Buch 94 – Lichtenberg

cover_schoeneWer hätte wohl noch nicht Lichtenbergsche Sinn­sprüche gehört, wie sie A. Schöne in seinem Büchlein Aufklärung aus dem Geist der Experimentalphysik zusammengetragen hat, um an ihnen das Besondere an Lichtenbergs Gebrauch des Konjunktivs zu illustrieren:
S. 40 »Es gibt Leute, die glauben, alles wäre vernünftig, was man mit ernsthaftem Gesicht tut.«
S. 86 »Ich bin überzeugt, daß, wenn Gott einmal einen solchen Menschen erschaffen [würde], wie ihn sich die Magistri und Professoren der Philosophie vorstellen, er müßte den ersten Tag ins Tollhaus gebracht werden.«
S. 144 »Man könne „nicht vorsichtig genug sein in Bekanntmachung eigner Meinungen, die auf Leben und Glückseligkeit hinaus liefen, hingegen nicht emsig genug, Menschen-Verstand und Zweifel einzu­schärfen”, hat Lichtenberg gemeint.«
Anhand dieser und noch Dutzender anderer Beispiele versucht der Autor darzutun, daß die auffällige Häufung grammatikalischer Strukturen, die in einem Zusammenhang mit Konjunktiven stehen, im Vergleich zum Sprachgebrauch der damiligen Zeit als besonderes „heuristisches Hebzeug” anzusehen sei. Was da auf 157 Seiten vorgetragen wird, klingt gut und überzeugend; zumindest klänge es so, wenn es nicht zwei Einwände gäbe.
Zum einen stammen die meisten Texte, die zu der atemberaubenden Konjunktiv-Statistik führen, aus Lichtenbergs Sudelbüchern, einer Sammlung von Notizen und Gedanken­skizzen, die nicht zum Veröffentlichen vorgesehen waren. Mithin konnte es wohl kaum Absicht Lichtenbergs gewesen sein, eine Bedienungsanleitung seines auf Konjunktiven beruhenden heuristischen Hebzeugs vorlegen zu wollen. Könnten seine Konjunktive nicht schlichtweg aus einem grammatikalisch sauberen Stil resultieren – der heutzutage beinahe schon der Vergessenheit anheimgefallen ist –, Abweichungen vom Indikativ (nämlich Gedanken, Vermutungen, Skepzis gegenüber Unbewiesenem) in einer klaren gespro­chenen, aber vor allem geschriebenen Sprache zu fixieren?
Zum anderen könnte zu beachten von Vorteil sein, daß die als heuristisches Mittel durch Lichtenberg propagierten Gedankenexperimente ihn nicht als Physiker (als der er längere Zeit in Lohn und Brot stand) zu bahnbrechenden Erkenntnissen geführt haben, dessen Ruhm noch heute strahlt, sondern als Sudelbuchschreiber…

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…desillusioniert
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