu bewahren. Die Renaissance der Schallplatte im obersten Feingeistsegment verkörpert genau diese Sehnsucht.«

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Über ausgesucht

…desillusioniert
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16 Antworten zu [Müller-Ullrich] Vinyl – zurück in die Zukunft

  1. lawgunsandfreedom schreibt:

    Ich erinnere mich noch gut, wie die ersten CD-Player von der Stiftung Warentest getestet wurden. Als zu vergleichendes Referenz-System diente ein Oberklasse-Plattenspieler (Lynn Axis mit Goldring-System). Der CD-Player hat knapp gewonnen.

    HiFi-Zeitschriften sahen sich dann das Setup an und bemerkten, daß die Test-Techniker, um einen Referenzwert zu haben, den Tonarm – regelwidrig – so stark belasteten, bis ihre Messgeräte einen quantifiizierbaren „Brumm“ anzeigten, den ein fachgerecht eingestelltes Gerät eben nicht abgibt. Die HiFi-Magazine stellten dann mit ordnungsgemäß justierten Geräten den Test nach, den der CD-Player erwartungsgemäß haushoch verlor.

    So bequem der CD-Player ist (und heute die MP3-Dateien) … es ist doch etwas ganz anderes, eine schwarze (oder auch bunte) Vinylscheibe auf den Teller eines ordentlichen Plattenspielers zu legen.

    • ausgesucht schreibt:

      Ich hatte den Auflagedruck des Tonarms extrem reduziert (wenn’s blöd kam, ließ eine auf dem Flur laufende Person – ich war zu der Zeit Insasse eines Internates – die Abtastnadel hüpfen) und dadurch eine Dynamik hören können, die das Fraunhofer-Surrogat nicht einmal näherungsweise erreicht. Andererseits wiegen die Bequemlichkeit und das nunmal nicht vorhandene Knistern den Mangel an Tonqualität zu einem erheblichen Anteil durchaus auf. Denn die Abspielbedingungen sind durch Nebengeräusche aus der Wohnung und von drumherum schlecht genug, eine super Tonqualität ohnehin nicht ausschöpfen zu können…

      • lawgunsandfreedom schreibt:

        Das mit dem hüpfenden Tonarm kenne ich auch gut. Ich hatte mir dann einen 120 kg schweren Betonblock als Fundament für den Plattenspieler besorgt. Da springt dann nichts mehr. Und um Nebengeräusche zu minimieren hatte ich hochklassige Studiokopfhörer von Beyer und Sennheiser.

        • ausgesucht schreibt:

          Ach ja, Kopfhörer. Die klassische Musik habe ich in meiner „Sturm und Drang”-Phase entdeckt. Speziell Orgelmusik. Und ich empfinde (noch heute) Orgelmusik und Kopfhörer als vollkommen unvereinbar. Die Musik muß die Kleider zum Wehen und die Lungenflügel zum Beben bringen – das schafft kein Kopfhörer. ^_^

          • lawgunsandfreedom schreibt:

            Ok, Toccata und Fuge müssen die Fenster und das Geschirr in der Anrichte zum klirren bringen. Vollkommen d’accord. ^_^

            Die Brandenburgischen Konzerte gehen auch mal mit Kopfhörer, aber Klassik allgemein habe ich schon gerne laut und bevorzugt live. Da sind ja ein paar Sinne mehr beteiligt, als nur die Ohren.

            Ein Freund von mir hat 2 schrankhohe Elektrostaten aus den ’60ern. Da konnten meine sündteuren Studio-Monitore kaum mithalten (trotzdem hätte ich sie nicht verkaufen dürfen, das bereue ich zutiefst).

            • ausgesucht schreibt:

              … es war schon immer mein Verdacht, daß die musikwissenschaftliche Erklärung, das Genre „Fuge” hätte was mit „fügen”, nämlich dem Zusammenfügen” zu tun, nicht die ganze Wahrheit sein kann. Bei (nicht nur) meiner Art des Musikkonsums hat es auf alle Fälle auch etwas mit „aus den Fugen geraten” zu tun; ich sag nur Schalldruck und Posaunen von Jericho. 😉

              • ausgesucht schreibt:

                Beeindruckend! Aber bei Infraschall (und auch nahe dran) sind Kopfhörer für’n Ar*ch, wie immer dieses anatomische Problem gelöst werden kann. Aber die Regel schreibt ja einen Insassen vor. Ich würde meine Schwiegermutter verwetten, daß jener mit dem zweiten Vornamen „Ludwig van” heißet. ^^

              • lawgunsandfreedom schreibt:

                Tja, die haben noch nie was von Körperschall/Knochenschall gehört. Ich jedenfalls würde von solchen Aktionen Abstand halten. Erstaunlich genug, daß ich nach über 10 Jahren DJ-Tätigkeit noch so gut höre.

              • ausgesucht schreibt:

                … das ist ja ’ne Überraschung. Nein, nicht das gute Hören, sondern das Bugsieren von Scheiben. Nö, das hätte ich nun beim besten Willen nicht vermutet. Wahrlich ein breites Tätigkeits- und Interessengebiet, alle Achtung.

              • lawgunsandfreedom schreibt:

                Tja – das war so eine Nebenbeschäftigung Anfang der ’80er bis Mitte der ’90er. BritPop, Indie, New Wave, Punk, Gothic, EBM, Electro, NDW, Crossover, Grunge … was halt damals so in den Untergrund-Schuppen gehört werden wollte. Der Laden war für 260 Gäste zugelassen. Im Allgemeinen haben darin aber ca. 300-320 Leutchen Sardine gespielt und sich trotzdem prächtig amüsiert.

                Da gibt’s heute noch jährlich Revival-Parties, organisiert von Leuten, die mir meine verstaubten DJ-Set-Listen abbetteln, um dann das gute alte Feeling wieder aufkommen zu lassen 😀

              • ausgesucht schreibt:

                Ach so, das ist ¼ Jahrhundert her! Irgendwie hatte sich die Vorstellung bei mir eingeschlichen, das Auflegen sei ein aktueller „Zeitvertreib”; ich wollte schon vor Ehrfurcht auf die Knie sinken. 😉
                Ich habe vorhin „aufgelegt”, aber nur eine Silberscheibe (die 4. Symphonie von Bruckner) und auch nur bei der Wohnzimmeranlage. Ach, ich vergaß: da gab’s noch eine 2. Scheibe, nämlich „Death of a Clown” von The Kinks – Ruhe sanft, Oleg Popov.

              • lawgunsandfreedom schreibt:

                Heavens, no! Das was da heutzutage an Musik verkauft wird ist doch größtenteils nur Abklatsch und Nachhall grandioser Zeiten. (Ok, ich bin in den 80ern hängengeblieben und mir geht’s immer öfter wie Billy Joel)

                Ich hatte vorhin noch Max Bruch auf dem Plattenteller. Ein Urgroßonkel mütterlicherseits – um ein paar Ecken – was zumindest der Familienstammbaum behauptet. Als Gegengewicht gab es dann Tuxedomoon und Bauhaus.

                Dem Oleg Popov bin ich leider nie über den Weg gelaufen obwohl er lange hier in der Gegend gelebt hat. Außerdem hatte ich es nie so mit Clowns. 😀

              • ausgesucht schreibt:

                Was Du da über den Nachhall aus grandiosen Zeiten geschrieben hast, findet meinen Beifall! *Applaus-Applaus-Applaus*
                Irgendwann wird man die heutige Zeit als das Dezennium der Cover-Versioen bezeichnen, allerdings der miserablen. *hmmpf*

                Aber den Vogel hast Du mit dem „Urgroßonkel mütterlicherseits” abgeschossen! Wie lebt es sich mit einem Stammbaum, der beinahe schon als Singendes, klingendes Bäumchen bezeichnet werden könnte? ^_^

              • lawgunsandfreedom schreibt:

                Für meinen Stammbaum kann ich nix und ich fürchte dieser singende, klingende Ast ist abgestorben. Nur ein paar vertrocknete Blätter rascheln noch im Wind. ^_^

                Was die Cover-Versionen-Epidemie angeht – die hat ja schon in den 90ern angefangen. Teilweise waren da recht gute Sachen dabei, aber es wurde immer schlimmer. Nichts gegen Neuinterpretationen, aber wenn die so herz-, geist-, stil- und talentlos umgesetzt werden, kann man gut drauf verzichten.

              • ausgesucht schreibt:

                Ganz genau! Klar doch, es gibt/gab wohltuende Ausnahmen, aber die Mehrheit ist so, wie Du es treffsicher beschrieben hast…

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