sinnlose Zeitung(en)

Als ich auf dem Bahnhof angekommen war, stellte ich mit einigem Unmut fest, daß ich meine Reiselektüre bei meinem Gastgeber hatte liegenlassen. Also erkor ich eine Zeitung, um stichprobenhaft abzuschätzen, was mir wohl entgehe, wenn ich mich per Funk und im iNet über das Weltgeschehen informiere. Die Wahl fiel auf:nd_20161203Ein Stückpreis von nur Euronen 2,30. Finde ich etwas happig im Vergleich zu meinem derzeitig einigermaßen mühsam finanzierbaren Lebensmittelbudget von etwa 32 Euronen pro Woche. Das sind nämlich etwa 2,25 € pro Mahlzeit. Und Mittag, wie der aufmerksame Leser sicherlich gerade soeben im Kopf überschlagen haben wird, fällt ohnehin aus wegen ‘is nich’ (was durchaus sowohl als ‘ist nicht’ als auch als ‘iß nicht!’ verstanden werden darf). Also habe ich erwartungsfroh auf ein Abendessen verzichtet und nich stattdessen ein paar Papierseiten zugewandt. Doch schon auf Seite 1 stellte sich die Persitaltik unweigerlich auf rückwärts. Grund dafür war die Kolumne „unten links”:

Obwohl in den letzten 25 Jahren unter den Ureinwohnern Berlins kleine zivilisatorische Fortschritte erzielt wurden (Erlernen rudimentärer menschlicher Laute, Verwendung von Besteck), bleibt leider festzustellen: Noch immer existiert in Berlin kein Restaurant. Gut, zugegeben, es gibt markierte Futterstellen für Einheimische (»Alt-Berliner Küche«) und sogenannte Imbissstuben, in denen man gegen Entrichtung geringen Entgelts kleingehäckselte (»Pampe«) oder zu größeren Brocken gepresste Speiseabfälle, das traditionelle Lieblingsgericht des Berliners, erwerben kann. Doch sei Reisenden, die die Berliner »Küche« (»Hoppelpoppel«) nicht gewohnt sind, dringend vom Verzehr abgeraten. Ein Zwiebelrostbraten, der diese Bezeichnung verdient, also nicht aussieht wie Katzenkotze und schmeckt wie Teerpappe, ist nicht zu bekommen. Im Umland von Berlin, einem unwirtlichen Landstrich, dessen Bewohner von Tierfutter (»Teltower Rüben«) leben, übrigens auch nicht. tbl

Wer könnte wohl mit ‘den Ureinwohnern Berlins‘ (die Hervorhebung ist Element des journalistisch investigativen Glanzstücks) gemeint sein? Da es irgendwie um die ‘letzten 25 Jahre‘ gehen soll – wobei wahrscheinlich die letzten zurückliegenden 25 Jahre gemeint sein dürften –, handelt es sich um einen Zeitpunkt um das Jahr 1991 herum, zu dem offenbar nicht einmal ‘rudimentäre menschliche Laute oder die Verwendung von Besteck‘ beobachtbar gewesen sein sollen. Ich habe keine Idee, in welchem Gehege der Tintenkleckser, der da „seine Wahrheiten” glaubt verkünden zu müssen, Freigang hatte, aber es dürfte, wenn es tatsächlich in Berlin gewesen sein soll, sich sehr wahrscheinlich um eine geschlossene psychiatrische Klinik gehandelt haben. Auch andere Weisheiten sind nicht unbedingt wahr: ‘Noch immer existiert in Berlin kein Restaurant.’ Die Suche „berlin restaurant” beantwortet der iNet-Crawler mit dem Doppel-O in 0,69 Sekunden mit etwa 64,7 Mio. Treffern. Doch was will man schon von einem Schreiberling erwarten, der offenbar weiß, ‘wie Teerpappe’ schmeckt – aus eigenen Eßgewohnheiten?
Ist das nicht gemein? Da verzichte ich für ein solches Käseblatt auf das Abendessen und kotze mir nach dem Lesen (zur Strafe?) auch noch das letzte zurückliegende Frühstück aus der Leib. Und dabei stehen diese Schmierereien doch längst (siehe hier, Artikel vom 3.12.2016) im iNet zur Verfügung… 😦

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Über ausgesucht

…desillusioniert
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41 Antworten zu sinnlose Zeitung(en)

  1. Marcello Francé schreibt:

    Warum tust du dir das an? Liest du als Ausgleich dazu wenigstens Junge Freiheit und Dabiq? Interessant übrigens immer wieder der Zusammenhang zwischen Verstaubtheit der Ideen und gewünschte Vermittlung der Innovativität: “jung“, “neu“ usw. Bestimmte Begriffe im Parteinamen wie “Freiheit“, “Recht“, “Gerechtigkeit“ “Einigkeit“ sollte man auch mit Umsicht begegnen… Naja, anderes Thema

    • ausgesucht schreibt:

      Warum ich mir das antat? Zum einen aus dem Grund, den ich eingangs des Artikels skizziert habe, zum anderen, um meinen Ablehnung altertümlicher Nachrichtenmedien empirisch und nicht nur aus meinen Vorurteilen heraus zu begründen. 🙂

      • lawgunsandfreedom schreibt:

        Meine Regionalzeitung ist informativer als die „großen überregionalen“ Schmierblätter. Vor allem, weil die Journos da meist noch selbst mit den Leuten sprechen und nicht einfach nur Agenturmeldungen abtippen oder kommentieren.

        • ausgesucht schreibt:

          … das ist ein interessanter Effekt – ich kann ihn durchaus aus eigener Erfahrung bestätigen.

        • Marcello Francé schreibt:

          Da ist insofern was dran, da es oft einfach reicht, die dpa Meldungen zu lesen, um die Nachrichten für ein halbes Dutzend Zeitungen vorherzusagen. Andererseits gibt es ja im neuen Medium auch “Nachrichten“, die auf Meldungen einfach verzichten (die bestimmen sie eher so nach Gefühl- oder Facebookmitteilungen). Erinnert mich eher an das Mittelalter.

          Andererseits*: Beitrag SIPBIRCIkgA auf youtube.com

          —————
          *) Anmerkung von sinnsucht: Wegen der eklatanten Unsicherheit bei Urheberrechten verzichte ich auf die Veröffentlichung derartiger Links. Der Beitrag, auf den Marcello Francé verweist, ist auf youtube unter der Kennung „SIPBIRCIkgA” einsehbar.

          • lawgunsandfreedom schreibt:

            Jo, Quelle:Internet – auch nicht die feine journalistische Art. Meinungs-, Gesinnungs- und Gerüchte-Journalismus. Auch da bekleckern sich die Leitmedien nicht grade mit Ruhm. Und es wird halt viel zu viel voneinander abgeschrieben ohne eigene Recherche und Quellen-Prüfung. Das Video guck‘ ich später mal. Zu wenig Zeit grade.

            • ausgesucht schreibt:

              … und nicht vergessen: die Leitmedien sind ja in Wirklichkeit Leidmedien, weil sie ein solches kübelweise über die Köpfe ihre Rezipienten bringen (und nicht etwa, weil sie selbst litten). Und manchmal sind es Druckmedien, weil sie halt einen solchen ausüben, und nicht zu wenig. ^^

      • Marcello Francé schreibt:

        Wobei die Ablehnung “altertümliche[r] Nachrichtenmedien“ bei mir zumindest meine Skepsis gegnüber “vorgeblich moderen Nachrichtenmedien“ auch nicht vermindert…
        Allerdings muss ich mir dafür nichts kaufen, um das Vorurteil zu begründen 🙂

        • ausgesucht schreibt:

          Doch ja, sie sind moderner, zumindest was den Prozeß der Datenbereitstellung/-übetragung angeht. Inhaltlich teile ich Deine Zweifel, und das beinahe ohne jedes Vorurteil… ^^

  2. filmgeist9 schreibt:

    Ich habe mal in dem Metier gearbeitet, Bahnhofsbuchhandel. Dort wurde mir erst bewusst was für einen Scheiß an Zeitungen gibt, manches auch nur unter der Theke. Aber jedem das seine.

  3. YDU schreibt:

    Lehrreich, sehr lehrreich, unter diesem Aspekt solltest du die augegebenen Euronen verbuchen. Mindestens ein Mitarbeiter der Zeitung deiner Wahl ist in der Lage Katzenkotze mit Teerpappengeschmack mit dem gängigen Zwiebelrostbraten zu vergleichen und kommt zu einem doch etwas überraschenden Ergebnis, dessen Ursache man nur erahnen kann. Aus dem Leben – für das Leben, was kann es Besseres am Markt geben? Was den peristaltischen Retourgang betrifft, da würden mich einige Details dieses Vorgangs interessieren – oder auch nicht, habe es mir gerade anders überlegt!

  4. The PetSchmi schreibt:

    Wird Zeit, dass der „Jürgen“ (gemeint ist der aus dem „Elsass“ 🙂 mal wieder für das ND-Blättchen schreibt. Aber „ob se den nochmal ranlasse“, wo er doch inzwischen so „rechtsradikal“ (nach eigenem Bekunden „nationalbolschwewistisch“, was auch immer das heißen mag) geworden ist?!

    • ausgesucht schreibt:

      Das ND-Blättchen war mal ein Käseblatt (im Sinne von: es war die von der Obrigkeitskaste verordnete Makulatur, um den gesellschaftlichen Käse zu kaschieren), zeigte eine (leider zu) kurze Zeitspanne lang, wie freidenkender (im Gegensatz zum gegängelten) Journalismus funktionieren kann, und scheint jetzt vollends abgrutscht zu sein in den Sumpf sinnentleerter Biertischparolen…

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