Dilettantismus

Na klar, ’s mußte ja so kommen! Da hatte ich ein paar Tage frei, die ich intensiv nutzen wollte, um die Jobsuche mal wieder einen Schritt voranzubringen, und prompt werfen die Götter einem munter Knüppel zwischen die Beine.
Dabei hätte ich gewarnt sein sollen: vor ein paar Tagen meldete sich der DSL-Provider mit einer Email, daß in kürze ein „Technologieaustausch”, wie sie es nannten, ins Haus stehen würde, indem am 21. März eine Umstellung „auf eine moderne zukunftssichere Anschluss­technik” erfolgt. Mir schwante Böses. Scheinbar zu unrecht, denn alle Vorbereitungs­arbeiten liefen reibungsfrei ab. Das Begleitschreiben (mit Zugangspaßwörtern und individuellen Parametern) kam pünktlich per Snail-mail, auch der Router ward treulich vom Paketdienst zugestellt. Bis hierher war alles ok, zwei von zwei möglichen Punkten.
Dann kam der Tag der Umstellung. Das Aufbauen, Anschließen/Verka­beln verlief reibungslos (3 von drei möglichen). Doch das Freischalten gestaltete sich als Drama der besonderen Art (vgl. hier). Die „Program­mierer” des sogenannten Einrich­tungsassistenten sollten ihr Lehrgeld zurückfordern (jeder Informatikstudent im 1. Semester dürfte es besser machen). Da „verschwinden” plötzlich Schaltflächen, die allerdings nur per Mouse-Klick ausgelöst werden können (Keyboard-Tasten, wie ‘Return’ oder ‘ESC’, sind zur Untätigkeit verdammt), da werden Menüpunkte angesteuert, die gar nicht erfolgreich sein können, wenn die Freischaltung des Routers nicht möglich war. Und sie war nicht möglich! Die im Begleitschreiben angegebene PIN wurde schlichtweg nicht akzeptiert. Stattdessen kam der freundliche Hinweis, man solle sich an das Helpdesk des Providers wenden. Ja, wie denn?! Schon vergessen: der alte Router ist providerseitig deaktiviert worden, der neue tut’s nicht. Da also weder Telephonie noch Internet zur Verfügung standen, habe ich das Schlafzimmerfenster geöffnet und meine Anfrage an das Helpdesk in die sieben Winde gerufen. Erfolglos.
Zwei volle Tage ohne Telephon und Internet. Das relativierte irgendwie den eingangs genannten Plan intensiver Recherchen. Am dritten Tag (ich war gerade dabei, das LAN zwischen den Computern und dem neuen Router anzupassen) meldete sich ungefragt der Einrichtungsassistent und akzeptierte diesmal – Wunder über Wunder! – die PIN. Ich frage lieber nicht, warum es geht, sondern freue mich (wenngleich ein gewisser Argwohn bleibt), daß es irgendwie funktioniert…

Tja, warum könnte das wohl eine Blog-Notiz wert sein? Weil dieses Beispiel ein weiteres Indiz sein könnte, daß die Anthropologie ihre Aufmerksamkeit offenbar auf Unwesentliches richtet. Das hervorstechende Merkmal der Spezies Mensch ist wohl weder Abstraktions- noch Denkvermögen, sondern der Sozialverbund, bei dem ubiquitäres Unvermögen sozialisiert wird (siehe hier). Eine Gesellschft, in der Dilettantismus, Unvermögen und permanente Selbstüberschätzung nicht etwa nur Tagesordnung sind, sondern offenbar zum wesentlichen Funktionsprinzip gehören, braucht sich vor einem beispielsweise Atomschlag nicht zu fürchten, solange es eine Kaste gibt, auf die alles abgewälzt werden kann.

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Über ausgesucht

…desillusioniert
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29 Antworten zu Dilettantismus

  1. Bert schreibt:

    Der letzte Satz von Dir bringt es auf den Punkt!

  2. lawgunsandfreedom schreibt:

    Die Wunder der modernen Technik. Ich musste dem Techniksupport meines Providers auch schon zu verschiedenen Gelegenheiten erklären, wo die Fehler und Probleme lagen, die diese [beliebige Abfälligkeit einsetzen] nicht lösen konnten. Die entsprechenden funktionierenden Lösungen lieferte ich gleich mit. Einen Job bei denen habe ich gar nicht in Erwägung gezogen. Bei deren indiskutablen Gehaltsangebot hätte ich noch nicht mal den Bleistift fallen gelassen.

    Kein Wunder, daß der Support unter Einsatz Call-Center-Sklaven häufig so mies ist. Die haben einfach eine kurze Liste und wenn sich anhand dieser „common problems“ das Problem nicht lösen lässt, dann schicken sie einen kostenpflichtigen Techniker, der auch nicht weiterhelfen kann, weil das Problem halt beim Provider liegt. Wenn man Glück hat und hartnäckig ist, kann man ab und zu mal mit jemandem verbunden werden, der tatsächlich Ahnung von der Materie hat und weiterhelfen kann.

    Servicewüste Deutschland – mit uns kann man’s ja machen …

    • ausgesucht schreibt:

      Hm, da fallen mir spontan zwei Anmerkungen ein:

      • aus welchen Elementen besteht eigentlich Deine Liste ‘beliebiger Abfälligkeiten’? 😉
      • apropos ‘Servicewüste Deutschland’: wie lange noch? Oder etwa ad infinitum?! :-{

      Aber ganz im Ernst: Ist das die Absicht der Politiker-Gilde (von wegen „ausländische IT-Fachkräfte”) oder weiß sie – einmal mehr – überhaupt nicht, worüber eigentlich sie schwadroniert?? :/

      • lawgunsandfreedom schreibt:

        Hm, so was wie „Quasselstrippen ohne technischen Hintergrund“, „hilfloser Nicht-Support“, „Ahnungslose im LaLa-Land“, „Tech-Support-Simulationen“, „Hilfeleistungsvortäuscher“, u.v.a.m. Die saftigeren Ausdrücke möchte ich mal ungenannt lassen, sonst springt noch der maassche Hatespech-Zensor aus dem Monitor und würgt mich.

        Das mit der Servicewüste wird – fürchte ich – nicht besser, sondern eher schlimmer. Es gibt zu wenige gute Leute, die bereit sind für einen Hungerlohn zu arbeiten und sich von DAU^10 das Ohr abquatschen, oder beschimpfen zu lassen.
        – „Mein System geht nicht mehr!!!1!eins!!elf“
        – „Wat steht denn auf dem Monitor?“
        – „EIZO“
        – „Neee, das meinte ich nicht; ist wenigstens der Cursor noch da?“
        – „Nö, ich bin alleine im Büro …“
        (Ich weiß, alt, aber selbst erlebt …)

        Was die Politiker-Riege angeht, die wusste doch noch nie, wovon sie redet. Die Arbeit machen die Staatssekretäre die in Fachausschüssen herumsekretieren, oder praktischerweise gleich die Lobbyisten die Gesetze schreiben lassen. Die wissen schließlich am Besten, was ihr Klientel braucht.

        • ausgesucht schreibt:

          Yep, diese Liste gefallet mir! Wobei ich den ‘Hilfeleistungsvortäuscher’ favorisiere!…

          Und Deiner Einschätzung der ‘Politiker-Riege’, die ich durchaus teile, ist wahrlich nix mehr hinzuzufügen, jedenfalls nichts Wesentliches- 😉

  3. Sven Meier schreibt:

    So so, „die Anthropologie richtet ihre Aufmerksamkeit offenbar auf Unwesentliches“ – von mir aus. Aber wer legt fest, was Wesentlich und was Unwesentlich ist? Also ich finde die obige Geschichte zum Schmunzeln, das ist wesentlich für mich 😉
    Grüße von der Ostsee

    • ausgesucht schreibt:

      Ohne Anspruch auf Allgemeingültigkeit: Wesentlich scheint mir, was der Mehrheit nützt (Betonung auf ‘Nutzen’) oder von ihr handelt… 😉

      • Sven Meier schreibt:

        Ok. Kein Widerspruch. Aber ich erlaube mir, manchmal auch an mich zu denken. Das nenne ich dann „gesunden Egoismus“. Und dann sind manche, ich sag mal „Dinge“, wesentlich für mich, die weder der Mehrheit etwas nützen noch von ihr handeln. 😉

  4. YDU schreibt:

    Nach dem vielversprechenden Anfang – ich denke da an die göttlichen Knüppel zwischen den Beinen – fiel der Verlauf der Geschichte deutlich ins Banale ab. Jetzt einmal ganz ehrlich, kein Mensch mit abgeschlossenem Grundschulstudium geht davon aus, dass eine derartige Umstellung problemlos vonstatten geht. Da die ganze Sache in einem erstaunlich kurzem Zeitraum zu einem guten Ende fand, solltest du den Betreiber loben und seine ansteigende Form preisen, damit sich in Zukunft Programmierer zu ihm verirren, die wenigstens die ersten drei Buchstaben verdienen …

    • ausgesucht schreibt:

      Genau das, dieses „konditionale Loben”, scheint mir ein Hauptgrund zu sein für das massenhafte Umsichgreifen für Dilletantismus: Eine kaum durchschnittliche Leistung wurde erbracht, aber in Anbetracht der Umstände stellt sie einen glänzenden Erfolg dar. Nein, von einem Datenprovider, der seine Kampagnen ja selbst unter den Namen der Zukunft stellt, ist nicht weniger zu erwarten als ein reibungsloser Austausch von als veraltet erklärter Technologie. Aber Bananensoftware reift nun mal beim Kunden…

      • lawgunsandfreedom schreibt:

        In diese Bresche haue ich mit Vergnügen auch noch mal mit meiner größten Axt. Denn, wenn ich als Arbeitnehmer nicht die geforderte und zugesicherte Leistung erbringe, dann bekomme ich was zu hören. Vom Kunden und von meinem Arbeitgeber. Und meine Berufsehre leidet da auch drunter, wenn der Kunde nicht kriegt, was ihm zugesichert wurde.

        Gerade große Firmen und Konzerne gehen manchmal mit einer „too-big-to-fail“ Attitüde an ihre Produkte ran. Oft ist ja auch primär die Marketingabteilung schuld, wenn wieder mal was unter die Leute geworfen wird, was nicht ausgereift ist.
        Gelegentlich arbeite ich als Software-Tester und mache dann schlampige, unaufmerksame Programmierer sehr unglücklich.

        • ausgesucht schreibt:

          Brauchst Du irgendwie Verstärkung, um ‘schlampige, unaufmerksame Programmierer sehr unglücklich’ zu machen? Ich biete meine bescheidenen, aber durchaus nicht dilettantischen Dienste an… ^_^

          • lawgunsandfreedom schreibt:

            Danke für das verlockende Angebot. Aber ich bin derzeit selbst wieder auf Suche. (Nicht, daß ich mir zu viel Unwillen zugezogen hätte, das Projekt war beendet). Bin ja selbst kein Programmierer und höchstens ein Skript-Kiddie. Aber ich kann Funktionalität testen, indem ich instinktiv Dinge mache, an die viele Programmierer nicht mal im Traum denken ^-^

          • lawgunsandfreedom schreibt:

            BTW: Software-Tester sind gesuchte Leute. Und Leute, die (als Dozenten) Software-Tester ausbilden können, können ein Schweine-Geld verdienen. (ISTQB-Zertifizierte sind gesucht). Gleiches gilt für Leute, die ITIL können (oder auch unterrichten). Letztere können bis zu 10.000 Euronen netto im Monat machen. ITIL ist zwar furchtbar kompliziert für etwas, was den IT-Betrieb strukturieren und vereinfachen soll, aber schwer im Kommen.

            • ausgesucht schreibt:

              Hm, der abschließende Satz Deines Kommentars erfüllt mich mit Wohlbehagen und zugleich(!) mit Panik: zum einen werden Geschütze aufgefahren, um einem offenkundigen Mißstand (endlich einmal und dann gleich) radikal zu begegnen, zum anderen scheinen das aber „Geschütze” zu sein, die, Drohnen gleich, des Menschen immer weniger bedürfen (da Menschen derartig komplexe Gerätschaft nur noch rudimentär bedienen können, von Beherrschen ganz zu schweigen), was den Weg zur Borgisierung/Deinstallation der Menschen für nächste Schritte der Maschinenherrschaft ebnen dürfte…

              • lawgunsandfreedom schreibt:

                Bei ITIL geht’s um „Best Practice“ – was ziemlich einfach ist. Aber es ist derart kompliziert und komplex beschrieben, daß Menschen es nur mit Schwierigkeiten und Maschinen gar nicht umsetzen können. Macht aber trotzdem Spaß, da man sich (im Gegensatz zu ISO-Zertifizierungen) nur das rausnehmen braucht, was angemessen und angebracht ist

              • ausgesucht schreibt:

                … wir sprechen zweifelsohne über das gleiche. 🙂
                Im Moment ist der Regelkatalog unübersichtlich & schrecklich komplex (weil er als Patchwork aus „unzähligen” Einzelfällen generiert ist, die allesamt wichtig und es wert sind, zwingend beachtet zu werden). Die Komplexität wird (vielleicht sogar) rasant steigen. Im Ergebnis ein Monster, das von keinem Menschen beherrscht werden kann (bis auf die wenigen Nerds, die’s können werden) und das entweder institutionalisiert wird (= viele Menschen sind hauptamtlich damit befaßt, den „Paragraphendschungel” irgendwie durch durchdringen; doch sie kommen nicht mehr mit der eigentlichen Materie in Verbindung, da sie nur noch sich und ihr Regel-/Pflichtenwerk verwalten) oder eben digitalisiert (= ein unbestechlicher und vor allem nichts vergessender „Mechanismus”/Algorithmus übernimmt das Matchen und „Ausdeuten” konkreter Prozeßspezifikationen). Es dürfte sich also um denkende Maschinen handeln (Futur!), die Hoheit über Prozesse bekommen, die von und für, also zwischen Menschen Strukturen steuern; und hier beginnt das Entsetzen…

              • lawgunsandfreedom schreibt:

                Yepp. Letztendlich gib’s eine schöne neue Welt. (Für wen, wird sich zeigen). Aber die Abhängigkeit von Maschinen wird uns sicher den Rest geben. Ich mag ja Asimovs Robotergesetze. Nur fürchte ich, daß sich die nie so umsetzen lassen, daß die Maschinen die Diener der Herren bleiben. Dazu müssen die Dinger noch nicht mal Intelligenz und Bewusstsein haben. Ein schlichter, dummer, kleiner Denkfehler in einem Programmkonzept reicht schon.

                Ich finde es schon äußerst beunruhigend, daß Leute Prozesse verwalten, die sie nicht verstehen – analog zu Politikern und Beamten.

              • ausgesucht schreibt:

                Ja, da stimme ich zu. Es hat sich doch längst herumgesprochen, daß unsere Welt eine höchst komplexe ist. Genies, die alles(!) überblicken würden, sind seit Hunderten von Jahren selten geworden. In Gleichgewichte partiell einzugreifen, zieht unabsehbare Folgen nach sich – die Chaostheorie läßt grüßen. Dennoch wähnen sich die Leute, wie von Dir erwähnt, die selbst auf ihren Fachgebieten mit Tunnelblick gesegnet sind (weil „sein müssen”) im Besitz von Übersicht und Allmacht…

              • lawgunsandfreedom schreibt:

                Zauberlehrlinge …

              • ausgesucht schreibt:

                Woll! Ach, was war olle Göte vorausschauend und seiner Zeit voraus…

      • YDU schreibt:

        Der Dilletantismus wird perfektioniert, so ist es! Da auch perfekt im Zusammenhang auftaucht, meint man oft, es ginge um die eigentliche Sache, aber das ist eben der perfekte Irrtum! Blöd gelaufen und keine Hoffnung auf Besserung, abgesehen vom Wetter …

        • ausgesucht schreibt:

          Ach, das Wetter, Born ewiger Freude, zumindest ewiger Konversationsanlässe. Stell Dir doch mal vor, der Chef-Wettermacher habe den Auftrag, für dauerhaftes Ekelwetter zu sorgen. Aber auf diesem Posten dilettiert er vor sich hin, so daß wir ab und zu mal Wetterbesserung abbekommen… 😉

  5. phileos70 schreibt:

    Mit dem ökonomischen Imperativ: Zeit ist Geld! sind auch Bildung und Ausbildung unter die Möglichkeit der Verbildung geraten, d.h. die Menschen werden eilig und einzig zu nützlichen Zwecken abgerichtet, zu Beschleunigungs- und beschleunigten Teilchen innerhalb eines betriebsamen Betriebes (Chaplins „Moderne Zeiten“ lassen grüßen), in dem eine zeitverdichtende Reifebeschleunigung eine Ausreifung von Fertigkeiten und Fertigungsteilen vorzeitig unterbricht und diese als Halbfertigkeiten entläßt.

    Insofern ist es richtig beobachtet, dass der Dilettantismus – spätestens mit dem Auftreten von Massengesellschaft und Massenkultur – allgemein geworden ist, eine kulturanthropologische Konstante als eine wesenhafte Bestimmtheit des modernen Menschen. Siehe das Reifezeugnis nach 12 Jahren, siehe die Regelstudienzeit, siehe den unreif gepflückten Apfel, siehe den massenhaften Sprung von halben Stimmen auf die Superstarbühne usw …

    Danke für den Denkanstoß.

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