Buch 95 – Die unsichtbare Pyramide

Was wiegt eigentlich mehr, ein Buch oder die Geschichte um ein Buch herum? Ja sicher, das hängt vom Buch ab und von der Geschichte.
Ich für meinen Teil habe ein Geschichtchen gefunden, das deutlich schwerwiegender ist als das Buch „Die unsichtbare Pyramide” von Ralf Isau.
Und dabei hätte ich gewarnt sein müssen: das Buch lag als „Spende” an anonyme Stadt­streicher am Wegesrand und war gewissermaßen noch jungfräulich. Es war – der ungebrochene Paper­back-Rücken macht die Vermutung zur Gewißheit – noch nicht gelesen worden, jedenfalls nicht über die zwanzigste Seite hinaus. Auf dem Frontispiz stehen vier „Bezeichner”, die wahlweise als Spitznamen des/der Vorbesitzer(s) (♀ oder ♂) verstanden werden wollen (in Anlehnung an das Bild des Einbands, einer Phantasiekulisse aus altägyp­tischer Zeit, sogar in Namenskartuschen plaziert) oder als recht deftige Kurzkritiken. Diese Indizien hatte mein Unterbewußtsein erfolgreich ignoriert, wahrscheinlich überwog der Wunsch, mal wieder ein Büchlein zu lesen. Gewürzt war der Wunsch, wie es nunmehr scheint, durch zwei Motive, die offenbar einen mentalen Kurzschluß verursachten: Pyramide (siehe u. a. hier) und Möbiussches Band (siehe u.a. hier).
Die Geschichte ist sogar reizvoll. Irgendwie pulsieren 3 unterschiedliche Welten, die mit unserer Welt der jüngeren Vergangenheit und zwei historischen Versionen (diese allerdings als ggü. unserem historischen Kenntnisstand weiterentwickelte Zukunfts­versionen) Ähnlichkeiten aufweisen, und nähern sich alle Jubeljahre so sehr an, daß sie sich, was sie sonst nicht nachweislich tun, gegenseitig beeinflussen. Ab dann wird’s wirr. Irgendwie braucht es 3 Hokuspokusfiguren, die mit sagenhaften Fähigkeiten ohnehin schon ausgestattet sind oder diese anläßlich des „Welttreffens” erhalten, die das Welten-Triumvirat vor irgendwelchen Bedrohungen erretten müssen, da offenbar auch andere, die nicht wegen ihres Geburtszeitpunktes Auserwählte, aber eben doch weltenfühlig und vor allem böse sind, das Zusammenspiel der Welten irgendwie stören könnten…
Also werden ähnliche Geschichtchen aus ähnlichen und doch wieder nicht so ähnlichen Welten dreimal erzählt. Nach kaum einhundert Seiten fragt man sich, mit kalt den Rücken heraufkribbelndem Entsetzen die restlichen siebenhundert Seiten beäugend, welche Wüsten der Langeweile wohl noch durchschritten werden müssen.  Ein hilfesuchender Blick auf den Einband könnte beschwichtigen, wo man erfährt, daß das Buchsujet dereinst für die damals neunjährige Tochter des Autoren erfunden worden sei (und wohl, scheint’s, für eine pubertierende Klientel beibehalten wurde). Daher resultieren also die halbherzigen Anspielungen auf dieses & jenes in der Welt „da draußen”, auf Gott und die Welt. Daher also das Möbiusband, das sich als Metapher für was auch immer in diesem Roman als gänzlich ungeeignet erweist, aber halt recht schmückend daherkommt.
Im vorderen Teil des Bildes ist ein solches Modell zu sehen. Man müßte ihm schon einige Gewalt angedeihen lassen, damit es die Gestalt wie auf dem Bucheinband annähme.
Und nein, ein Möbiusband ist keineswegs zweidimensional! Würde man der gleichen „Logik” folgen, daß alles, was ohne über die Kante zu fahren mit einem Buntstift in einer Farbe bemalt werden kann, z. B. Vorder­fläche ist, dann wäre eine Kugel einflächig-zweidimensional.
Aber mal ganz anders gefragt. Wieviele Klebestellen braucht es mindestens, um zwei Papierstreifen als zwei Papierschlaufen (ein Möbiusband im Vordergrund und den etwas mehr „verdrehten Bruder” im Hintergrund) wie zwei Kettenglieder ineinander zu verschlingen?

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Über ausgesucht

…desillusioniert
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4 Antworten zu Buch 95 – Die unsichtbare Pyramide

  1. YDU schreibt:

    Der Hang Deines Unterbewusstseins für das Unsichtbare erscheint mir nicht uninteressant, obwohl sich die Story dann doch als etwas unterbelichtet heraus stellte …

    • ausgesucht schreibt:

      … vielleicht nur aus dem einen Grunde ‘etwas unterbelichtet’, weil mein Heiligenschein so hell strahlt, oder was drückt mich da? 😉

      • YDU schreibt:

        Mir scheint, dass der Schein der Heiligkeit etwas überbewertet wird, woraus sich natürlich eine Unterbelichtung meiner Sicht auf die häufig vorherrschende Schein&Heiligkeit ableiten ließe! Hmm, habe ich das gerade getippt oder handelt es sich um die hehren Ausläufer des Heiligenscheins, die mein Dunkel erhellten ?

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